· Vatikanstadt ·

Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 20. Oktober

Die Freiheit der Kinder Gottes

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29 Oktober 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

In diesen Tagen sprechen wir über die Freiheit des Glaubens, während wir den Brief an die Galater hören. Mir ist jedoch in den Sinn gekommen, was Jesus über die Spontaneität und die Freiheit der Kinder gesagt hat, als dieser Junge die Freiheit hatte, sich zu nähern und sich zu bewegen als sei er hier zuhause… Und Jesus sagt zu uns: »Auch ihr, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.« Der Mut, sich dem Herrn zu nähern, dem Herrn gegenüber offen zu sein, keine Angst zu haben vor dem Herrn: Ich danke diesem Jungen für die Lektion, die er uns allen erteilt hat. Und der Herr helfe ihm in seinen Grenzen, in seinem Wachstum, weil er dieses Zeugnis gegeben hat, das ihm von Herzen gekommen ist. Bei Kindern gibt es keine automatische Übersetzung vom Herzen zum Leben: Das Herz geht voran.

Der Apostel Paulus führt uns mit seinem Brief an die Galater nach und nach langsam in die große Neuheit des Glaubens ein. Es ist wirklich eine große Neuheit, weil es nicht nur einige Aspekte des Lebens erneuert, sondern uns hineinführt in jenes »neue Leben«, das wir durch die Taufe empfangen haben. Dort wurde über uns das größte Geschenk ausgegossen: Kinder Gottes zu sein. Neugeboren in Christus sind wir von einer Religiosität, die aus Vorschriften bestand, übergegangen zu einem lebendigen Glauben, der seinen Mittelpunkt in der Gemeinschaft mit Gott und mit den Geschwistern, also in der Liebe hat. Wir sind von der Knechtschaft der Angst und der Sünde übergegangen zur Freiheit der Kinder Gottes: noch einmal das Wort »Freiheit«.

Heute versuchen wir, besser zu verstehen, was für den Apostel das Herzstück dieser Freiheit ist. Paulus sagt, dass sie alles andere ist als ein »Vorwand für das Fleisch« (Gal 5,13): Die Freiheit ist also kein ausschweifendes Leben, nach dem Fleisch oder nach dem Instinkt, den individuellen Gelüsten und den eigenen egoistischen Impulsen. Im Gegenteil: Die Freiheit Jesu führt uns dahin – so schreibt der Apostel –, einander in Liebe zu dienen (vgl. ebd.) Ist das aber nicht Knechtschaft? Nun ja, die Freiheit in Chris-tus hat etwas von »Knechtschaft«: eine Dimension, die uns zum Dienen führt, um für die anderen zu leben. Mit anderen Worten, die wahre Freiheit kommt zum vollen Ausdruck in der Liebe. Erneut stehen wir dem Paradoxon des Evangeliums gegenüber: Wir sind frei zum Dienen – und nicht dazu, zu tun, was wir wollen. Wir sind frei zum Dienen, und dort kommt die Freiheit; wir finden uns selbst in ganzer Fülle in dem Maße, in dem wir uns hinschenken. Wir finden uns selbst in ganzer Fülle in dem Maße, in dem wir uns hinschenken, den Mut haben, uns hinzuschenken; wir besitzen das Leben, wenn wir es verlieren (vgl. Mk 8,35). Das ist reines Evangelium.

Wie aber erklärt sich dieses Paradoxon? Die Antwort des Apostels ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: »in Liebe« (Gal 5,13). Es gibt keine Freiheit ohne Liebe. Die egoistische Freiheit, das zu tun, was ich will, ist keine Freiheit, weil sie auf sich selbst zurückfällt, nicht fruchtbar ist. Die Liebe Chris-ti hat uns befreit, und die Liebe befreit uns auch von der schlimmeren Knechtschaft, der Knechtschaft des eigenen Ich; daher wächst die Freiheit mit der Liebe. Aber Achtung: nicht mit der sich nach außen abschottenden Liebe, mit der Liebe nach Art der Telenovelas, nicht mit der Leidenschaft, die nur nach dem sucht, was uns gefällt und was wir mögen, sondern mit der Liebe, die wir in Christus sehen, der Nächstenliebe: Das ist die wahrhaft freie und befreiende Liebe. Es ist die Liebe, die im unentgeltlichen Dienst erstrahlt, nach dem Vorbild der Liebe Jesu, der seinen Jüngern die Füße wäscht und sagt: »Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe« (Joh 13,15). Einander dienen.

