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Aus der Geschichte des Kirchenstaates

Madame Mère und die Päpste

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25 Juni 2021

Im April 1814 war Napoleon Bonaparte auf die Mittelmeerinsel Elba verbannt worden. Im Herbst des Jahres berichtete ein Informant der päpstlichen Polizei Beunruhigendes über den Aufenthalt des französischen Ex-Kaisers auf Elba; gegen Ende des Jahres kam der Polizei in Civitavecchia von Reisenden aus Korsika zu Gehör, dass für den Beginn des nächsten Jahres die Rückkehr Bonapartes nach Frankreich anstehe. Die Gerüchte wurden notiert und dem Geheimdienst Österreichs mitgeteilt. In Wien las man die Depeschen aus Rom, ließ ihnen aber nicht die Aufmerksamkeit zukommen, die sie verdienten – ein Fehler des sonst so rührigen Polizeiapparates in der Donaumetropole.

Die Nachricht, dass Napoleon am 1. März 1815 von Elba kommend in Frejus gelandet war, verursachte in den Hauptstädten Europas beträchtliche Aufregung. Österreich ließ seinem Botschafter in Rom detaillierte Instruktionen zukommen. Ludwig Ritter von Lebzeltern solle unverzüglich tätig werden, um die päpstliche Polizei zu einer strengeren Überwachung der Anhänger Napoleons im weltlichen Herrschaftsgebiet des Heiligen Vaters zu veranlassen.

Ins Visier der römischen Ordnungshüter geriet auch die Familie Bonaparte selber. Nach dem Sturz des Korsen hatte Pius VII. (Barnaba Gregorio Chiaramonti, 1800-1823) gegenüber dessen Verwandten beeindruckende Großmut gezeigt und ein Beispiel christlichen Verhaltens gesetzt – trotz der unermesslichen Leiden, die die Kirche, der Papst und die Päpstlichen Staaten unter dem Kaiser der Franzosen zu erdulden gehabt hatten. Kein Land war bereit gewesen, die Familie des Korsen, allen voran die Mutter Napoleons, aufzunehmen; der Oberhirte der katholischen Kirche jedoch gewährte ihr in der Ewigen Stadt Asyl.

Maria Letizia Ramolino, geboren am 24. August 1750 in Ajaccio auf Korsika, war im Alter von noch nicht einmal vierzehn Jahren die Ehe mit Carlo di Buonaparte eingegangen. Sie schenkte dreizehn Kindern das Leben, darunter 1769 ihrem Sohn Napoleon. Maria Letizia Bonaparte galt als tiefreligiöse Frau, die tagtäglich die heilige Messe besuchte.

Doch nicht jeder aus der zahlreichen Verwandtschaft des gestürzten Kaisers erwies sich als der päpstlichen Gunst würdig. So geriet Pierre Napoleon Bonaparte, geboren 1815 in Rom, wiederholt in Konflikt mit der päpstlichen Justiz. Der Sohn von Lucien Bonaparte und Alexandrine de Bleschamp zeichnete sich schon früh durch Unbeherrschtheit und Gewalttätigkeit aus. Mit nicht einmal fünfzehn Jahren schloss er sich gemeinsam mit zweien seiner Cousins dem Geheimbund der »Carbonari« in der Romagna an und zettelte dort Aufstände an. 1831 wurde er von den Karabinieri des Papstes gefasst, verurteilt und für sechs Monate inhaftiert. Nach seiner Entlassung hielt er sich einige Zeit bei Verwandten in Übersee auf, wo er jedoch erkrankte.

