· Vatikanstadt ·

Lasst uns menschlich bleiben

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03 April 2021

Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie ist bei uns auch eine alltägliche Beziehung zum Tod, dem großen Tabu, wieder aktuell geworden. Zugleich hat das Virus zwei entscheidende Augenblicke verändert und uns versagt, die menschlich und ein Zeichen von Zivilisation sind: die Sterbebegleitung und das Bestattungsritual.

In der Tat herrscht ein unsere Beziehungen betreffender Notstand, der zusammen mit den sanitären, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten der Pandemie bewältigt werden muss. Wir sind dazu zurückgekehrt, wieder auf unsere Wohnung eingeschränkt zu leben, die der wichtigste Ort der Pflege geworden ist, zugleich aber auch Büro, Schule, Kirche für die Gläubigen. Zugleich leben wir aber auch in Isolation in den häuslichen vier Wänden, so wie auch der allein ist, der im Krankenhaus ist, wo das Virus auch diejenigen nicht verschont hat, die als einzige eine unmenschliche Situation wieder menschlich machen: die unentbehrlichen Ärzte und das Pflegepersonal.

Eben deshalb wollen wir uns in dieser schwierigen Zeit, in der wir für wer weiß wie lange in der Schwebe sind, und in den Tagen, auf die die christliche Osterzeit fällt, das Fest, das die Auferstehung feiert, dafür entscheiden, über den Tod zu sprechen – der keineswegs das Gegenteil des Lebens ist –, und über das Leben nach dem Tod. Wir tun das auch deshalb, weil es von jeher die Frauen sind, die Hüterinnen der Riten, die ethische und spirituelle, private und gesellschaftliche Funktionen erfüllen, die den beiden grundlegenden Übergangsriten der Geburt und des Sterbens beiwohnen.

*

Es gibt eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben. Der Abschnitt aus Ecclesiastes (Koh 3,1f.), der feierlich den Takt des menschlichen Lebens schlägt, sagt, dass alles seine Stunde hat und dass die Ereignisse des Lebens als etwas Natürliches erlebt werden müssen. Eine Generation geht, eine Generation kommt.

Wir erleben dieser Tage eine paradoxe Situation. Ein Mensch stirbt, lebt aber nicht nur in der privaten Erinnerung weiter. Das Lächeln derer, die uns vorausgegangen sind, taucht auf dem Handydisplay auf, und das Internet wird zum großen Platz, um die Erinnerung zu teilen und mit anderen zu teilen. Aber es gibt Menschen, die sterben und begraben werden, ohne dass man ihre Identität herausfindet; ein Grabstein mit einer Nummer hütet den aus dem Meer gefischten Körper. Drei Frauen, von denen wir hier erzählen wollen, übernehmen die Aufgabe, den Schiffbrüchigen des Mittelmeers  einen Namen zu geben, ihnen eine Erinnerung zuzuschreiben, um ihr Grab weniger anonym zu machen. Und auch die Worte, die im kleinen Friedhof von Lampedusa an die ganze Welt gerichtet sind, stammen von einer Frau:

»Trauer zu empfinden für jemand, den wir nie gesehen /
setzt eine vitale verwandtschaftliche Beziehung
zwischen ihrer Seele / und der unseren voraus /
Für einen Unbekannten / weinen die Unbekannten nicht«

(Emily Dickinson)