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Kampf gegen den Missbrauch: Was der Papst nach der Begegnung vom Februar 2019 getan hat

Auf dem Weg zur Konferenz von Warschau

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03 September 2021

Im Februar 2019 hat Papst Franziskus die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen zu einem Treffen über den Schutz von Minderjährigen in der Kirche in den Vatikan eingeladen, um das Problem des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Mitglieder des Klerus zu erörtern. Ein ähnliches Treffen, das sich auf die Region Mittel- und Osteuropa konzentriert, wird vom 19. bis 22. September in Warschau stattfinden. Im folgenden Artikel stellt P. Federico Lombardi SJ dieses regionale Treffen in den Kontext des bisherigen Weges der Kirche.

Die Kirche unserer Zeit steht vor großen Herausforderungen. Die grundlegendste ist die des Glaubens und der Verkündigung Gottes und Jesu Christi in der heutigen Welt, die von tiefgreifenden kulturellen und anthropologischen Veränderungen geprägt ist. Aber es gibt auch spezifische Herausforderungen, die sich nachhaltig auf das Leben der Kirche und ihren Evangelisierungsauftrag auswirken. Eine der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte ist der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen durch Mitglieder des Klerus: Er hat die Glaubwürdigkeit der Kirche untergraben und damit auch ihre Autorität und ihre Fähigkeit, das Evangelium glaubwürdig zu verkünden, in Frage gestellt. Er hat auf die Institution Kirche, auf die kirchliche Gemeinschaft als Ganzes, einen Schatten der Inkonsequenz und der Unaufrichtigkeit geworfen. Und das ist in der Tat ein ernstzunehmendes Problem.

Mit der Zeit und mit zunehmender Erfahrung – beginnend beim sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, der die schwerwiegendste Form von Missbrauch ist –, haben wir gelernt, den Horizont zu erweitern, so dass wir heute von Missbrauch »schutzbedürftiger« Personen sprechen, der nicht nur die Form des sexuellen Missbrauchs annehmen kann, sondern auch die des Macht- und Gewissensmissbrauchs, wie Papst Franziskus viele Male betont hat. Es muss auch daran erinnert werden, dass Missbrauch in seinen verschiedenen Dimensionen ein allgemeines Problem der menschlichen Gesellschaft ist. Es betrifft alle Länder und Kontinente und ist nicht nur ein Problem der katholischen Kirche. Im Gegenteil: Wer objektiv und umfassend recherchiert, kann feststellen, dass es unterschiedliche Regionen, Orte und Institutionen gibt, in denen dieses Problem eine geradezu dramatische Verbreitung erlebt hat.

Gleichzeitig müssen wir natürlich gezielt die Kirche in den Blick nehmen, deren Glaubwürdigkeit hier ja wie gesagt in Frage gestellt wird. Die Kirche hat immer auf ihrer Lehre zum Sexualverhalten und dem Respekt der Person beharrt. Doch auch wenn wir sehen, dass dieses Problem nicht ausschließlich die Kirche betrifft, müssen wir es doch absolut ernst nehmen und verstehen, dass es im Zusammenhang mit dem Leben der Kirche und der Verkündigung des Evangeliums eine dramatische Tragweite hat.

Es handelt sich schließlich um einen Bereich, in dem es um die Tiefe und Wahrheit der Beziehung zu den Menschen geht, deren Würde geachtet werden muss. Als Christen und Katholiken sind wir stolz darauf, dass wir die Würde der Person als grundlegend anerkennen, da jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Andere zu missbrauchen, sie nicht zu respektieren und zu Objekten zu degradieren, ihrem Leiden gegenüber gleichgültig zu sein usw., ist ein Zeichen des Versagens in einem grundlegenden Punkt unseres Glaubens und unserer Sicht der Welt.

