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Blick in die Geschichte des »Osservatore Romano« und seine fremdsprachigen Ausgaben

Eine Brücke zwischen Rom und der Weltkirche

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08 Oktober 2021

Die großen Zeitungen der Welt zeigen ihre Bedeutung auch in der Größe ihrer Verlagshäuser, in imposanten Bauten mit weit sichtbarer Reklame. Wer jedoch in der Vergangenheit den Sitz der Zeitung des Papstes aufsuchte, wurde enttäuscht. Die Verlags- und Redaktionsräume des »Osservatore Romano«, des »Römischen Beobachters«, lagen für Jahrzehnte in einer unscheinbaren Straße der Vatikanstadt, der Via del Pellegrino, in einem bescheidenen Backsteinbau, den nur ein päpstliches Wappen und ein Marmorschild schmückten. Auf einen Prachtbau hatte man verzichtet.

»Sie ist eine ernsthafte, gewichtige Zeitung, die man nie in der Straßenbahn oder im Café lesen würde«, hob Kardinal Giovanni Battista Montini 1961 aus Anlass des hundertjährigen Bestehens der Zeitung hervor. Der damalige Erzbischof von Mailand und spätere Papst Paul VI. wusste, dass sich die Zeitung des Vatikans vor allen durch Seriosität auszeichnete und jede Effekthascherei vermied.

Am 1. Juli 1861, nur wenige Monate nach der Ausrufung des Königreiches Italien am 17. März 1861, hatten engagierte Katholiken – Nicola Zanchini aus Forlì und Giuseppe Bastia aus Cento – den »Osservatore Romano« gegründet, um dem Papst eine Stimme in den Bedrängnissen der Zeit zu geben, die Anliegen des Glaubens der Welt zu vermitteln und im Besonderen »die Verleumdungen, die gegen Rom und das Papsttum geschleudert werden, zu entlarven und zu widerlegen«. Ein entscheidender Anstoß zur Gründung war vom stellvertretenden Innenminister des Kirchenstaates, Marcantonio Pacelli, dem Großvater Papst Pius’ XII., ausgegangen.

Die erste Ausgabe der Zeitung umfasste vier Seiten und wurde für fünf Baiocchi zum Kauf angeboten. Eine gewichtige Rolle nahm das Blatt während des I. Vatikanischen Konzils (1869-1870) ein; sein damaliger Direktor, Augusto Baviera, veröffentlichte in einer eigenen Rubrik die Interventionen der Konzilsväter. Nach der Einnahme des Kirchenstaates im September 1870 stellte die Zeitung kurzfristig ihr Erscheinen ein, nahm es dann aber auf ausdrücklichen Wunsch des Vatikans wieder auf. Aus der privaten Zeitungsinitiative wurde dann schon bald eine Publikation, die in den Besitz des Heiligen Stuhls überging.

1911 erschien der »Osservatore Romano« erstmals mit sechs Seiten Umfang. Während der Zeit des Ersten Weltkriegs sah er sich strikter Neutralität verpflichtet; er wollte die Stimme des Papstes für eine Beilegung des Konfliktes und des Friedens unter den Völkern sein. Vom 9. Juli bis 10. September 1919 war das Blatt nicht erhältlich;  ein ungewöhnlich langer Streik der römischen Drucker hatte sein Erscheinen verhindert. Die Information seiner Abonnenten und Leser aus vatikanischer Sicht übernahm für diesen Zeitraum die in Florenz verlegte »L’Unità Cattolica«.

Zu Beginn seines Erscheinens hatte der »Osservatore Romano« keinen festen Sitz. 1861 fanden sich seine Gründer bei der Druckerei Salviucci auf der Piazza Santi XII Apostoli ein. Im Jahre 1862 ließ er sich im Palazzo Petri an der Piazza dei Crociferi nieder. Später übersiedelte die Zeitung zu einer Lokalität in der Nähe der Fontana di Trevi. Zahlreiche weitere Ortswechsel folgten (so unter anderem an die Piazza San Claudio, zum Vicolo Sciarra, in die Via del Gesù und in den Palazzo Del Bufalo in der Via del Nazareno), bis man nach der Gründung des souveränen Staates der Vatikanstadt (1929) in deren Via del Pellegrino Fuß fasste.

