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Betrachtung zum Raffaelgemälde der Vermählung von Maria und Josef in der Mailänder Brera-Pinakothek

Die treue und ewige Liebe Jesu empfangen

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01 Oktober 2021

Das 16. Jahrhundert hatte gerade eben erst begonnen, als die Familie Albizzini aus Città di Castello ein Gemälde für die Kirche des heiligen Franziskus in ihrer Stadt in Auftrag gab. Es sollte die Vermählung von Maria und Joseph darstellen. Der von ihnen gewählte Maler ist noch sehr jung, gerade einmal 21 Jahre alt, aber er hat bereits herausragende Werke geschaffen. Er stammt aus Urbino, trägt den Namen Raffaello Sanzio und wird auch »der Göttliche genannt, weil er mit scheinbar großer Leichtigkeit Werke von außergewöhnlicher Harmonie und Schönheit zu schaffen versteht.

Er selbst hat ein anziehendes Äußeres, dazu angenehme Umgangsformen, wird von allen geschätzt und hat sich sehr schnell entwickelt. Für das Gemälde der Vermählung Marias (ital. »Sposalizio della Vergine«) studiert er den von Bramante auf dem Gianicolo errichteten »Tempietto«, der damals im Bau war. Aber vor allem greift er auf ein Werk desselben Themas zurück, das sein Lehrer Perugino geschaffen hatte. Es befindet sich heute im Dom von Perugia. Raffael gelingt es sogar, seinen Lehrer zu übertreffen. Was mag das in Perugino hervorgerufen haben: Stolz oder Neid? Aber das wäre eine andere Geschichte über die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler und die Weitergabe des Könnens.

Vereinigung von zwei Leben

Wir wollen unsere Aufmerksamkeit dem Meisterwerk widmen: Raffael stellt Maria und Josef dar, die vor dem Priester stehen. Auf den Gesichtern von Maria und ihren Freundinnen liegt eine einzigartige Gelassenheit und Sanftmut. Sie ist mit einem sehr schönen Profil dargestellt, wie es nur Raffael zu malen verstand. An erster Stelle unter den Bewerbern um ihre Hand vermittelt Josef den Eindruck von Stärke und Sicherheit. Der Priester, der sie sanft an den Handgelenken hält, vereint als Stellvertreter Gottes auf der Erde zwei Leben, zwei Geschicke. Die freie Hand Marias liegt vor ihrem Schoß. Josef hält einen blühenden Zweig in seiner Linken. Im Hintergrund sehen wir einen Platz, über den Menschen in verschiedene Richtungen gehen. Das Pflaster des Platzes besteht aus rechteckigen Platten in zwei miteinander abwechselnden Farben. Sie betonen Perspektive und Geometrie des Bildes und führen zum Gebäude im Hintergrund mit seinen für die Renaissance charakteristischen Proportionen. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Tempel, der jedoch mehr ist als bloße Kulisse. Er will uns etwas sagen: Die sechzehn Säulen – zwei mal acht – sind ein Symbol des Unendlichen und der Auferstehung. Wie die Ehe: Die Ehe als neue, ewige Geburt, die zwei neue Menschen weiht, vereint für eine Zeit, die ewig sein soll. Auch die Rundung der Bedeckung will etwas sagen: Sie verweist uns auf den Ring, den Josef Maria gerade anstecken will, sichtbares Zeichen an den Händen der Eheleute, das daran erinnert, dass Gott sie »am Anfang der Schöpfung männlich und weiblich erschaffen hat. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. […] Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen« (Mk 10,6-9).

»Siehe, mit diesem Ring bist du mir angetraut als meine Frau nach dem Gesetz des Mose und Israels.« Diese oder ähnliche Worte wird Josef von Nazaret wohl gesprochen haben. Die Ehe wurde in zwei voneinander getrennten Feiern geschlossen. Zuerst die Zeremonie des »Erusin«, das keine einfache Verlobung war, sondern ein definitives Versprechen, und dann »Nissuin«, die Hochzeit im eigentlichen Sinn, mit der das Zusammenleben begann.

Das Gebäude im Hintergrund betritt man über mehrere Stufen, die zu einer offenen Tür führen. Ihr entspricht eine weitere Tür am anderen Ende des Baus, durch die man den Himmel und eine Landschaft sehen kann. Ist es der endlich offen stehende Eingang in den Neuen Bund, der dank dieser Vermählung beginnt? Auf dem Fries über dem diese Tür einrahmenden Bogen hat Raffael seinen Namen hinterlassen und darunter die Jahreszahl 1504. Will er sich mit dieser Signatur von seinem Meister absetzen? Wie Michelangelo es bei der Pietà im Petersdom tat, ist es vielleicht, angesichts der Jugend des Künstlers, besser, das Werk zu signieren, um sicher zu sein, dass man weiß, wer es geschaffen hat? Wahrscheinlich.

