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Ein Jahrestag für die Kapelle in Vence und für die Vatikanischen Museen

Matisse und das vollkommene Gleichgewicht

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30 Juli 2021

Vor 70 Jahren wurde die von Matisse entworfene Kapelle in Vence geweiht und vor zehn Jahren der Matisse-Saal in den Vatikanischen Museen eingerichtet. Micol Forti, Kuratorin der Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst in den Vatikanischen Museen, und Rosalia Pagliarani, Assistentin, erläutern aus Anlass der Jahrestage die Zusammenhänge.

Am 25. Juni 1951 in Vence, einer kleinen, in helles Licht getauchten Ortschaft bei Nizza: Bischof Paul Rémond segnet in Anwesenheit von etwa einhundert Personen, darunter Ordensleute, Laien, Fotografen, Journalisten, Intellektuelle, die Kapelle des »Foyer Lacordaire«. Sie gehört einer Gemeinschaft von Dominikanerinnen, die sich um Kranke kümmern. Dieses Ereignis sollte für die Geschichte der sakralen Kunst des 20. Jahrhunderts große Bedeutung erlangen, denn es handelt sich um das letzte Meisterwerk von Matisse. Die der Gottesmutter vom Rosenkranz geweihte Kapelle ist ein Gesamtkunstwerk, an dem Matisse in den Jahren 1948 bis 1951 arbeitete.

Der Künstler kann nicht persönlich an der Weihe der Kapelle teilnehmen, da er aus gesundheitlichen Gründen schon längere Zeit ans Bett gefesselt ist. Doch bis zuletzt verfolgt er die Arbeiten sehr genau, damit alles so aussehen sollte, wie er es sich vorgestellt hatte. In einem Brief an den Bischof hatte er zum Ausdruck gebracht, dass dies für ihn ein sehr wichtiger Moment seines Lebens und seiner Künstlerkarriere sei: »Für dieses Werk waren vier Jahre exklusiver und beständiger Arbeit notwendig, und es ist das Resultat meines gesamten aktiven Lebens. Ich betrachte es trotz aller Unvollkommenheiten als mein Meisterwerk.«

Er versteht das Werk ebenso als Huldigung an die Freundschaft zu seiner ehemaligen Krankenpflegerin Monique Bourgeois, die ihm auch Modell gesessen hatte. Zum großen Erstaunen des betagten Meisters hatte diese einige Jahre zuvor beschlossen, den Schleier zu nehmen, und war mit dem Namen Jacques-Marie bei den Dominikanerinnen eingetreten.

Der gesamte Entwurf für die Kapelle stammt aus der Hand von Matisse, angefangen von der Gesamtarchitektur bis hin zu den kleinsten Details, ein Unikum im Werk des Künstlers. Er kümmert sich um alles: Dekoration des Außenbaus, einschließlich des schmiedeeisernen Kreuzes auf dem Dach, Buntglasfenster, Altar, gestickte Altardecke, Tabernakel, die Tür des Beichtstuhls aus Naturholz, durchbrochen in der Art arabischer Stoffe. Um die Arbeit bewältigen zu können, konzentrierte er sich ganz darauf. Er zieht aus der Villa »La Rêve«, wo er bis jetzt gewohnt hatte, in die große Atelier-Wohnung im Hotel Regina in Nizza, wo die Wandflächen in etwa genauso groß sind wie in der zukünftigen Kapelle.

Vier Jahre Arbeit, zu der sich der Agnostiker »vom Schicksal berufen« fühlt, wie er in einem kurz nach Abschluss der Arbeiten veröffentlichen Text sagt. Er arbeitet meist vom Bett aus oder in einem Sessel sitzend, wo er zahllose Zeichnungen sowie die »Gouaches découpés« anfertigt, eine von ihm erfundene Technik des Scherenschnitts: Papier wird mit Gouachefarbe bemalt, anschließend werden Formen ausgeschnitten und arrangiert und schließlich auf Leinwand aufgeklebt. Diese Technik verwendete Matisse für die Entwürfe der Glasfenster. Die gesamte Zeit über findet ein reger schriftlicher Austausch zwischen ihm und seinen Ansprechpartnern aus dem Dominikanerorden statt: P. Marie-Alain Couturier, der in Frankreich grundlegenden Einfluss auf die zeitgenössische christliche Kunst ausgeübt hat, der junge Dominikanerbruder Pie Raymond Régamey, der dessen intellektuelles Erbe antreten sollte, sowie Sr. Jacques-Marie selbst, aber auch die eigentliche Auftraggeberin der Kapelle, die Oberin der Gemeinschaft, Mutter Agnès du Jésus. Obwohl sie eher im Hintergrund bleibt, spielt sie eine entscheidende Rolle, wie der Briefwechsel mit Matisse zeigt, der heute in den Vatikanischen Sammlungen aufbewahrt wird.

