· Vatikanstadt ·

Ein Blick in die Geschichte: Pius VII. und Pius IX.

Impfstoff für alle, Impfstoff für die Armen

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21 Mai 2021

Ein Blick auf die Geschichte des Papsttums hilft uns, die Worte und Gesten von Papst Franziskus zu verstehen – weshalb er dazu aufruft, Impfstoffe allen Menschen zugänglich zu machen. Franziskus ging mit konkretem Beispiel voran und ließ Impfungen für Obdachlose im Vatikan ermöglichen.

Es war das Jahr 1822: Edward Jenner, der Begründer der modernen Immunisierung durch den Pockenimpfstoff, lebte noch, als im damaligen Kirchenstaat unter Pius VII. eine massive Impfkampagne durchgeführt wurde. Diese Initiative des damaligen Papstes wurde stark gefördert und minutiös vorbereitet durch ein Dekret, das von Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi unterzeichnet wurde. Dass zwischen der katholischen Kirche und der Vorsorge zur Vermeidung von Epidemien und Pandemien eine uralte Allianz besteht, lässt sich leicht durch einen Blick in die Geschichte aufzeigen.

Damit kann man auch besser einordnen, was Papst Franziskus über Impfstoffe gegen Covid-19 sagte und weshalb er eine breite Impfkampagne angesetzt hat, in der er den Zugang für Arme und Obdachlose zu Impfstoffen fördert. Begleitet vom päpstlichen Almosenmeister Kardinal Konrad Krajewski hat er die Menschen, die sich in der Vorhalle der Audienzhalle aufreihten, persönlich als Bischof von Rom begrüßt und sogar mit einem kleinen Essensgeschenk »beglückt«. Solche Gesten sind in der Tat kein Novum.

Zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts war die rasante Ausbreitung der Pockenepidemie in Europa alarmierend. In Mittelitalien gab es einen Höhepunkt im Jahr 1820. Der damalige Papst hatte nicht tatenlos zugesehen. Der Kardinalstaatssekretär von Pius VII. bereitete mit der gesetzlichen Maßnahme vom 20. Juni 1822, die kürzlich von Marco Rapetti Arrigoni auf breviarium.eu kommentiert wurde, die Impfkampagne vor, nachdem der Papst »die Pockenimpfung in seinen Staaten angeordnet hatte«. Es ist interessant, am Anfang des Dokuments diese aktuellen Worte zu lesen, die den Pocken gewidmet sind, die »den Menschen böswillig an der Schwelle zwischen Leben und Tod bedrohen […] und unter der menschlichen Spezies wüten, um sie fast zu vernichten. Dieser sehr traurige Gedanke ist immer noch lebendig, und durch die wiederholten Massaker der Krankheit sollten alle Menschen dazu gebracht werden, mit lebhaftester Begeisterung und gleicher Dankbarkeit die Impfung zu praktizieren, als einfache wie wirksame Methode, um die giftige Kraft der Krankheit zu bändigen«.

Der sogenannte »Testo Unico Vaccinale«, der vor zwei Jahrhunderten im Kirchenstaat verkündet wurde, definiert den Impfstoff als ein Geschenk Gottes, »ein solch energisches Mittel, das die göttliche Vorsehung der väterlichen Liebe zur Verfügung gestellt hat«, »um die Nachkommenschaft zu retten«. Doch schon damals verhinderten Vorurteile die Rettung von Menschenleben.

Auf Anordnung von Papst Pius VII. wurde daher eine Zentrale Impfkommission »zur Verbreitung der Impfung im gesamten Territorium des Kirchenstaates« geschaffen, die für die Überwachung der Arbeit der Ärzte »zur ordnungsgemäßen Durchführung der Impfung« zuständig war und Regeln »zur ständigen Aufbewahrung eines Depots des Impfvirus sowohl in Rom, als auch in allen Provinzkommissionen des Staates« festlegte. Außerdem wurde ein Rat für Impfungen mit beratender Funktion eingerichtet, dessen Mitglieder aus den Professoren der medizinischen Fakultäten der Universitäten Rom und Bologna ausgewählt wurden. In jeder Gesandtschaft wurden provinzielle Impfkommissionen eingerichtet, die von der Zentralkommission abhängig waren und mit Weisungs- und Aufsichtsbefugnissen ausgestattet waren, um eine ausreichende Verfügbarkeit von Impfstoffen zu gewährleisten, »damit sie kostenlos an alle Ärzte und Chirurgen verteilt werden können, die sie benötigen«. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Kindern gewidmet, und das Dekret sah eine Impfkampagne in Waisenhäusern vor. Ärzte mussten Experten im Impfen sein oder werden, und es gab keine Möglichkeit des Widerstands oder der Unerfahrenheit, bis zu dem Punkt, dass es, um im Kirchenstaat zu praktizieren, unerlässlich war, zu bescheinigen, dass sie in der Lage waren, nach Jenners Methode zu impfen.

Die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich an der Impfkampagne zu beteiligen und Ängste und Vorurteile hinter sich zu lassen. Und in der Gesetzgebung wurde festgelegt, dass für den Erhalt von Subventionen, Leistungen oder Prämien die »Bescheinigung, dass der Antragsteller als Familienvater die Impfung durchgeführt hat«, beigefügt werden musste. Getadelt wurde das »verwerfliche Verhalten» der damaligen Impfgegner, die »die Impfung verweigerten, um ihre Kinder und die Individuen der von ihnen geführten Familie zu schützen«.

Dennoch scheiterte das ehrgeizige Impfprogramm an der Schwierigkeit, die Bevölkerung zu überzeugen und Vorurteile zu überwinden. Im September 1824 hob Papst Leo XII. mit einem Rundschreiben die zwei Jahre zuvor eingeführte Impfpflicht auf und erklärte, dass man sich auf freiwilliger und fakultativer Basis impfen lassen könne, und zwar kostenlos. Mit Genugtuung begrüßte diese Entscheidung ein berühmter Impfgegner der damaligen Zeit, der römische Dichter Giovanni Gioacchino Belli, der in einem Sonett mit dem Titel »Er linnesto« diese Entscheidung kommentierte und der die Idee, mit dem Pockenvirus Impfungen vorzunehmen, auf die Freimaurer schob.

Der Nachfolger von Leo XII., Gregor XVI., gab den Impfkampagnen neue Impulse, indem er den größten Teil der Gesetzgebung von Pius VII. und Consalvi wieder aufgriff und 1834 eine eigene Kongregation für Gesundheit gründete. Es war Papst Gregor, der die Zwangsimpfung für die Insassen der Gefängnisse des Kirchenstaates anordnete.

Mit der Wahl von Giovanni Maria Mastai Ferretti, dem letzten sogenannten Papstkönig, wurden die Impfbemühungen fortgesetzt. Angesichts des Wiederaufflammens der Pockenepidemie förderte Pius IX. 1848 eine Impfkampagne mit besonderem Augenmerk auf die ärmsten Bevölkerungsschichten und bezog die Pfarreien mit ein, die gebeten wurden, die Namen der Geimpften zu nennen. Mit der Mitteilung vom 23. April 1848 setzte Papst Mastai auch eine kleine Geldprämie – zwei sogenannte »Pauli-Taler« – für diejenigen fest, die, nachdem sie kostenlos geimpft worden waren, acht Tage später zurückkehrten, um den Erfolg der Impfung von den Ärzten überprüfen zu lassen.

Andrea Tornielli