Kommen wir nun zur Hauptszene, der Vermählung. Wir wissen nicht, ob Maria um ihre Zustimmung gefragt wurde, Josef zu heiraten. Im Alten Testament finden wir viele Ehen, die allein von Männern vereinbart wurden. Nur wenige Frauen werden nach ihrer Meinung gefragt. Das geschieht zum Beispiel bei Rebekka, der Frau Isaaks: »Sie riefen Rebekka und fragten sie: Willst du mit diesem Mann ziehen? Ja, antwortete sie« (Gen 24,58). Heute ist der Ehekonsens von Mann und Frau notwendig. Die freie gegenseitige Wahl der Ehepartner ist in der Geschichte der Menschheit relativ neu. In vielen Ländern der Welt, leider nicht in allen, wählen junge Leute ihren Partner aus, treffen sich, lernen sich kennen. Die jungen Männer neben Josef sind der Überlieferung zufolge seine Rivalen. Sie hoffen alle, die Liebe Marias zu erobern.

Josefs blühender Stab

In den apokryphen Evangelien (Protoevangelium des Jakobus) ist in den Maria gewidmeten Erzählungen die Rede von einem Stab, der jedem von ihnen ausgehändigt wird, als das junge Mädchen den Tempel verlässt, wo es aufgewachsen ist und wo sicherlich die Hochzeit stattfinden wird. Alle Stöcke bleiben vertrocknet, bis auf den Josefs, der eine Blüte hervorbringt. Das ist das Zeichen vom Himmel, dass er der Bräutigam Marias sein soll. Einer seiner Rivalen zerbricht den Stock mit dem Knie. Das ist das einzige »etwas gewaltsame Detail« dieses Bildes, das ansonsten vollkommene Harmonie und Sammlung ausdrückt. Wie ein Tanz, eine Harmonie, die Josef besser als alle anderen zum Ausdruck bringt, da er sich seine ganze Jugend lang auf die Begegnung mit Maria vorbereitet hat. Seine Rechtschaffenheit wird belohnt. Er ist der Bräutigam.

Er hat den Wettbewerb durch seine aufrichtige Liebe zu Maria gewonnen, mit der Bereitschaft, sein Leben für sie hinzugeben. Um einem Paar in der Krise zu helfen, ist es oft nützlich, an den Einsatz zurückzudenken, den es gab, um die Liebe füreinander zu erringen. Bei den Ehepaaren gibt es keine Sockel. Es gibt die Gleichberechtigung, es gibt die gegenseitige Verpflichtung, den anderen glücklich zu machen. Auf Raffaels Gemälde trägt Maria eine Fußbekleidung, während Josef barfuß ist, denn er steht vor Gott. Wo aber ist Gott auf diesem Bild? Die Tür des Tempels steht offen, aber durch die Tür sehen wir nichts, keinen Altar, keine Statue. Was für eine Art von Tempel ist es? Sieht man genau hin, erkennt man, dass man durch die Tür in den Himmel blickt. Raffael sagt uns damit, dass in diesem Augenblick alles anders wird, denn der neue und wahre Tempel in dieser Szene ist Maria: Der Herr ist in ihr. Jesus, der Herr, der die menschliche Natur nicht verachtet, sondern sie annimmt.

In Amoris laetitia lesen wir: »Die christliche Ehe ist ein Zeichen, das nicht nur darauf hinweist, wie sehr Christus seine Kirche in dem am Kreuz besiegelten Bund geliebt hat, sondern das diese Liebe in der Gemeinschaft der Gatten gegenwärtig werden lässt. Indem sie sich vereinen und ein Fleisch werden, bilden sie die Vermählung des Gottessohnes mit der menschlichen Natur ab« (Nr. 73). Der Herr vereint durch den Priester die Eheleute und übergibt ihnen sein Hochzeitsgeschenk. Was ist das Geschenk Jesu für das Brautpaar? So gesinnt zu sein wie er selbst, seine Empfindungen. Die Eheleute empfangen in ihrem Herzen die treue und ewige Liebe Jesu. Sie empfangen die Kraft, um auch unüberwindbare Hindernisse zu bewältigen, das Leben herauszufordern und zu siegen.

Noch eine kleine Kuriosität. Wie viele Besucher werden in der Mailänder »Pinacoteca di Brera« nicht nur das Bild von Raffael sehen, sondern ihre Aufmerksamkeit auch wenigstens einige Augenblicke dem Rahmen zuwenden? Wahrscheinlich sind es nur wenige. Am 19. März 2009 wurde das Bild im Anschluss an eine Restaurierung dem Publikum vorgestellt, begleitet von einer Veröffentlichung, die auch einen Aufsatz über die Geschichte des Rahmens enthält. Dem Werk hatte immer ein würdiger Rahmen gefehlt, auch in der Zeit, als es sich in der Franziskanerkirche von Città di Castello in einer Nische aus Holz und Stuck befand. Später erwarb die Familie Lechi das Bild, aber auch da blieb es ohne eine angemessene Rahmung. Als das Gemälde 1805 in die Brera-Pinakothek kam, wurde sofort ein Rahmen in Auftrag gegeben, der ebenfalls ein Kunstwerk sein sollte. Die Ornamentik erinnert an das virtuose Dekorationsrepertoire des 18. Jahrhunderts: Blumen, Vasen, Hermen, ovale und runde Kameen, Phantasietiere, Körbe und Akanthusranken. Das Ergebnis war ein außerordentliches Werk. Es scheint schon immer zum Bild gehört zu haben, obwohl der Rahmen fast genau dreihundert Jahre jünger ist, eine Arbeit, die das Raffaelgemälde der Vermählung Marias mit einem goldenen Rahmen »vermählt«.

Von Massimiliano Ferragina und Luca Pasquale