Giuseppe Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto (von 1920 bis 1960 Direktor und Chefredakteur der Zeitung), verfasste 1932 für die »Illustrazione Vaticana« den Artikel »Spaziergang durch die Vatikanstadt«. Zum »Industrieviertel« des Vatikans schrieb er: »Es geht vorüber an dem fast vollendeten Palazzetto der Post- und Telegrafenstation zu den neuen Kasernen der Schweizer in die Via del Pellegrino, der Hauptverkehrsader dieses vatikanischen Viertels, die ganz neu hergerichtet ist. Da steht die Pfarrei, die Schule für Bildteppichweberei, das neue Gebäude von S. Egidio, der Palazzino für die Gendarmerieoffiziere, der Sitz der ›Illustrazione Vaticana‹ und des ›Osservatore Romano‹, der eben durch neue Maschinenräume vergrößert wird. All dies ist in drei Jahren erreicht worden.«

Im Sommer des Jahres 1933 wusste die »Illustrazione Vaticana« zu berichten: »Am Vorabend von Sankt Peter verließ der Heilige Vater [Pius XI., 1922-1939] seine Privatgemächer, um sich im Automobil zu einer Besichtigung der neuesten Arbeiten in der Vatikanstadt zu begeben, die kürzlich vollendet wurden. Gegen ½ 6 Uhr begab sich der Heilige Vater nach dem Gebäude des Osservatore Romano, wo er im Maschinensaal die neue Rotationsmaschine segnete, mit der er die Druckerei ausgestattet hat.«

Eines bewies der »Osservatore Romano« immer: Mut. Sowohl in den Zeiten eines aggressiven Antiklerikalismus nach dem Untergang des alten Kirchenstaates im Jahre 1870 als auch unter der Herrschaft der Faschisten über die apenninische Halbinsel. Während des Faschismus nahm er entschieden Stellung, als 1931 gegen die Katholische Aktion Italiens vorgegangen wurde und ab 1938 gegen die Judenverfolgungen. In dieser Zeit wurde er in Italien wiederholt beschlagnahmt, Zeitschriftenbündel des »Osservatore Romano« in Brand gesteckt, Verkäufer und Käufer der Publikation massiv bedroht.

Auf originelle, aber auch unmissverständliche Weise äußerte er sich 1931 zum Besuch Adolf  Hitlers in Rom. Als der »Führer« in der Stadt am Tiber eintraf, hatte sich Pius XI. zu seiner Sommerresidenz in die Albaner Berge begeben. Die Zeitung des Papstes brachte die kurze Meldung, der Heilige Vater sei in Castel Gandolfo eingetroffen, »da ihm die dortige Luft besser bekäme als die in der Ewigen Stadt«. In den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts blieb das Blatt seinen Idealen treu.

Zur Rolle des »Römischen Beobachters« im Zweiten Weltkrieg schrieb Kardinal Montini 1961: »Es war gleichsam so, als würden in einem Saal alle Lichter erlöschen und ein einziges bleibt erleuchtet: alle Blicke richten sich auf das noch brennende Licht; und zum Glück war es das vatikanische Licht, die ruhige Flamme, die vom apostolischen Licht Petri genährt wird. Der ›Osservatore‹ erschien damals als das, was er im wesentlichen seither gewesen ist: ein Orientierungslicht.« Für den heiligen Johannes XXIII. (1958-1963) war seine Zeitung nicht nur »ein Zeuge, sondern auch ein Baumeister der Geschichte«.

1948 erschien erstmals eine Wochenausgabe des »Osservatore Romano« in italienischer Sprache; es folgten Ausgaben auf Französisch (1949), Englisch (1968), Spanisch (1969), Portugiesisch (1969) und Deutsch (1971). 1980 wurde eine Monatsausgabe auf Polnisch ins Leben gerufen, 2008 eine Wochenausgabe in Malayam (einer vorwiegend im Bundesstaat Kerala an der Südwestküste Indiens gesprochenen Sprache).

Die erste Probenummer der deutschen Wochenausgabe vom 9. Juli 1971 brachte einen Hinweis an die Leser, warum man sich für eine Edition in deutscher Sprache entschieden habe: »Um beizutragen zu einer besseren und vollständigeren Information über die Gesamtkirche und deren Belange; um mehr Grundlagen anzubieten für das lebendige Gespräch über Fragen, von denen sich jeder Gläubige in der Kirche und Welt von heute angefordert weiß.«

Zum Programm hieß es: »Das Wort des Papstes in Ansprachen, Botschaften, Weisungen und Rundschreiben in ungekürzter Ausgabe dokumentieren sowie Veröffentlichungen päpstlicher Behörden im vollen Wortlaut vermitteln, also den Dienst des Petrusamtes den Gläubigen präsent machen. Verlautbarungen der Bischofskonferenzen in den deutschsprachigen Ländern und wichtige Beiträge von Bischöfen in aller Welt jedermann vollständig zugänglich zu machen, also informieren über den Dienst der Bischöfe. Schließlich sollen theologische Beiträge und Informationen die Kenntnis von allen Lebensbereichen der Kirche vervollständigen.«