Für Paulus besteht also die Freiheit nicht darin, »zu tun und zu lassen, was man will«. Diese Art von Freiheit, ohne ein Ziel und ohne Bezugspunkte, wäre eine leere Freiheit, eine Freiheit wie im Zirkus: Das geht nicht. Und tatsächlich hinterlässt sie eine innere Leere: Wie oft merken wir, nachdem wir nur dem Instinkt gefolgt sind, dass wir mit einer großen inneren Leere zurückbleiben und den Schatz unserer Freiheit – die Schönheit, das wahre Wohl für uns und für die anderen zu wählen –, schlecht genutzt haben. Nur diese Freiheit ist vollkommen, konkret, und sie stellt uns in das wirkliche tägliche Leben hinein. Die wahre Freiheit befreit uns immer. Wenn wir dagegen jene Freiheit »was mir gefällt und was mir nicht gefällt« suchen, dann gehen wir am Ende leer aus.

In einem anderen Brief, dem Ersten Brief an die Korinther, antwortet der Apostel jenen, die eine falsche Vorstellung von der Freiheit haben. »Alles ist erlaubt!«, sagen sie. »Ja, aber nicht alles nützt«, antwortet Paulus. »Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf«, erwidert der Apostel. Dann fügt er hinzu: »Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen!« (1 Kor 10,23—24). Das ist die Regel, um jede egoistische Freiheit zu entlarven. Auch jenen, die versucht sind, die Freiheit nur auf den eigenen Geschmack zu reduzieren, hält Paulus die Notwendigkeit der Liebe vor Augen. Die von der Liebe geleitete Freiheit ist die einzige, die die anderen und uns selbst frei macht; die es versteht zuzuhören, ohne etwas aufzuzwingen; die es versteht zu lieben, ohne zu zwingen; die aufbaut und nicht zerstört; die die anderen nicht für die eigenen Interessen ausnutzt, und ihnen Gutes tut, ohne nach dem eigenen Nutzen zu streben. Wenn also die Freiheit nicht im Dienst – das ist der
Test –, wenn die Freiheit nicht im Dienst des Guten steht, dann läuft sie Gefahr, unfruchtbar zu werden und trägt keine Frucht. Die von der Liebe beseelte Freiheit dagegen führt zu den Armen und erkennt in ihren Gesichtern das Antlitz Christi. Daher kann Paulus durch das Wort »einander dienen« in seinem Brief an die Galater etwas durchaus nicht Nebensächliches hervorheben: Indem er so über die Freiheit spricht, die die anderen Apostel ihm zum Evangelisieren gegeben haben, hebt er hervor, dass sie ihm nur eines ans Herz gelegt haben: an die Armen zu denken (vgl. Gal 2,10). Das ist interessant. Als Paulus und die Apostel sich nach jenem ideologischen Kampf geeinigt haben, was haben die Apostel ihm da gesagt? »Geh voran, geh voran, und vergiss die Armen nicht«: Deine Freiheit als Verkündiger muss also eine Freiheit im Dienst der anderen sein, nicht für dich selbst, um zu tun, was dir gefällt.

Wir wissen hingegen, dass eine der am meisten verbreiteten modernen Auffassungen von der Freiheit folgende ist: »Meine Freiheit endet dort, wo deine beginnt.« Hier fehlt jedoch die Beziehung, das Verhältnis! Es ist eine individualistische Sichtweise. Wer dagegen das Geschenk der von Jesus gewirkten Befreiung empfangen hat, kann nicht meinen, dass die Freiheit darin bestehe, sich von den anderen fernzuhalten, sie als störend zu empfinden, sie kann nicht den Menschen in sich selbst verschanzt sehen, sondern immer eingebunden in eine Gemeinschaft. Die soziale Dimension ist grundlegend für die Christen und gestattet ihnen, auf das Gemeinwohl und nicht auf das private Interesse zu schauen.

Vor allem in diesem Augenblick der Geschichte müssen wir die gemeinschaftliche, nicht individualistische Dimension der Freiheit wiederentdecken: Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir einander brauchen. Es genügt aber nicht, das zu wissen, sondern man muss es jeden Tag konkret wählen, sich für diesen Weg entscheiden. Wir sagen und wir glauben, dass die anderen kein Hindernis für meine Freiheit sind, sondern die Möglichkeit, diese in ganzer Fülle zu verwirklichen. Denn unsere Freiheit entsteht aus der Liebe Gottes, die in der Nächstenliebe wächst.

(Orig. ital. in O.R. 20.10.2021)