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Auf den Spuren der Vaterschaft – Roberto Corbella erzählt

Geschenke einer Tochter an den Vater

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30 April 2021

»Über Chiara und mich möchte ich dir sofort etwas sagen: Ich glaube nicht an transitive Eigenschaften. Ihre außerordentliche Schönheit stammt sicher nicht von mir.« Wir sprechen mit Roberto, dem Vater von Chiara Corbella Petrillo. »Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, auf meinen immer etwas vorsichtigen Stil und auch auf meinen eher lauen Glauben, dann frage ich mich oft, woher Chiara ihren unglaublichen Mut genommen hat, ihr entschiedenes Glaubenszeugnis.«

Roberto Corbella, 71 Jahre, erzählt in einer Mischung aus Demut, Ironie und Augenblicken tiefer Ergriffenheit von seiner außerordentlichen Erfahrung als Vater von Chiara, die im Juni 2012 durch ihren Tod menschlichen Blicken entzogen wurde und für die der Seligsprechungsprozess eingeleitet wurde. Ihre Geschichte ist den meisten bekannt. Sie wuchs in einem gläubigen Umfeld auf, rein und einfach, begegnete 2002 in Medjugorje Enrico. Sechs Jahre später fand die Hochzeit statt. Aus ihrer Verbindung gehen Maria Grazia Letizia und Davide Giovanni hervor, die die Geburt aufgrund von gravierenden Fehlbildungen allerdings nur um wenige Minuten überleben. 2011 erblickt Francesco das Licht der Welt, ein gesunder, schöner Junge. Aber in der fünften Schwangerschaftswoche wird bei Chiara ein Tumor diagnostiziert. Sie beginnt mit der Behandlung und unterzieht sich auch einer Operation, schiebt aber jede weitere Behandlung, die das Leben ihres Kindes in Mitleidenschaft ziehen könnte, auf. Auch der zweite schwerwiegendere Eingriff nach der Geburt von Francesco und alle Therapien können den Tumor allerdings nicht aufhalten. Chiara stirbt am 13. Juni 2012. Im September 2018 eröffnet der Kardinalvikar von Rom, Angelo De Donatis, offiziell den Seligsprechungsprozess.

»Weißt du, in diesen Jahren hat man mich öfter gerufen, um auch in der Öffentlichkeit über Chiara zu sprechen. Aber das ist das erste Mal, dass mich jemand bittet, über mich selbst zu reden, über meine sicher ganz besondere Erfahrung der Vaterschaft. Und das macht mich sehr verlegen. Zuweilen scheint es mir, dass es ein plötzlicher Übergang war: zuerst ›Sohn von…‹ und dann auf einmal ›Vater von…‹« Jeder Vater war auch einmal Sohn, und die Vaterschaft zehrt stark von der vergangenen Erfahrung als Sohn. »Ja, das ist wahr. Entweder weil du den Stil deiner Eltern nachahmst, oder weil du dich davon abgrenzen willst und ihn verurteilst, aber die Art und Weise, wie du Vater bist, hängt stark von der Art und Weise ab, wie du Sohn warst. Für mich trifft eher das zweite zu. Meine Eltern waren zwei tüchtige, gute Leute, die mich mit großer Zuneigung umgaben. Aber, weißt du, zwischen uns gab es nie diese gefühlsmäßige und geistige Vertrautheit, um die ich mich dagegen später in der Beziehung zu meinen Töchtern bemüht habe. Es waren andere Zeiten. Scham und Diskretion hatten stets Vorrang. Mit meinen Töchtern war das anders. Auch als Chiara schon erwachsen und verheiratet war, hatte sie noch die Gewohnheit, bei ihren Besuchen auf meinen Knien zu sitzen.«

Das heißt, du warst als Vater stark präsent? »Nun, ich habe mich jedenfalls stets bemüht. Dann gibt es aber immer einen Unterschied zwischen dem, was wir zu geben glauben, und dem was die anderen zu empfangen meinen. Besonders die Kinder haben von uns immer ein etwas anderes Bild als das, was wir ihnen zu vermitteln glauben. Aber ich meine, ich habe mich der Beziehung zu meinen Töchtern eingehend gewidmet. Vielleicht nicht über lange Zeiträume, aber wenn ich mit Elisa und Chiara zusammen war, habe ich versucht, ihre Neugier zu wecken, und ihnen zu helfen, nach vorne zu schauen und die Schönheit wahrzunehmen in dem, was uns umgab. Und das neben einer Arbeit, die mich sehr in Anspruch nahm, die uns aber auch die Möglichkeit gab, gemeinsam lange Ferien zu machen und die ganze Welt zu bereisen.«

Die Arbeit von Roberto war in gewisser Weise auch eine Art Vaterschaft. Vierzig Jahre lang leitete er eine Tourismusorganisation, der das Verdienst zukommt, die jungen Generationen an die Kultur des Reisens herangeführt zu haben. »Bis in die 1970er-Jahre war das Reisen eher ein Statussymbol für Wohlhabende als eine formende Erfahrung durch Begegnung. Dann mit der Liberalisierung der Flugpreise haben Millionen von jungen Menschen das Reisen gelernt und wir haben ihnen geholfen. Du hast Recht, in gewisser Weise war auch dies eine Erfahrung der Vaterschaft. Denn ein guter Vater ist derjenige, der seine Kinder ›aufbrechen‹ lässt. Ins Leben aufbrechen. Kinder sind kein Besitz. Auch das habe ich von Chiara gelernt.«