In der jüngsten Reform des Kirchenrechts gibt es einen Aspekt, der rein formal erscheinen mag, aber unter diesem Gesichtspunkt mehr als bedeutsam ist. Missbrauchsdelikte gehören zu den »Straftaten gegen Leben, Würde und Freiheit des Menschen«. Sie sind nicht nur »schändlich« oder »des Klerus unwürdig«: es wird betont, dass die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes aus kirchlicher Sicht in den Mittelpunkt gestellt und geachtet werden muss. Das ist von grundlegender Bedeutung. Die Tatsache, dass wir beschlossen haben, jeden Menschen, auch die Kleinsten und Schwächsten, sehr viel ernster zu nehmen, ihnen zuzuhören und sie zu respektieren, ist einer der wichtigen Punkte auf dem Weg der Bekehrung und Läuterung, wenn die Kirche unserer Zeit glaubwürdig sein soll.

Ohne die gesamte Geschichte der dramatischen Ereignisse und Positionen der Kirche zum Thema sexueller Missbrauch wiederaufzurollen, können wir der Einfachheit halber auf den »Gipfel« vom Februar 2019 verweisen. Er wurde vom Papst einberufen, damit die ganze Kirche durch die Vertreter aller Bischofskonferenzen, der männlichen und weiblichen Ordensgemeinschaften, zu einem Moment des Bewusstseins und des Engagements zusammenkommen konnte, um ihren Weg der Erneuerung fortzusetzen.

Die Organisation dieser Tagung (deren Akten in dem von der vatikanischen Verlagsbuchhandlung (LEV) herausgegebenen Band Consapevolezza e purificazione enthalten sind) konzentrierte sich auf drei Schwerpunkte.

Zuerst das Bewusstsein und die Verantwortung für das Problem der mit dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger zusammenhängende Fragen, und nicht nur diesen. Es ging auch um die Bedeutung des Zuhörens und des tieferen Verständnisses, des Mitgefühls und der Anteilnahme an den Folgen, dem Leid, der Schwere dessen, was in diesem Bereich geschehen ist und noch geschieht. Zuhören und Mitgefühl also als Ausgangspunkt für die Haltung, die man einnehmen sollte. Und natürlich die Notwendigkeit, all jenen, die Opfer von kriminellem und schädlichem Verhalten geworden sind, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und dann muss man natürlich auch im Bereich der Prävention aktiv werden, damit diese Verbrechen nicht mehr – oder zumindest immer seltener – geschehen und diese dramatische Realität kontrolliert wird. Das bedeutet, dass alle Mitglieder der kirchlichen Gemeinschaft, und insbesondere die zuständigen Personen, geschult werden müssen, damit sie handeln und Bezugspunkte dafür sein können, dass das Problem auch tatsächlich angegangen wird. Bewusstsein und Verantwortung also für die gemeinsame Bewältigung des Problems.

Ein anderer, sehr wichtiger Punkt ist die »Rechenschaftspflicht« (Englisch: accountability) und die Überwindung der Kultur des Vertuschens und der Verschleierung. Einer der dramatischen Aspekte dieser Krise besteht darin, dass sie schwerwiegende Situationen ans Licht gebracht hat. Situationen, die – auch wenn man manchmal wusste, dass es sie gegeben hat – systematisch (und oft mit einer fast schon »natürlichen« Haltung) geheim gehalten oder vertuscht wurden, aus Scham oder um die Ehre der betroffenen Familien oder Institutionen zu verteidigen, usw. Es ist also notwendig, diese Haltung des Verschleierns zu überwinden und stattdessen Rechenschaft über das zu geben, was getan wird, auch von Seiten der Verantwortlichen. Da diese Tendenz der Verschleierung auf allen Ebenen, aber noch mehr auf der Ebene der Verantwortlichen – Obere von Gemeinschaften, Bischöfe usw. – weit verbreitet war, ist es ein weiterer absolut notwendiger Schritt, die Verantwortung aller für ihr Handeln offen zu legen und sicherzustellen, dass wir uns auf eine Situation der Klarheit, der Verantwortlichkeit und der Gerechtigkeit zubewegen.

