· Vatikanstadt ·

Matriarchinnen

Der »umstürzlerische« Plan
der Rebekka

cq5dam.thumbnail.cropped.500.281.jpeg
03 Juli 2021

Der zweitgeborene Sohn am Platz des Erstgeborenen: Die Täuschung, die die Geschichte veränderte


Der Mann, den sie geheiratet hatte, war nicht der, für den sie ihn hielt. Seine Worte, die Art, wie er sie ansah, die Geschenke: das alles schien schön, aber nur allzu bald sollte sie merken, dass die Wirklichkeit ganz anders aussah. Außerdem war sie die einzige, die es nicht gemerkt hatte, und keiner hatte sie gewarnt.

Rebekka war wunderschön, schlagfertig und einfallsreich, aber zuhause richtete niemand je das Wort an sie oder fragte nach ihrer Meinung: sie war eine Frau. Sie hatte keinen Zugang – wie gerne hätte sie ihn doch gehabt! – zum Zelt ihres Vaters, wo er und ihr Bruder für alle die Entscheidungen trafen. Sie hatten auch für sie die Wahl getroffen und zu ihrem eigenen Vorteil über ihre Zukunft und ihr Leben entschieden, ohne sich um die Gefahren zu scheren, denen sie sie aussetzten, und schlimmer noch, sie hatten ihr vorgegaukelt, dass sie selbst es gewesen wäre, die entschieden hatte, jenem aus der Ferne gekommenen Mann zu folgen, der sie umgarnt hatte. Es schien zu schön, um wahr zu sein, als sie an jenem Tag um ihre Meinung gefragt worden war, bevor man sie verheiratete! Als sie ihm am Brunnen begegnet war, war er ihr entgegengelaufen und hatte – als Einziger! – das Wort an sie gerichtet, hatte sie still bewundert, sie mit Juwelen geschmückt. Sie war gerne bereit, unverzüglich mit ihm aufzubrechen, aber alle miteinander – ihr Vater, ihr Bruder und sogar ihre Mutter – hatten sich wohl gehütet, ihr zu sagen, wer dieser Mann in Wirklichkeit war.

Die Ernüchterung ist eine Erfahrung, mit der keine Frau je rechnet.

Sie brach mit ihm auf, aber sie wurde nicht seine Frau: sie wurde mit Isaak verheiratet, dem Sohn des Abraham, der bei weitem nicht so aktiv oder extrovertiert war. Der Mann, mit dem sie von zuhause aufgebrochen war, war nur ein Knecht, der ausgesandt worden war, um eine Frau für den Sohn seines Herrn zu finden. Die Ehe ihrer Träume dauerte also weniger lang als eine Reise. Als ihr bewusst wurde, dass ihre Familie sie getäuscht hatte, war es zu spät. Fern von der Heimat, in einem fremden Land und ganz allein: ihre Zukunft war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, einen so statischen, unbeweglichen Mann zu heiraten! Mit der Zeit Mit der Zeit lernte sie ihn und seine Vorlieben kennen, seine Wunden, die Tabuthemen, seine Schwächen und seinen völligen Mangel an Initiative. Es war ein Mann, der wenige Ansprüche stellte, in anderen Worten: er war ein Versager und ein unglaublicher Fatalist.

Er hatte sie vom ersten Augenblick an geliebt – das stimmt –, aber sie hatte gespürt, dass er nur Trost für die Trauer über den Tod seiner Mutter suchte. Diese Liebe reichte weder aus, um sie hoffnungsvoll in die Zukunft schauen zu lassen, noch um sie sich als Frau bestätigt fühlen zu lassen. Später sollte Isaak gar soweit gehen, ihr ihrer Schönheit wegen Schuldgefühle einzuflößen und ihr die Würde der Ehefrau vorzuenthalten, indem er sie als seine Schwester ausgab, genau wie es sein Vater einst mit seiner Mutter getan hatte. Andererseits war sie ihrerseits nicht imstande, ihm, der in ihr eine Mutter suchte, Kinder zu schenken: so löste sich ihr Einfallsreichtum bald in Mattheit auf. Angesichts ihrer Unfruchtbarkeit ging er hin und betete zu seinem Gott.