Für die erste offizielle Ausgabe, die am 8. Oktober 1971 erschien, verfasste der heilige Paul VI. (1963-1978) eine Grußbotschaft: »Mit Freude begrüßen Wir die neue Wochenausgabe des ›Osservatore Romano‹ in deutscher Sprache und begleiten ihr Erscheinen mit Unseren besten Wünschen. Möge sie dazu beitragen, den Geist brüderlicher Verbundenheit im Gottesvolk zu fördern. Denen, die an der Verwirklichung dieser Initiative verdienstvollen Anteil haben, sowie allen Mitarbeitern und Lesern dieser Zeitung erteilen Wir von Herzen Unseren Apostolischen Segen. Aus dem Vatikan, den 1. Oktober 1971. Paulus PP. VI.«

Im Januar 1986 wurden Druck, Vertrieb und Marketing der Wochenausgabe in deutscher Sprache dem Schwabenverlag in Ostfildern (Deutschland) übertragen. Auf der Internetseite www.osservatore-romano.de bietet der Schwabenverlag ein ausführliches Inhaltsverzeichnis der aktuellen Wochenausgabe an. Abonnenten steht der Zugang zur jeweiligen Online-Ausgabe der Zeitung und ein umfangreiches Archiv mit Suchfunktionen zur Verfügung.

Prominente kirchliche Würdenträger haben in zahlreichen Grußworten die deutsche Ausgabe gewürdigt. Für Reinhard Kardinal Marx, den Erzbischof von München und Freising, stand fest: »Wer sich über den Vatikan und Papst Franziskus informieren will, liest den ›Osservatore Romano‹ … Er stellt eine Brücke her zwischen den interessierten Lesern und Gläubigen mit Papst Franziskus und leistet so einen wichtigen Beitrag zu einer lebendigen Weltkirche, die sich mit Rom verbunden weiß«. Dr. Gebhard Fürst, der Bischof von Rottenburg-Stuttgart und Medienbischof der Deutschen Bischofskonferenz, bescheinigte der Zeitung des Papstes »eine authentische Berichterstattung, Glaubwürdigkeit und Vertrauen«.

Rainer Maria Kardinal Woelki, der Erzbischof von Köln, schrieb: »Jede Ausgabe ist wie eine Romreise«. Für Kurienkardinal Kurt Koch »ist der L’Osservatore Romano nicht nur ein unentbehrliches Mittel der Information, sondern auch ein bedeutsamer Beitrag zu einer lebendigen Erfahrung kirchlicher Gemeinschaft am Ort und in der Welt«. Alois Kothgasser, emeritierter Erzbischof von Salzburg, sah in der Zeitung »nicht nur ein unentbehrliches Mittel der Information, sondern auch ein[en] bedeutsame[n] Beitrag zu einer lebendigen Erfahrung kirchlicher Gemeinschaft am Ort und in der Welt«.

Am 5. Juli 2011 stattete Papst Benedikt XVI. der Redaktion des »Osservatore Romano« in der Via del Pellegrino einen Besuch ab. Der Heilige Vater stellte aus Anlass der 150-Jahr-Feier der Vatikanzeitung fest: »Der ›Osservatore‹ bleibt nicht an der Oberfläche der Ereignisse, sondern er geht ihnen auf den Grund. Er zeigt uns nicht nur die Oberfläche, sondern auch die kulturellen Wurzeln und den Grund der Dinge. Für mich ist er nicht nur eine Zeitung, sondern auch ein Bildungsblatt. Ich bewundere es, dass es möglich ist, jeden Tag größere Beiträge zu geben, die uns helfen, den Menschen und die Wurzeln, aus denen die Dinge kommen, wie sie verstanden, umgesetzt, verändert werden müssen, besser zu verstehen.«

Zu den beiden Motti, »Unicuique suum – Jedem das Seine« und »Non praevalebunt – Und (die Pforten der Hölle) werden sie nicht überwältigen«, die der »Osservatore Romano« in seinem Zeitungskopf anführt, sagte der Papst: »Das ist eine bezeichnende Synthese für die Kultur der westlichen Welt: auf der einen Seite das große römische Recht, auf der anderen Seite das Evangelium. Diese beiden Kriterien gemeinsam helfen dabei, eine humane, humanistische Information zu bieten, im Sinne eines Humanismus, der seine Wurzeln in Gottes Güte hat.«

Auf besonderen Wunsch von Benedikt XVI. und des jetzigen Heiligen Vaters hat der »Osservatore Romano« verstärkt die Rolle der Frauen in und für die Kirche unterstrichen. Seit Mai 2012 wird die Tagesausgabe jeden Monat (außer im August) durch eine farbige Sonderbeilage bereichert, die den Frauen in der ganzen Welt unter besonderer Berücksichtigung ihrer Beziehung zur Kirche gewidmet ist. Sie will einen Beitrag leisten zur vertieften Betrachtung der Rolle der Frau in Gegenwart und Vergangenheit, wobei auch kontroverse Themen nicht ausgespart werden.