Der dritte Punkt, der auf der Konferenz diskutiert wurde, die »Transparenz«, ist eine Folge dessen, was wir eben bereits gesagt haben. Transparenz bedeutet nicht nur, dass man weiß, dass Straftaten begangen wurden und werden, sondern auch, dass man über sie spricht und sie aufzeigt. Die Wahrheit der Fakten anzuerkennen, ist natürlich wichtig, aber Transparenz bedeutet auch zu wissen und bekannt zu machen, was getan wird, damit man reagieren und beschließen kann, welche Verfahren die Kirche in all ihren Dimensionen anwendet, um mit diesen Situationen umzugehen; welche Maßnahmen sie ergreift, welche Schlussfolgerungen aus der Verurteilung der Schuldigen gezogen werden, usw. Auf diese Weise wird der kirchlichen und zivilen Gemeinschaft bewusst, dass Verfehlungen und Verbrechen nicht nur erkannt werden, sondern dass es auch einen Weg gibt, der die ganze Gemeinschaft dabei miteinbezieht, auf diese Probleme zu reagieren.

Die Begegnung von 2019 sollte ein gemeinsamer Ausgangspunkt sein. Und hier muss man anerkennen, dass danach tatsächlich viele Schritte unternommen wurden, um die wichtigen Verpflichtungen zu erfüllen, die der Papst und die zentrale Leitung der Kirche 2019 eingegangen sind. Was genau bedeutet das?

Erstens wurden bereits Ende März 2019 neue Gesetze und Richtlinien in Bezug auf den Vatikan und den Heiligen Stuhl verkündet, die den Ansatz zum Kindesmissbrauch auch auf »schutzbedürftige Personen« ausweiten.

Am 9. Mai 2019 wurde dann ein neues Gesetz promulgiert, das von großer Bedeutung für die gesamte Kirche ist: das Motu proprio Vos estis lux mundi (»Ihr seid das Licht der Welt«). Darin ordnet der Papst an, dass in allen Diözesen Stellen eingerichtet werden, die Beschwerden entgegennehmen und Missbrauchsverfahren einleiten. Darüber hinaus verpflichtet er alle Priester und Ordensleute, jeden Missbrauch zu melden, von dem sie Kenntnis erlangt haben, und fordert die Laien in der Kirche auf, dasselbe zu tun. Jetzt sind also alle Priester und Ordensleute verpflichtet, jeden Fall von Kindesmissbrauch, von dem sie Kenntnis erhalten, zu melden. Und das gilt nicht nur für die besonders schwerwiegenden Fälle, die Minderjährige betreffen, sondern auch solche, deren Opfer andere schutzbedürftige Personen sind sowie für Fälle von Missbrauch, in denen Gewalt angewandt wurde. Auch Laien werden zur Mithilfe aufgefordert, und sie müssen wissen, wo genau sie ihre Beschwerde einreichen können. Das ist ein entscheidender Schritt. Natürlich muss geprüft werden, ob das alles auch tatsächlich vollständig umgesetzt wird, aber es ist für die gesamte Kirche bereits Gesetz. Es ist ein grundlegender Schritt des Papstes, wahrscheinlich der wichtigste in diesem Bereich seit fast zwanzig Jahren. Und nicht nur das: Dasselbe Gesetz legt auch das Verfahren fest, mit dem die ranghöchsten Oberen – Generalobere von Orden, Bischöfe und Kardinäle – nicht nur wegen Missbrauchs, sondern auch wegen »Fällen von Vertuschung« angezeigt werden können. Die Frage der Verantwortung und der Rechenschaftspflicht wurde also radikal angegangen.

Darüber hinaus wurde im Dezember 2019 das »päpstliche Geheimnis« im Fall von sexuellem Missbrauch aufgehoben, was eine Zusammenarbeit auch mit zivilen Behörden ermöglicht, und zwar in einer klareren und lockereren Form als zuvor. Also mehr »Transparenz«. Im Juli 2020 wurde dann das berühmte Vademecum fertiggestellt und veröffentlicht, das der Papst als eines der ersten Ziele des Treffens 2019 bezeichnet hat. Die Kongregation für die Glaubenslehre hat es ausgearbeitet: ein schönes, reichhaltiges Dokument, das zwar nicht viel Neues bringt, aber jedem Bischof und jedem Verantwortlichen das, was er wissen muss und was in den verschiedenen Situationen zu tun ist, in klarer und geordneter Form darlegt. Ein Werkzeug, das wirklich notwendig war. Als es herauskam, wurde nicht viel darüber gesprochen, aber es war einer der wichtigsten Punkte, die beim Treffen 2019 gefordert wurden, und dieser Forderung ist man damit nachgekommen.