Papst Gregor XVI. (Bartolomeo Alberto Mauro Cappellari, 1831-1846) gestattete ihm die Rückkehr in die Päpstlichen Staaten. Am 3. Mai 1836 sollte er dann in Canino erneut unter dem Verdacht revolutionärer Tätigkeit in Haft genommen werden. Der Verhaftung durch die päpstlichen Karabinieri widersetzte er sich und tötete dabei den kommandierenden Offizier. Er wurde in der Engelsburg festgesetzt und am 28. September 1836 zum Tode verurteilt. Gregor XVI. aber wandelte die Strafe nach neun Monaten in eine Ausweisung aus seinem Herrschaftsgebiet um – mit der Auflage, dass der Betreffende nie wieder einen Fuß auf päpstlichen Boden setzen dürfe. Pierre Napoleon Bonapartes weiteres Leben wurde durch Unbeständigkeit und Verwicklung in mehrere Mordfälle bestimmt. Er verstarb 1881 in Versailles.

Die Mutter Napoleons aber – genannt »Madame Mère« – empfand gegenüber Pius VII. echte Dankbarkeit und war nicht geneigt, das Vertrauen des Pontifex zu missbrauchen. »Ich bin wahrhaftig die Mutter aller Schmerzen, und mein einziger Trost ist es, zu wissen, dass der Heilige Vater die Vergangenheit der Vergessenheit hat anheim fallen lassen und sich all der von ihm stets erwesenen Güte eingedenk zu sein, die er allen Mitgliedern meiner Familie erwiesen hat … Wir fanden Unterstützung in der päpstlichen Regierung und unsere Dankbarkeit wird keine Grenzen finden«, schrieb sie voller Dankbarkeit in einem Brief an Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi. Ein englischer Agent teilte seiner Regierung in London amüsiert mit, dass die Geheimagenten Österreichs und die Informanten der päpstlichen Polizei bei der Überwachung der Paläste, die von den Angehörigen der Familie Bonaparte bewohnt wurden, »übereinander zu stolpern drohen«.

Auch mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tod verunsicherte der Schatten des Mannes, der auf St. Helena gestorben war, weiterhin die Gemüter der Menschen. Wie sehr der »Mythos Napoleon« in Europa noch immer lebendig war und auch in der Ewigen Stadt für Aufregung zu sorgen vermochte, wurde ersichtlich, als am 2. Februar 1836 in ihrem Palazzo an der Piazza Venezia die Mutter Napoleons im Alter von 86 Jahren starb. Den Tod von »Madame Mère« verkündete standesgemäß die Glocke des Kapitols. Der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen wurde herbeigerufen und nahm der Verstorbenen die Totenmaske ab. Unter den ausländischen Gesandten in Rom waren Nervosität und ein großes Unbehagen auszumachen; mit Blick auf das anstehende Begräbnis traten die Diplomaten mit Interventionen und Forderungen an die päpstliche Regierung heran. Und zwar mit Erfolg. So wurde es der Familie Bonaparte untersagt, auf dem Sarkophag die Worte »Mater Imperatoris Francorum« anzubringen; man habe sich mit der Inschrift »Mater regum« zu begnügen, hieß es in einer Anweisung des Gouverneurs von Rom.

Vor allem der österreichische Botschafter hatte, was die Titulatur betraf, seinen Einspruch geltend gemacht. Das kaiserliche Wappen mit den Initialen »LRB« für Letizia Ramolino Bonaparte und der Umschrift »Mater Napoleonis« aber gab dann noch einmal Zeugnis von der Bedeutung dieser Frau für die Geschichte Europas. Obwohl die Totenfeier in der Kirche S. Maria in Via Lata recht schlicht ausfiel und es zu keinen Demonstrationen irgendwelcher Art kam, hatte die Obrigkeit vorgesorgt. Die Agenten der päpstlichen Polizei hatten das ganze Viertel unter Beobachtung genommen, und nicht wenige Karabinieri patrouillierten mit geschultertem Gewehr bei dem Gotteshaus.

Die Exequien von »Madame Mère« waren zu keiner politischen Manifestation geworden, sondern entsprachen letztendlich der religiösen Überzeugung einer Frau, die in den Höhen und Tiefen ihres Lebens zu ihrem katholischen Glauben gestanden hatte. Den vier Päpsten ihres römischen Exils – Pius VII., Leo XII., Pius VIII. und Gregor XVI. – erwies sie sich als treue Tochter der Kirche.

Ulrich Nersinger