In der Zeitung selber ist das weibliche Geschlecht schon länger präsent. Als erste Journalistin wirkte bereits 1867 Antonietta Klitsche de la Grange (1832–1912), eine Romanschriftstellerin und Enkelin des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, für sie. Sogar in Führungspositionen sind heute Frauen präsent. In der jüngeren Vergangenheit stand die Tirolerin Astrid Haas der deutschsprachigen Wochenausgabe für fast zehn Jahre als Redaktionsleiterin vor.

Im März 2020 bereitete die Covid-19-Epidemie dem »Osservatore Romano« einen Umstand, der nicht einmal in den Jahren der beiden Weltkriege eingetreten war: Die italienische Tagesausgabe und die fremdsprachigen Editionen mussten zeitweilig ihr Erscheinen auf Papier einstellen. Nur zehn Exemplare erschienen gedruckt, darunter eines für den Heiligen Vater und einige weitere für die höchsten Entscheidungsträger des Vatikans. Einzig der Redaktion der deutschsprachigen Wochenausgabe gelang es in bewundernswürdigem Einsatz, ihren Lesern in Kooperation mit dem Schwabenverlag den Bezug der gewohnten Print-Ausgabe zu sichern.

Neun Jahrzehnte lang entstand der »Osservatore Romano« im Norden der Vatikanstadt, in der Via del Pellegrino. Der jetzige Heilige Vater ordnete in den vergangenen Jahren das Kommunikationswesen des Vatikans neu und schuf das »Dikasterium für Kommunikation«, das die Kompetenz über die gesamte Öffentlichkeitsarbeit des Apostolischen Stuhls und des Vatikanstaates erhielt. Auch der »Osservatore Romano« wurde  der neuen Behörde unterstellt. Für die Zeitung des Papstes stand nunmehr ein Ortswechsel an. Am 11. November 2020 zog sie von der Vatikanstadt auf einen exterritorialen Besitz des Heiligen Stuhls, in den »Palazzo dei media vaticani« (Piazza Pia Nr. 3) am Beginn der Via della Conciliazione. Am 24. Mai 2021 besuchte Papst Franziskus das Dikasterium für Kommunikation. Anlass waren das 160-Jahr-Jubiläum der italienischen Ausgabe des »Osservatore Romano« und der 90. Gründungstag von Radio Vatikan. Im zweiten Stock des Gebäudes suchte der Heilige Vater mit Andrea Monda, dem Direktor des »Osservatore Romano«, die Redaktionsräume der Zeitung auf, wo ihm auch die deutsche Ausgabe vorgestellt wurde. Matthias Hoch, der Verantwortliche für die deutschsprachige Edition, zeigte Papst Franziskus ein Exemplar der Zeitung.

In einem Interview mit dem Regisseur Francesco Zippel, der einen Dokumentarfilm drehte, der der 160-jährigen Geschichte der Zeitung des Heiligen Stuhls gewidmet ist, sagte der Papst: »Ich lese ihn jeden Tag, und wenn er sonntags nicht erscheint, dann fehlt mir etwas. Nicht nur jetzt. Auch in Argentinien habe ich die spanische Wochenausgabe von vorne bis hinten gelesen, weil ich weiß, dass sie eine Verbindung zum Heiligen Stuhl, zum Lehramt und zum Leben der Kirche, zur Geschichte der Kirche herstellt.«

Der Heilige Vater betonte, die Zeitung dürfe nicht im Labor entstehen: »Es muss eine ›Straßenzeitung‹ sein, sagen wir es einmal so, aber in übertragener Bedeutung: eine Zeitung, die auf die Straße hinauszugehen versteht, um die Geschichte zu sehen, sie mit Händen zu greifen und darüber nachzudenken. Die Geschichte von heute, die von gestern.«

Der Papst machte auf den heiligen Paul VI. aufmerksam, der in der Zeitung eine Vermittlerin von Bildung sah, und wies auf einen wichtigen Aspekt hin, vor allem in Bezug auf die Verbreitung des päpstlichen Lehramts: »Ich denke an Pius XII., der über alle möglichen Themen gesprochen hat, sein Lehramt war sehr umfassend. Durch den ›Osservatore Romano‹ hat es Schule gemacht und sich als Lehre verbreitet.«

Abschließend stellte sich der Heilige Vater die Frage: »Wie wird der ›Osservatore Romano‹ in 200 Jahren aussehen? Darüber habe ich nicht nachgedacht, diese Frage habe ich mir nicht gestellt. Ich hoffe, er wird immer aktuell sein.«

Von Ulrich Nersinger