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Erster Schritt für ein neues Museum: Ausstellung der Torlonia-Antiken auf dem Kapitol

Eine Fülle von Meisterwerken

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18 Juni 2021

In der Folge eines Abkommens aus dem Jahr 2016 zwischen der Familie und Stiftung Torlonia und dem italienischen Kulturministerium wird erstmals ein großer Teil, 92 von 620 (!) antiken Skulpturen aus Privatbesitz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu renovierte Stararchitekt David Chipperfield (Museumsinsel Berlin) das Erdgeschoss der den Kapitolinischen Museen zugehörigen Villa Caffarelli.

Es handelt sich um nichts weniger als die wichtigste private Antikensammlung der Welt; nicht nur des Umfangs wegen, sondern aufgrund des hohen qualitativen Niveaus und weil ein guter Teil aus prestigeträchtigen Sammlungen Roms stammt, die vom 18. Jahrhundert bis in die Renaissance zurückreichen. »Eine Sammlung der Sammlungen« nennt es Salvatore Settis, mit Carlo Gasparri Kurator dieser international bedeutenden Ausstellung. Ziel des Abkommens ist ein neues, öffentliches »Museo Torlonia«, ein staatlicher Sitz für die Privatsammlung, die vor 1876 durch Fürst Alessandro Torlonia (1800-1886) als Museum in Trastevere vor der Porta Settiminiana konstituiert wurde. Bereits um 1859 hatte er das Gebäude angemietet, 1864 gekauft. Im Gespräch als neuer Sitz für das Museum ist die Villa Rivaldi (1536) nahe dem Kolosseum. Zuvor wäre das Problem der Restaurierung der »übrigen« 528 Skulpturen zu lösen, nachdem die jetzigen Exponate in zweijähriger Arbeit (Sponsor der Juwelier Bulgari) gereinigt wurden, wobei zahlreiche neue Erkenntnisse zutage kamen.

Der Begründer der Sammlung war Alessandros Vater, der unermesslich reiche Bankier Giovanni Raimondo (1754-1829), Sohn eines eingewanderten Kammerdieners aus der Auvergne (†1785), der es bereits zu einer Geldverleihanstalt gebracht hatte. Giovanni Torlonia erlebte einen kometenhaften wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg, zu dem seine deutsche Ehefrau Anna Maria Schultheiss entscheidend beitrug, ihre Feste im 1807 erworbenen Familienpalast an der Piazza Venezia wurden sogar von Stendhal gewürdigt. In den unruhigen napoleonischen Zeiten kaufte Giovanni riesige Latifundien, Villen und Paläste, unter anderem 1797 den Feudalbesitz Roma Vecchia zwischen der Via Appia und der Via Tuscolana, verbunden mit dem Titel eines Marchese, im selben Jahr die Villa an der Via Nomentana (heute Museum). Die Residenzen wurden von berühmten Künstlern wie Giuseppe Valadier, Canova und Thorwaldsen ausgestattet.

Die Grundstückskäufe beschleunigten die Nobilitierung, 1814 schließlich erhielt Giovanni den Fürstentitel »Principe di Civitella Cesi«. Er befasste sich mit Kunst- und Antikenhandel und erwarb ganze Sammlungen en bloc, so 1800 auf einer Versteigerung den gesamten Inhalt des Ateliers von Bartolomeo Cavaceppi, Antikenrestaurator und -händler (†1799), über 1000 antike Skulpturen (zahlreiche wertvolle aus früheren Sammlungen) und dekorative Elemente. Viele davon wurden zur Ausschmückung der riesigen Familienresidenz an der Piazza Venezia verwendet, welche mit zwei Arkadenhöfen, Terrassen, Prunkstiege, fünf Sälen und einer vierflügeligen Galerie genug Platz bot (sie wurde 1901 zum Bau des Vittoriano demoliert).

1809 überließ der verschuldete Fürst Vincenzo Giustiniani dem Bankier die berühmte Sammlung seines gleichnamigen Ahnen (†1637) als Garantie für ein Darlehen von 36.000 Scudi; in einem Vertrag von 816 werden 267 antike Skulpturen genannt. Sie gingen allerdings erst 1859 nach einem langen Rechtsstreit definitiv in den Besitz der Torlonia über. Sohn Alessandro erwarb 1866 die Villa Albani, wo Kardinal Alessandro Albani (†1779) und sein Antiquar Winckelmann, Begründer der modernen Kunst- und Altertumswissenschaft, gewirkt hatten. Aus dem trotz der Dezimierung durch die französische Beschlagnahmung 1798 noch beträchtlichen Antikenbestand wurden circa 50 Skulpturen, vor allem Brunnenschalen und Porträts, ins Museum in Trastevere übertragen.

Alessandro Torlonia führte die Ankäufe seines Vaters von Immobilien und Latifundien weiter; letztere bildeten zugleich fruchtbarstes Gelände für Ausgrabungen und wertvolle Funde: neben Roma Vecchia der trajanische Hafen und Kaiserpalast von Portus bei Ostia (Kauf 1856), das etruskische Vulci, im Gebiet der Sabina. Alessandro kaufte auch Skulpturen, die bei der fiebrigen Bautätigkeit in der neuen Hauptstadt zutage kamen. So erreichte das 1881-83 auf 77 Säle erweiterte Museo Torlonia die immense Anzahl von 620 Antiken.

In einem überzeugend ausgearbeiteten Konzept will die Ausstellung als eine nach rückwärts orientierte Erzählung der diversen Episoden der Sammlung verstanden sein, ausgehend vom Museo Torlonia – das Museum als selbstständige didaktisch-wissenschaftliche Einrichtung, nach Gattungen geordnet, ein wichtiger Schritt im Vergleich zu den adeligen Privatsammlungen als Dekoration von Villen und Palästen. Dazu gehört ab 1876 auch die Ausgabe von Katalogen durch die beiden Kuratoren Pietro Ercole und Carlo Ludovico Visconti, welche 1884-85 in einer sensationellen Neuerung gipfelte, einer Prachtausgabe in folio mit Fotografien (»fototipia«) sämtlicher Skulpturen, welche unter anderem Archäologischen Universitätsinstituten überreicht wurde, um der Forschung zu dienen. Die zweite Sektion der Ausstellung zeigt Funde von Ausgrabungen der Familie im 19. Jahrhundert. Es folgen die Ankäufe aus den großen Sammlungen des 18. Jahrhunderts (Albani und Cavaceppi); als Höhepunkt die Antiken des Marchese Giustiniani, die größte private Sammlung des Seicento; schließlich Skulpturen aus Sammlungen der Renaissance, unter anderem der Kardinäle Giuliano Cesarini (†1510), Pio da Carpi und Cesi, welche am jetzigen Largo Argentina, beziehungsweise auf dem Quirinal und bei St. Peter wunderbare Antikengärten besaßen.

Damit wird zugleich ein genereller Überblick über die Entwicklung des römischen Sammlungswesens gegeben: gerade am Ort der Ausstellung, am Kapitol, befindet sich das erste Antikenmuseum der Welt, begründet 1471 durch Sixtus’ IV. Stiftung einiger Bronzestatuen, darunter die berühmte Kapitolinische Wölfin und der »Dornauszieher«. Der Besucher erblickt sie am Ende des Rundgangs.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der Antikenrestaurierung durch die Ausstellung; so zeigen die einzelnen Sektionen auch die Entwicklung des antiquarischen Geschmacks. Vor allem im Barock wurden weitgehende Ergänzungen als völlig legitim angesehen. Selbst berühmte Bildhauer beteiligten sich auf diesem Gebiet. Beweis ist ein antiker marmorner Ziegenbock aus der Sammlung Giustiniani mit modernem Kopf von fast menschlichem Ausdruck (er wird nach der Reinigung überzeugend Gian Lorenzo Bernini (um 1620) zugeschrieben, während eine wunderbare kauernde Venus einen Kopf von dessen Vater Pietro erhalten hatte. Beim Giustiniani-Relief eines Fleischerladens (2. Jh. n. Chr.) mag die aristokratisch anmutende Geflügelhändlerin verwundern; des Rätsels Lösung: es handelt sich um eine hier eingesetzte antike, aber nicht zugehörige Figur!

Bei den Restaurierungen des 19. Jahrhunderts erscheint bedeutsam, dass die Kuratoren des Museums die neuesten Forschungsergebnisse berücksichtigten und in mehreren Fällen eine Skulptur »umrestaurieren« ließen, zum Beispiel eine in der Quintilier-Villa ausgegrabene große weibliche Statue, die anfangs wie eine Replik Albani (nun München) als Ziehmutter Leukothea mit dem Bacchusknaben interpretiert und ergänzt worden war, bis sich die Theorie deutscher Archäologen (L. Stephani 1859; H. Heinrich Brunn 1867) durchsetzte, es handle sich um eine von Pausanias beschriebene und von Münzen bekannte allegorische Darstellung der Eirene (Frieden) mit Ploutos (Reichtum) – eine »politische« Statue (»kein Wohlstand ohne Frieden«), deren Original auf der Athener Agorà stand (um 360 v. Chr.). So wurde das Kind nun mit einem Füllhorn ergänzt.

Eine Fülle von Meisterwerken begegnet dem Besucher, angefangen im ersten Saal, welcher an den triumphalen Abschluss des alten Museo Torlonia mit seiner gigantischen römischen Porträtsammlung von 122 Stücken erinnern soll, darunter zwei eindrucksvolle Greisenköpfe: der sogenannte Euthydemos von Baktrien, der aber weder den hellenistischen Herrscher (um 200 v. Chr.) noch einen Landmann darstellte (so im Inventar Giustiniani 1638), eher einen republikanischen römischen General aus dem 1. Jh. v. Chr. Aus derselben Zeit stammt der faltendurchfurchte »Alte von Otricoli«. Im Gegensatz dazu besticht das sogenannte »Mädchen von Vulci« (um 50/40 v.Chr.), ursprünglich mit einem goldenen Haarschmuck versehen, durch eine faszinierende Mischung von Grazie und metallischer Härte. Im Zentrum dominiert eine in der Sabina gefundene überlebensgroße, als Feldherr Germanicus restaurierte Bronzestatue.

Im Saal der Ausgrabungsfunde sind neben der erwähnten Eirene bemerkenswert ein kostbares attisches Relief des 5. Jhs. v.  Chr. – ein Jüngling, wohl Hippolyt, mit Pferd – aus der Villa des griechischen Politikers und Philosophen Herodes Atticus (101-177) an der Appia; ein großes Relief aus Portus mit der Hafeneinfahrt eines Schiffes, vielleicht die Rückkehr von Kaiser Septimius Severus 204 aus Afrika; ein musizierender Satyr vor einer sitzenden Nymphe, besonders wichtig, weil sie als einzige gemeinsam gefunden wurden und so die bisherige Hypothese der Zusammengehörigkeit zu einer »Einladung zum Tanz« betitelten Gruppe bestätigten. – Unter den Sammlungen des 18. Jahrhunderts nimmt eine kolossale (177 x 230 cm) Brunnenschale aus der Villa Albani, geschmückt mit einem Relief der Arbeiten des Herkules /50/25 v. Chr., einen ganzen Raum ein.

Im Hauptsaal der Sammlung Giustiniani fällt die paarweise Anordnung von Skulpturen desselben Typus auf, zwei Statuen einer kauernden Venus nach dem griechischen Bildhauer Doidalsas, zwei Isis-Figuren, zwei ausruhende Satyrn nach Praxiteles: so war es bereits unter dem hochgebildeten Marchese Giustiniani (+1637), dem die Existenz mehrerer Repliken eines Typus und einer Serienproduktion bereits in der Antike bewusst war! Neben einer weiteren Porträtreihe befindet sich hier die wertvollste Statue der Ausstellung, die hieratische sogenannte Hestia/Vesta Giustiniani (aber eher Göttin Hera oder Demeter), eine wohl in Baia unter Hadrian120/140 n. Chr. entstandene Kopie nach einem bronzenen griechischen Original (um 460 v. Chr.) im Strengen Stil.

Die Sammlungen der Renaissance sind durch mehrere Statuen Cesarini und zwei große Sarkophage aus dem Palazzo Savelli vertreten, überragt von der »Tazza Cesi« mit einem dionysischen Bankett von außergewöhnlicher Qualität (um 100 v. Chr.), welche im 15. Jahrhundert durch Zeichnungen vor einer Kirche in Trastevere dokumentiert ist, dann im Antikengarten Cesi mit einem Wasser speienden Silen, eine in der Ausstellung sorgfältig rekonstruierte Aufstellung.

Rom, Musei Capitolini – Villa Caffarelli, bis 29. Juni 2021; täglich 9.30-19.30, nur mit Reservierung https://museiincomuneroma.vivaticket.it/; Katalog (italienische und englische Ausgabe): Electa; ausgezeichnete Vorträge (auf Italienisch) der Kuratoren und Katalog-Autoren: https://m.facebook.com/watch/430041965093825/.

Brigitte Kuhn-Forte