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Die Musik-Biennale in Venedig ist diesmal der Stimme gewidmet

Eine Frage – (und glücklicherweise) viele Antworten

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30 September 2021

Der Weg von den Höhlen bis in die Konzertsäle war lang. Die Stimme hat die Musik auf ihrem ganzen Entwicklungsweg begleitet. Vom Gregorianischen Choral hin zu Palestrinas Polyphonie  im 16. Jahrhundert, von der Entstehung der Oper bis hin zur experimentellen Musik des 20. Jahrhunderts gab es keinen einzigen Augenblick, in dem das Kommunikationsbedürfnis der Künstler den Gesang abgelehnt hätte. Jede Epoche hat sich mit ihren eigenen Problemen herumgeschlagen, jede Neuerung ist auf Widerstand gestoßen, und auch heute finden wir uns mehr oder weniger in derselben Lage wieder. Die Frage, die es zu stellen gilt, ist seit jeher dieselbe: wie kann man eine originelle, neue, bedeutsame und ausdrucksstarke Stimmtechnik entwickeln, ohne einfach die Vergangenheit wieder aufzubrühen? Glücklicherweise gehen in diesem Kontext der Musikbiennale in Venedig viele unterschiedliche Antworten, einige Hinweise und viele Anstöße ein.

Bereits ausgehend von seinem Titelthema – »Chorusses. Drammaturgie Vocali« – offenbart das Festival des Jahres 2021 die Absicht, sein Programm auf »die Berufung, sich gemeinsam mit einer großen Anzahl von Menschen vokal zu verständigen« und sich gleichzeitig »auf die dramaturgische Funktion einer einzelnen Stimme innerhalb des Dramas« zu konzentrieren, wie die Komponistin Lucia Ronchetti ausführt, die die Veranstaltung seit diesem Jahr leitet. Das Ziel lautet, verschiedene Aspekte der Vokalmusik der letzten dreißig  Jahre zu beleuchten, ein Panorama, das reich an verschiedenen Stilen ist und dessen Techniken sich ständig weiterentwickeln.

Die Verleihung des Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk an Kaija Saariaho steht ebenfalls im Einklang mit dieser Entscheidung, die vor allem in Oltra mar, was auf Altfranzösisch so viel wie »Über das Meer« bedeutet, das »ein komplexes, aber transparentes harmonisches Gemälde und die Synthese noch nie dagewesener und metamorpher orchestraler Farben impressionistischer Inspiration präsentiert«, so die Begründung.

Kurz, ein stark thematisch orientiertes Festival, bei dem man gelegentlich auch äußerst interessante Entdeckungen machen konnte.

So ist beispielsweise der Name des EVO-Ensembles ein Name, den man sich merken sollte, ein junges Ensemble, das gezeigt hat, dass es offen ist für die verschiedensten musikalischen Genres – auch dank des unterschiedlichen Hintergrundes seiner Mitglieder – das von der Alten Musik zur Klassik reicht, zum Jazz, zur Liedermacherei, bis hin zum Beatboxing und den erweiterten Vokaltechniken. Eine Gruppe, die erst 2017 debütiert hat, aber bereits Sicherheit demonstriert, um nicht zu sagen Reife. Auf dem Programm stehen Arbeiten, die in diesen Breitengraden wenig Publikum finden, die Ronchetti aber dank eines offenen und aufmerksamen Auges auf Welten präsentiert, die allzu oft ignoriert werden.

Sicher, die Entscheidung, die Stücke ohne Unterbrechung eines nach dem anderen zu präsentieren, hat es manchmal schwierig gemacht, die Werke voneinander zu unterscheiden. Einige Dinge sind aber klar zutage getreten. Insbesondere der Stil von Jennifer Walshe, die das Konzert mit ihrer 2011 entstandenen A folk song collection eröffnet und beschlossen hat. Bereits konsolidierte Stücke, die auf ganz kurzen Texten basieren, die mit Folk – verstanden in dem Sinne, wie er gemeinhin verstanden wird – sehr wenig gemein haben und ihren Namen stattdessen ihrer Fähigkeit verdanken, Gesprächsfragmente normaler Menschen zu vertonen, Folk eben, die auf der Straße, in einer Bar, in der Metro oder in einem Supermarkt aufgeschnappt wurden, während man an der Kasse Schlange steht, um zu bezahlen. Die Musiker schalten nie ihre Ohren ab, man passt also besser auf, was man sagt.

Auch Peter Ablingers Studien nach der Natur überzeugen, zehn kurze Stücke für Vokalensemble, die hier ihre italienische Erstaufführung erleben. Wer weiß, weshalb es solange gedauert hat, bis sie in Italien angekommen sind. Angesichts der Tatsache, dass das erste dieser Stücke aus dem Jahr 1995 und das letzte von 2002 stammt, hätte ruhig früher jemand daran denken können. Eine Studie über die  Natur des Tones, die mit der restlichen Produktion des österreichischen Komponisten in Einklang steht, der in diesem Fall mit einem minimalen Katalog natürlicher Töne oder Geräusche arbeitet, deren jeder/s als genau das eingesetzt wird, was er/es ist. Es ist überflüssig, zu »interpretieren«, es reicht »zuzuhören«. Jeder Ton bedeutet genau das, wofür er steht. »Da gibt’s nichts zu verstehen«, so würde ein Mann anmerken, der allzu berühmt ist, um einer solchen Bagatelle wegen eigens bemüht zu werden. Und da gibt es Leute, die behaupten, die zeitgenössische Musik sei schwierig.

Vielleicht wäre es ein Schritt in die richtige Richtung, sich einfach gehen zu lassen. Aber daran sind wir im Westen nicht gewöhnt. Am Ende des Programms standen Claude Viviers Ende der Siebzigerjahre entstandene Love songs, die auf halbem Wege zwischen Musiktheater und Konzert bleiben und den Geist zweier symbolträchtiger Paare wie Romeo und Julia und Tristan und Isolde heraufbeschwören.

Von Marcello Filotei