Erst kürzlich, zu Pfingsten 2021, wurde die Generalüberholung von Buch VI im Codex des katholischen Kirchenrechts veröffentlicht. Darin wird ein Teil des kirchlichen Strafrechts neu formuliert und so geordnet, dass die neuen Normen, die im Laufe der Jahre im Bereich des Missbrauchs wie auch in anderen Bereichen aufgestellt wurden, nun in geordneter Weise zusammengefasst sind. Das sind also die wichtigsten Dinge, die vom Papst und dem Heiligen Stuhl nach dem Treffen 2019 zu erwarten waren – und die man bereits in Angriff genommen hat.

Es sollte hinzugefügt werden, dass im selben Zeitraum, im November 2020, auch der umfangreiche »McCarrick-Bericht« veröffentlicht wurde. Der Papst hatte im Vorfeld eine detaillierte Untersuchung dieses schwerwiegenden Skandals angeordnet, der die Kirche in den Vereinigten Staaten, ja die gesamte Kirche, erschüttert hat: Wie war es möglich, dass ein Missbrauchstäter als Erzbischof von Washington und Kardinal zu einem Amt höchster kirchlicher Verantwortung aufsteigen konnte? Der Bericht kann als schmerzhafter, aber mutiger Schritt in Richtung Transparenz und Bereitschaft zur Erfüllung der Rechenschaftspflicht über Verbrechen und Verantwortlichkeiten selbst auf den höchsten Ebenen der Kirche gesehen werden.

Wir stehen also vor einem enormen, schwierigen und schmerzhaften Problem, das die Glaubwürdigkeit der Kirche betrifft. Es stimmt jedoch keineswegs, dass nichts getan wurde oder dass nichts oder wenig getan wird. Es kann und muss klar gesagt werden, dass die Weltkirche sich diesem Problem gestellt hat und sich ihm auch weiter stellt; dass sie die notwendigen Schritte unternommen und Normen, Verfahren und Regeln aufgestellt hat, um damit richtig umgehen zu können.

Das bedeutet natürlich nicht, dass alles erledigt ist. Wie wir ja wissen, ist es eine Sache, die Regeln – den Rahmen – festzulegen, aber eine ganze andere, die Realität zu verändern, indem man diese Regeln in die Praxis umsetzt. Die für den September in Warschau geplante Antimissbrauchskonferenz für Mitteleuropa geht genau in diese Richtung. In der Tat ist es in allen geografischen und kirchlichen Regionen, die aus historischer und kultureller Sicht gemeinsame Aspekte und Probleme aufweisen, notwendig, darüber nachzudenken, wo wir stehen und welche konkreten Möglichkeiten es gibt, die Leitlinien der Weltkirche wirksam in die Tat umzusetzen. In anderen Regionen wurde dies bereits getan: So fand vor etwa einem Jahr in Lateinamerika, in Mexiko, eine große Konferenz statt. Die Pandemie hat dann viele Programme unterbrochen und zu Verzögerungen geführt. In mehreren Kontinenten und Regionen wurde und wird aber bereits das getan, was man jetzt in Mittel- und Osteuropa tun wird: ein grundlegender Schritt auf einem gemeinsamen Weg der Weltkirche, der diesen geografischen, kulturellen und kirchlichen Raum in seiner Besonderheit betrifft.

Abschließend kann festgestellt werden, dass schon viel getan wurde, sowohl in Bezug auf die allgemeinen Vorschriften als auch auf die konkreten Erfahrungen. In manchen Teilen mehr, in anderen weniger. Begegnungen sind notwendig, um Wissen weiterzugeben und zu verstehen, wie man Probleme praktisch und wirksam angehen kann. Wir sind auf dem Weg, und wir werden auf diesem Weg weitergehen; einem Weg, auf dem man schnell und ohne Unsicherheit vorankommen muss, um Leiden zu heilen, Gerechtigkeit zu üben, Missbräuche zu verhindern und das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Gemeinschaft in sich selbst und in ihre Sendung zum Wohl der Welt wiederherzustellen.