Interview mit Kardinal George Pell

Im Gefängnis habe ich meinen Anklägern vergeben

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18. Juni 2021

Seit vierzehn Monaten ist Kardinal George Pell, emeritierter Präfekt des Wirtschaftssekretariats, wieder ein freier Mann. Am 8. Juni 2021 konnte er seinen 80. Geburtstag in seiner australischen Heimat begehen. Aus diesem Anlass wurde er telefonisch von Fabio Colagrande (Vatican News) interviewt, der mit ihm auch über die Veröffentlichung des 1. Bandes seines Gefängnistagebuchs sprach. Der Kardinal hatte stets seine Unschuld beteuert. Sein Freispruch war vom Heiligen Stuhl mit Genugtuung aufgenommen worden. In einer Erklärung des vatikanischen Presseamtes hieß es, der Heilige Stuhl habe stets Vertrauen in die Arbeit der australischen Justizbehörden gehabt. Am 12. Oktober letzten Jahres traf der Kardinal mit Papst Franziskus zusammen, der ihm für sein Zeugnis dankte.

Hätten Sie sich jemals vorstellen können, das Gefängnis erleben zu müssen?

Kardinal Pell: Nein, natürlich nicht! Das hätte ich nie gedacht. Ich habe hart gekämpft, damit das nicht passiert, aber leider ohne Erfolg. Es war eine Kombination von Umständen, Lügen und Betrug, aber dann kam dank des Obersten Gerichtshofs endlich meine Freilassung.

Was hat Sie veranlasst, in Ihrer 13-monatigen Haft ein Tagebuch zu führen?

Kardinal Pell: Es gab viele Gründe. Ich dachte, es könnte hilfreich sein für Menschen, die sich in Schwierigkeiten befinden, für diejenigen, die einen Moment des Leidens durchmachen, wie den, den ich durchgemacht habe. Dann dachte ich, dass das Führen eines Tagebuchs aus historischer Sicht interessant sein könnte, denn es gab nicht viele Kardinäle, die diese Erfahrung gemacht haben, im Gefängnis zu sein. Aber dann auch, weil ich entdeckt hatte, dass sich viele

Gefangene dem Schreiben gewidmet haben, angefangen – im katholischen Bereich – beim heiligen Paulus. Schreiben im Gefängnis ist eine gute Therapie.

Inwieweit hat Ihnen das Gebet geholfen, die Demütigung und die Unannehmlichkeiten der Haft zu ertragen?

Kardinal Pell: Ich muss sagen, dass der Glaube und das Gebet grundlegend waren. Sie haben mir geholfen, die Perspektive auf diese Zeit der Inhaftierung vollkommen zu verändern. Heute sage ich allen, um einen englischen Ausdruck zu verwenden, dass das Gefängnis für mich eine Bestätigung war, dass das christliche »Programmpaket« funktioniert. Meine Erfahrung zeigt, wie sehr die Lehre der Kirche uns hilft, wie sehr es hilft, zu beten, die Gnade Gottes zu suchen. Vor allem, wenn wir verstehen, dass wir unser eigenes Leiden für ein größeres Gut leben können und dass wir unser Leiden mit dem Leiden Jesu vereinen können. Als Christen wissen wir, dass wir durch das Leiden und den Tod des Gottessohnes erlöst worden sind. Diese Lehre in Bezug auf den Wert des Leidens zu leben, das ändert wirklich alles, wenn man sich in einer Situation wie der meinen befindet.

Wie sah in den Tagen Ihrer Inhaftierung die Beziehung zu den anderen Häftlingen aus? Sie schreiben, dass Sie deren Leid gespürt haben…

Kardinal Pell: Ich war in Einzelhaft, damit mein persönlicher Schutz gewährleistet war. Die anderen elf Häftlinge, die mit mir in der gleichen Abteilung waren, habe ich nie gesehen. Erst in den letzten vier Monaten meiner Inhaftierung konnte ich drei andere Häftlinge treffen und mit ihnen sprechen. Aber die meiste Zeit konnte ich nur die Wut, den Kummer meiner Mitgefangenen hören, ohne eine persönliche Beziehung zu ihnen zu haben.