Im Jahr 1973, mit dem Entstehen der von Papst Paul VI. gewünschten Sammlung moderner religiöser Kunst, beginnt sich die Geschichte der Kapelle mit der Geschichte der Vatikanischen Museen zu verflechten, und zwar dank des Vermächtnisses eines ansehnlichen Werkkorpus von Seiten der Dominikanerinnen von Vence: das kleine Modell des kreuzförmigen Dachreiters, eine komplette Serie der von Matisse entworfenen liturgischen Paramente gemäß der Anlässe und Farben des vorkonziliaren Kirchenjahrs, einer der sechs existierenden Bronzegüsse des Altarkreuzes und schließlich eine Reihe von Lithographien der Jungfrau mit dem Kind. 1980 kommt die außerordentliche Schenkung eines Sohnes von Matisse, Pierre, berühmter New Yorker Galerist, hinzu, mit Zustimmung der Erstgeborenen Marguerite: die endgültigen Modelle für die Fenster des Chores und des Schiffes der Kapelle im Maßstab 1:1 wie auch das Modell für eines der schwarz-weißen Wandbilder aus Keramikfliesen.

Mit diesen außergewöhnlichen Zugängen ist ein bedeutendes Korpus an Werken von Matisse entstanden, das zu den wichtigsten in Europa gehört. Heute sind die meisten Werke in einem eigens dafür entworfenen Saal ausgestellt, der im Juni 2011 eröffnet wurde, ermöglicht durch den großzügigen Beitrag der »Patrons of the Arts in the Vatican Museums«, insbesondere der Präsidentin der Ortsgruppe Montecarlo, Liana Marabini. Im eindrucksvollen Marescalcia-Saal können die Besucher die drei »Gouaches découpés« des endgültigen Entwurfs für die über fünf Meter hohen und sechs Meter breiten Glasfenster bewundern, die die West- und Südseite der Kapelle bilden. Matisse widmet sie dem Thema des Lebensbaums. Man kann sehen, dass die Wahl der Farben und des Stils sich seit den ersten Plänen, die im Saal in einem Video gezeigt werden, stark verändert hat. Die leuchtend bunten Farben, die er zunächst verwenden wollte, werden auf drei Töne reduziert: blau, grün und gelb. Sie spiegeln sich auf dem weißen Fußboden, je nachdem wie das Licht im Lauf des Tages durch die Fenster einfällt. Außerdem befindet sich im Saal der Karton für das Bild der Jungfrau mit dem Kind. Für diese Vorlage in Originalgröße (drei mal sechs Meter) hat der Künstler Bleistift, Tusche und Kohle verwendet. Eine ganze Reihe von »Pentimenti«, sogenannte »Reuestriche«, sind erkennbar, das heißt Veränderungen, die während des künstlerischen Schaffensprozesses vorgenommen wurden. Letztlich zeigt er die Gottesmutter in einer hieratischen und zugleich einladenden Haltung: Sie trägt das stehende Kind, das die Arme ausbreitet, auf ihren Händen. Mit wenigen eleganten Strichen deutet Matisse die Figuren an, verzichtet dabei auf die Darstellung des Gesichts. Diese Synthese erreicht der Künstler erst nach einem langen Prozess von Entwürfen, der zahlreiche Skizzenbücher füllt. In ihnen entfernt er sich immer mehr von detailliert beschreibenden Kompositionen und beschränkt sich auf wenige Linien. Doch auch diese Entwürfe entsprechen noch nicht der endgültigen Darstellung, denn als Matisse auf die weißen Kacheln zeichnet, ist er mit dem Resultat nicht zufrieden und malt das Bild, das sich heute in der Kapelle befindet, ohne Vorlage.

Ein Teil dieses kreativen Prozesses kann man in der ersten Vitrine der Ausstellung vor dem Eingang zum Matisse-Saal verfolgen. Hier werden abwechselnd verschiedene Kaseln gezeigt sowie einige Briefe an Mutter Agnès mit Entwurfszeichnungen auch für die Dekoration der Kapelle, außerdem einige Lithografien mit dem Antlitz der Jungfrau und der zärtlichen Umarmung des Kindes. Zu den Ausstellungsgegenständen im Saal gehört außerdem einer der ersten Bronzegüsse für das Altarkreuz. Der Altar aus rosafarbenem Stein befindet sich im Zentrum des Presbyteriums der Kapelle in Vence.

Bis 2011 war aus konservatorischen Gründen keines dieser Werke ausgestellt. Als besonders problematisch erwiesen sich die Entwürfe für die Glasfenster, denn sie sind zusammengesetzt aus farbigem und ausgeschnittenem Papier, aufgeklebt auf große Bögen weißen Papiers bescheidener Qualität, das wiederum auf Packpapier aufgeklebt ist und mit einer weitern Schicht Klebstoff schließlich auf Leinwand. Jedes dieser Materialien reagiert auf sehr unterschiedliche Weise auf die Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, was eine kontinuierliche Kontrolle des Mikroklimas und besondere Anlagen zur Luftaufbereitung erforderlich macht sowie regelmäßige Instandhaltung, um die sich das Restaurierungsbüro unter Leitung von Vittoria Cimino gemeinsam mit dem von Prof. Ulderico Santamaria geleiteten wissenschaftlichen Labor für Materialforschung der Kulturgüter kümmert. Unverzichtbar ist daneben der menschliche Blick und die Erfahrung der Restaurierungswerkstatt für Papier, geleitet von Chiara Fornaciari da Passano.

Der Matisse-Saal mit seinen monumentalen Werken erzählt vom Wunder schöpferischer Kreativität. Er erzählt von der Spannung, der Anstrengung und der Leidenschaft, die den Künstler in seinem Bemühen begleitet, den Punkt vollkommenen Gleichgewichts zu erreichen, wo Harmonie, Poesie und Schönheit einander begegnen und sich in der Komposition des sakralen Raumes vereinen.