· Vatikanstadt ·

Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft. Es gibt keine Erinnerung ohne eine Öffnung für den Dialog

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13 September 2021

Der Fluss, die Brücke und die Wurzeln. Drei Bilder, die nach der ungefähr drei Stunden und drei Veranstaltungen mit ihren jeweiligen Ansprachen langen Stippvisite von Papst Franziskus in Budapest an einem immer nochrichtig sommerlichen Vormittag und einer heißen und starken, glühend warmen Sonne in Erinnerung bleiben.

Der Fluss: hierbei ist nicht die Donau gemeint, denn es gibt, wie der Papst den Bischöfen bei der ersten Begegnung dieses Vormittags gesagt hat, »ein[en] Fluss lebendigen Wassers – unendlich viel größer und einladender als eure große Donau«, der aus Jesus und aus dem Evangelium sprudelt, der »die Dürre der Welt und des Herzens des Menschen erreicht, reinigend und den Durst stillend«. Angesichts dieses Geschenks der Gnade, das seit mehr als zwanzig Jahrhunderten fließt, muss der Blick derer, die berufen sind, Hirten des Volkes der Gläubigen zu sein, aufmerksam sein und zugleich fähig sein, »die Vergangenheit [zu] bewahren und in die Zukunft [zu] schauen«. Und hier kommt die Frage der Tradition ins Spiel, die den von Franziskus zitierten Worten Benedikts XVI. zufolge (Generalaudienz vom 3. Mai 2006) »keine Ansammlung von Dingen oder Worten ist, kein Behältnis für tote Dinge; die Tradition ist der Fluss des neuen Lebens, der von den Ursprüngen kommt, von Christus bis zu uns, und uns in die Geschichte Gottes mit der Menschheit einbindet«. Genau deshalb, so schloss der Papst, »dient das Bischofsamt also nicht dazu, eine Botschaft der Vergangenheit zu wiederholen, sondern [es] ist prophetische Stimme der immerwährenden Aktualität des Evangeliums im Leben des heiligen Volkes Gottes und in der Geschichte heute«.

Die Brücke: über die beeindruckenden Wassermassen »eurer großen Donau« führen zahlreiche Brücken, insbesondere aber die uralte und imposante Kettenbrücke, die die beiden Städte Buda und Pest verbindet: »sie lässt diese nicht verschmelzen, aber [sie] hält sie zusammen«, wie der Papst in seiner zweiten Ansprache an die Repräsentanten des Ökumenischen Rats der Kirchen und einige jüdische Gemeinschaften Ungarns sagte.

Diese Brücke, die zusammenhält, aber nicht verschmelzt, ist ein Vorbild der persönlichen und sozialen Beziehungen, zu denen der Papst die Gläubigen aufruft, der Sauerteig der Gesellschaft, denn »wann immer die Versuchung bestand, den anderen zu absorbieren, wurde nicht aufgebaut, sondern zerstört; ebenso war es, als man die Anderen gettoisieren wollte, anstatt sie zu integrieren«. Es ist also wichtig, sich um eine »Erziehung zur Geschwisterlichkeit« zu bemühen, die den »Hassausbrüchen« und dem »Antisemitismus, der immer noch in Europa und anderswo schwelt«, entgegenwirkt.

Wurzeln. Weiterhin von der Kettenbrücke ausgehend, erinnerte der Papst daran, dass es sich bei ihr um die älteste Brücke der Stadt handelt, die von vielen Generationen überquert wurde, und die uns gerade als solche dazu einlädt, »uns an die Vergangenheit zu erinnern. Da gibt es Leid und Dunkelheit, Unverständnis und Verfolgung, aber wenn wir zu den Wurzeln gehen, werden wir ein größeres gemeinsames geistiges Erbe entdecken. Dies ist der Schatz, der es uns ermöglicht, gemeinsam eine andere Zukunft zu gestalten«. Erinnerung und Zukunft berühren sich, Zukunft und Wurzeln gehen Hand in Hand. Und hier hat der Papst, nach wie vor in der Ansprache an die jüdischen Gemeinschaften Ungarns, an Radnóti erinnert, den großen Dichter, der durch den blinden Hass des Nationalsozialismus »gebrochen« wurde im »dunkelsten und unmenschlichsten Abgrund«, der aber weiterhin denen seine Kunst geschenkt hat, die nach ihm kommen sollten, d.h. uns. Franziskus hat an eines seiner letzten, eindringlichsten und beunruhigendsten Gedichte erinnert: »Auch ich bin jetzt eine Wurzel… Ich war Blume, ich wurde zur Wurzel«, und hat eine Überlegung hinzugefügt, die die Tatsache betrifft, dass »auch wir aufgerufen [sind], Wurzeln zu werden. Oft suchen wir nach den Früchten, nach Ergebnissen, nach Bestätigung«, und so, sagt der Papst, vergessen wir, dass wir in den weisen Händen Gottes alles Samen sind: »Samen, die zu unterirdischen Wurzeln werden, Wurzeln, die die Erinnerung nähren und die Zukunft zum Sprießen bringen«. Vielleicht dachte der Papst bereits hieran, als er in der ersten Ansprache des Vormittags, die an die Bischöfe gerichtet war, das bereits in der Vergangenheit mehrfach zitierte Bild des Hirten aufgriff, der an der Spitze der Herde gehen muss, um ihr den Weg zu zeigen, in der Mitte, um ihren Geruch wahrzunehmen, und »hinter der Herde, um denen zu helfen, die etwas zurückbleiben«, aber auch, wie er in freier Rede hinzufügte, »um der Herde ein wenig Auslauf zu lassen«, jenem heiligen und Gott getreuen Volk, das über die Weisheit, über »einen besonderen Geruchssinn für die guten, nahrhaften Weiden« verfügt. Starke Worte und Bilder, die das Szenario für sehr hohe und anspruchsvolle Reden zum Thema der Freiheit und der Verantwortung eröffnen, die wir in den kommenden Tagen während der Pilgerreise des Papstes in die Slowakei hören werden.

Von Andrea Monda