In Ihrem Tagebuch schreiben Sie, dass Sie von Ihrer Zelle aus oft den Gebeten der muslimischen Häftlinge zuhörten. Wie war es, zu beten, während Sie diese Gebete hörten?

Kardinal Pell: Für mich gibt es nur einen Gott, wir sind Monotheisten. Die theologischen Auffassungen von Christen und Muslimen unterscheiden sich natürlich, aber wir alle beten auf unterschiedliche Weise zu demselben Gott. Es gibt keinen Gott der Muslime, der Christen oder anderer Religionen. Es gibt nur den einen Gott.

In Ihrem Tagebuch schreiben Sie, dass Sie im Gefängnis jeden Tag Ihren Anklägern vergeben haben, dass sie sie gesegnet und für sie gebetet haben… War es schwierig, ihnen zu verzeihen?

Kardinal Pell: Ich muss zugeben, dass es manchmal schwierig war. Aber sobald ich die Entscheidung getroffen hatte, zu vergeben, folgte alles andere daraus. Für mich war es nicht so schwer, der Person, die mich beschuldigt hat, zu vergeben. Ich wusste, dass er ein Mensch war, der gelitten hatte, der sehr verwirrt war und wer weiß, was sonst noch…

Während Sie inhaftiert waren, haben Sie Tausende Briefe der Unterstützung erhalten. Welche Wirkung hatten diese Briefe aus Sie?

Kardinal Pell: Sie haben mir enorm geholfen. Viele kamen natürlich aus Australien, aber auch aus den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt. Auch aus Italien, Deutschland, England, Irland. Sie waren eine große Hilfe und Ermutigung für mich. Manchmal schrieben mir Familien. Oft waren es sehr spirituelle Briefe, ein anderes Mal waren sie sehr theologisch, ein anderes Mal von Geschichtskultur geprägt. Es waren wirklich Briefe, die eine große Vielfalt an Themen behandelten, und das hat mir sehr geholfen.

Haben Sie auch im Gefängnis immer an die Vorsehung geglaubt?

Kardinal Pell: Ja, auch wenn ich manchmal nicht verstand, was die Vorsehung Gottes da tat. Aber ich habe immer geglaubt, dass Gott hinter allem steht, was mir passiert ist.

Was haben Sie in diesen dreizehn Monaten als Mann der Kirche gelernt?

Kardinal Pell: Die Bedeutung von Beharrlichkeit, die Bedeutung der einfachen Dinge, wie Glaube, Vergebung, das erlösungswirksame Leiden. Normalerweise ist man im Gefängnis gezwungen, sich mit den grundlegenden Themen des Lebens auseinanderzusetzen, mit den einfachen und grundlegenden Dingen. Das ist mir auch passiert, und ich muss sagen, dass ich Gott sei Dank überlebt habe.

Kann der Missbrauchsskandal ein Anlass für die Erneuerung der Kirche sein?

Kardinal Pell: Das muss er sein. Wir können nicht auf der gleichen Linie weitermachen. Es ist eine Art geistiger und moralischer Krebs. Ich habe den Eindruck, dass wir hier in Australien ernsthaft daran gearbeitet haben, dies auszurotten, aber es ist eine Pflicht für alle Priester und alle Bischöfe der Welt, dafür zu sorgen, dass sich solche Skandale nicht wiederholen. Zu viel Leid, zu viel Schmerz. Das Phänomen des Missbrauchs in der Kirche zeigt einmal mehr, dass wir die Lehren Jesu oft nicht befolgt haben. Hätten wir die Gebote des Dekalogs befolgt, wäre all dies nicht passiert.