Nach zwanzig Jahren wurde er erhört. Das Leben kehrte wieder in sie zurück, aber die so lange erwartete Schwangerschaft war so schwierig, dass sie sprach- und atemlos wurde und fürchtete, zu sterben. Warum nur? Wieso widerfuhr das ausgerechnet ihr? Warum leben, wenn das ersehnte Leben nur aus Leiden besteht? An diesem Punkt angelangt, entschied Rebekka, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und ging persönlich hin – sie, eine Frau! –, um den Herrn zu konsultieren.

Sie bekam Antwort, aber das geheimnisvolle Orakel vermochte ihr Unbehagen nicht zu lindern. Ihre augenblickliche, schmerzensreiche Situation wurde in keiner Weise berücksichtigt, und dazu kam noch das Omen zukünftiger Komplikationen. Als der Augenblick der Geburt gekommen war, bestätigte sich, was ihre weibliche Intuition vorhergeahnt hatte: es waren Zwillinge.

Der turbulente Konflikt, den sie seit ihrer Schwangerschaft erkannt und erlitten hatte, erreichte seinen Höhepunkt, als angefangen wurde, über die Nachfolge zu sprechen. Es war offensichtlich, dass der grobschlächtige Esau nicht auf der Höhe war, aber er war der Erstgeborene, und Isaak dachte an niemand anderen als ihn. In ihrem mütterlichen Herzen umarmte sie hingegen beide Söhne, obwohl sie zu Jakob eine ganz besondere Beziehung hatte. In ihm, der ruhig aber auch gerissen war, sah sie die erforderlichen Qualitäten, um das Wohl aller zu sichern. Aber Jakob war der Jüngere und die Traditionen gaben ihm keine Chance. An diesem Punkt rebellierte Rebekka. Sie war nicht länger bereit, zu akzeptieren, dass alles mit patriarchalischer Trägheit ablaufen sollte. Sie übernahm das Kommando mit der Entschlossenheit, die sie früher ausgezeichnet hatte und nutzte ihr Wissen über Isaak – und jedes andere Mittel –, um Jakob eine Chance zu geben, ja sie war sogar bereit, sich von ihm zu trennen, um zu verhindern, dass Esaus Groll zu etwas nicht wieder Gutzumachendem führen konnte. Die dieses Mal von ihr ausgeheckte Täuschung des gebrechlichen und blinden Isaak änderte den Lauf der Geschichte: in der Überzeugung, den einen Sohn zu segnen, erteilte er den ersehnten Segen stattdessen dem anderen. Niemand rührte einen Finger, um ihn zu warnen, ihn auf den Fehler aufmerksam zu machen oder ihn zurückzuhalten. Nicht einmal Gott.

Entsetzen erfasste ihn, als er erkannte, dass er den »falschen« Sohn gesegnet hatte, dieser aber war der »richtige« Sohn, dem Gott einst den Vorzug gegeben hatte: »Der Ältere wird dem Jüngeren dienen«. Rebecca sprach nie über den letzten Teil des Orakels, das ihr Jahre zuvor als Begründung für ihr Handeln zuteil geworden war: Als sie an den Geschicken der Familie webte und wirkte, handelte sie nicht ausdrücklich für Gott, sondern für ihre eigenen Gründe als Frau und Mutter. Aber diese Umkehrung entsprach der ihr anvertrauten Prophezeiung, der ihre mütterliche Initiative dann konkrete Gestalt in der Geschichte verlieh.

Von Laura Invernizzi
Diözesanhelferin (Mailand), Bibelwissenschaftlerin, Dozentin an der Theologischen Fakultät für Norditalien und an der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen