Das Erbe des Petrus

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11 Juni 2021

Der Brief ist an Kardinal Reinhard Marx adressiert, aber er ist an alle gerichtet, an jeden Katholiken, der heute auf Erden lebt. Heute und morgen. Es lässt sich unschwer vorstellen, dass dieses kurze Schreiben einen der wichtigsten Texte des Pontifikats von Papst Franziskus darstellt. Bergoglio übt seine Vaterschaft einem seiner Söhne gegenüber (den er seinen »Bruder« nennt, den er »liebt«) wieder einmal frei und maßgeblich aus, in einem Brief, der weit über eine formelle Antwort an einen Bischof hinausgeht, der seinen Rücktritt angeboten hat. Die Tragweite dieses Briefes ist grandios und dauerhaft. Es handelt sich dabei um einen Text, der das bereits sehr reiche Erbe von Papst Franziskus noch weiter anreichern wird. Ein Erbe, das sich zu dem 2000-jährigen Erbe der Kirche gesellt, das mit jenem des Petrus begann, den der Papst in seinem Brief mit ergreifender Präzision beschreibt (es handelt sich hierbei um die eindringlichste und anrührendste Stelle des gesamten Textes): »Es ist der Weg des Geistes, dem wir folgen müssen, und der Ausgangspunkt ist das demütige Bekenntnis: Wir haben Fehler gemacht, wir haben gesündigt. Es sind nicht die Untersuchungen, die uns retten werden, und auch nicht die Macht der Institutionen. Uns wird nicht das Prestige unserer Kirche retten, die dazu neigt, ihre Sünden zu verheimlichen. Uns wird nicht die Macht des Geldes retten und auch nicht die Meinung der Medien (oft sind wir von ihnen allzu abhängig). Was uns retten wird, ist: die Tür zu öffnen für den Einen, der allein uns retten kann, und unsere Nacktheit zu bekennen: ›ich habe gesündigt‹, ›wir haben gesündigt‹ – und zu weinen, und zu stammeln, so gut wir können: ›Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder‹, ein Vermächtnis, das der erste Papst den Päpsten und Bischöfen der Kirche hinterlassen hat. Dann werden wir jene heilsame Scham empfinden, die die Türen öffnen wird zu jenem Mitleid und jener Zärtlichkeit des Herrn, die uns immer nah sind.«

Über die eigene Unwürdigkeit weinen und stammeln: das ist das Erbe des Petrus, das Franziskus sich zu eigen macht und der Aufmerksamkeit jedes einzelnen katholischen Gläubigen unterbreitet. Das ist auch der Weg, den jede wahre Reform der Kirche gehen muss. Daran erinnert der Papst, wenn er implizit die Spuren seiner Vorgänger erwähnt, die das Erbe des ersten Papstes, des Fischers von Kafarnaum, bereits angenommen haben: »Das ›mea culpa‹ angesichts so vieler Fehler in der Vergangenheit haben wir schon mehr als einmal ausgesprochen, in vielen Situationen, auch wenn wir persönlich an dieser historischen Phase nicht beteiligt waren. Und genau dieses Verhalten wird von uns auch heute verlangt. Man verlangt von uns eine Reform, die – in diesem Fall – nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird. Und jede Reform beginnt bei sich selbst. Die Reform in der Kirche haben Männer und Frauen bewirkt, die keine Angst hatten, sich der Krise auszusetzen und sich selbst vom Herrn reformieren zu lassen. Das ist der einzige Weg; andernfalls wären wir nur ›Ideologen der Reformen‹, ohne das eigene Fleisch aufs Spiel zu setzen.«

Am 12. März 2000, im Jahr des Großen Jubiläums, sprach der heilige Johannes Paul II. im Namen der Kirche ein feierliches »mea culpa« aus und bat um Vergebung für die vielen Sünden, die im Lauf der Geschichte begangen wurden, wobei er unter anderem sagte: »Für den Anteil, den jeder von uns mit seinem Verhalten an diesen Bösartigkeiten hat und damit beiträgt, das Antlitz der Kirche zu entstellen, bitten wir demütig um Vergebung.« Auch zu jener Zeit gab es Leute, die wegen dieser Bitte um Vergebung Polemiken anfingen, genauso wie beim »Weg der Buße«, den Benedikt XVI. einschlug, als in verschiedenen Teilen der Welt Missbrauchsskandale ans Licht kamen, der lange Weg, den heute Franziskus verfolgt, einen Weg, der mit dem »Weg des Geistes« identisch ist. Diejenigen, die heute genau wie damals nicht verstehen und Polemiken vom Zaun brechen, sind die »Ideologen«, die Reformprojekte wälzen und die wahre, die einzig mögliche Reform vergessen, wie Papst Franziskus gut erläutert: »Der Herr hat sich niemals auf eine ›Reformation‹ (ich bitte um Erlaubnis für diese Formulierung) eingelassen: weder auf das Projekt der Pharisäer, noch auf das der Sadduzäer, der Zeloten oder der Essener. Sondern er hat sie mit seinem Leben bewirkt, mit seiner Geschichte, mit seinem Fleisch, am Kreuz.« Das ist die Kraft der Kirche, das Kreuz, der einzige Ort, an dem Jesus als König und als Sohn Gottes anerkannt wird. Das ist unser Erbe als Kinder Gottes, die liebevoll von dem Hirten, der der Nachfolger Petri ist, geführt werden.

Von Andrea Monda