Was glaubst du sonst noch von Chiara gelernt zu haben? »Ach, sehr viel. Vieles habe ich erst nachher gemerkt. Zum Beispiel der Mut. Sie ist wirklich stark. (Robert merkt es nicht, aber häufig spricht er in diesem Interview von Chiara in der Gegenwart.) Weißt du, als man ihr sagte, dass sie sich im Endstadium der Krankheit befand, lud sie öfter Freunde und Verwandte in unser Landhaus ein. Diese traten wehmütig und still ein, wie die Situation es erforderte, so dachten sie. Aber dann gingen sie völlig verwirrt von der Vorstellung, dass sie einer Familie von Verrückten begegnet waren. Eine ansteckende Freude, die zuweilen fast in Ausgelassenheit überging. Chiara scherzte sogar über ihren Zustand. Die Kraft des Glaubens kommt in der Freude zum Ausdruck: Traurigkeit ist kein christliches Gefühl. Ganz einfach, weil sie die Hoffnung ausschließt. Das Foto von Chiara, wo sie lächelt und ein Auge verbunden hat, ist in gewisser Weise ein Symbol für diese Lebenshaltung. Aber es liegt mir auch am Herzen, jeder Art von ›Heiligenbildchen‹ zu widersprechen, das man sich von meiner Tochter machen könnte: Chiara war ein normales Mädchen, sehr spontan, mit einem normalen Leben wie viele andere.«

»Unser Haus war immer voller Trubel. Seit sie klein waren, gab es immer ein Kommen und Gehen von jungen Menschen. Geselligkeit und Einfühlungsvermögen waren die Koordinaten unserer jungen Familie. Die alle einschlossen, auch alle Tiere, die wir immer hatten. Stell dir vor, wir hatten eine Katze, die jeden Tag allein aus dem Haus ging, um Elisa von der Schule abzuholen. Sie kamen dann gemeinsam zurück…« Dann gab es auch Dinge, die bei euch unterschiedlich waren. »Ja, ich denke, und das sage ich nicht aus falscher Bescheidenheit, dass die schönsten Aspekte Chiaras sicherlich von meiner Frau Anselma stammen. Von ihr hat sie ihre schöne Sensibilität und Kreativität geerbt. Und auch ihr Faible für Kunst, für das Schöne, für Musik und Zeichnen. Zu Weihnachten und zum Geburtstag zeichnete und schrieb sie immer wunderschöne Karten, die ich hüte wie einen Schatz. Vor allem aber war Anselma der Schlüssel zum Glauben für beide Mädchen. Von klein auf hat sie sie, mit der Hilfe ihrer Gemeinschaft, gelehrt, dem Gebet den nötigen Raum zu geben, mindestens eine halbe Stunde am Tag. Das Gebet war nie nur eine Nachfolge mit Worten, sondern ein echter Raum des täglichen, offenen und aufrichtigen Dialogs mit dem Herrn. Mich machte dieser Zugang, den die Mädchen zum Gebet hatten, immer neugierig. Mich beeindruckte die Natürlichkeit einer Praxis, die für sie war wie essen, trinken und schlafen; eine Praxis geistlicher Hygiene, lass es mich einmal so sagen. Allgemeiner kann ich sagen, dass das Christentum von Chiara, wie das unserer ganzen Familie, niemals dem Identitarismus frönte. Wichtig war für sie, im Leben konsequent zu sein, verständlich zu machen, nicht zu überreden.«

»Ich verstehe, dass du dich heute für meine Vaterrolle interessierst, aber diese ganze außerordentliche Geschichte, die ich dir erzähle, stützt sich in erster Linie auf die Rolle von Anselma, der Mutter, meiner Frau.« Wie habt ihr euch kennengelernt? »Auch hier hat das Leben oder besser die Vorsehung unseren kleinkarierten Willen überlistet. Wir haben dank eines Scherzes geheiratet. Wir haben zusammengearbeitet, sie gefiel mir, und später habe ich gemerkt, dass ich ihr gefiel. Aber ich war ziemlich steif in meiner Rolle als Chef, und sie wollte nicht als diejenige erscheinen, die sich an den Chef heranmacht. Bei einem Abendessen unter Kollegen spielte einer von ihnen uns einen Streich. Nach dem Essen stand er auf und sagte: ›Und jetzt stoßen wir auf Roberto und Anselma an, die demnächst heiraten werden.‹ Große Verlegenheit und allgemeines Gelächter… Aber als wir das Restaurant verließen, ging ich zu ihr und sagte: ›Was für ein Scherz war das denn… Aber für mich kann ich mir diesen Scherz gut vorstellen. Und du?‹ Drei Monate später waren wir verheiratet.«

»Genausowenig kann man von Chiara erzählen und auch von meiner Rolle als Vater, ohne ihre Schwester Elisa zu erwähnen. Die Beziehung zwischen den beiden Schwestern war osmotisch, wenn auch in der Unterschiedlichkeit der beiden Individualitäten, es vereinte sie eine Beziehung voller Vertrauen, Komplizenschaft und geistiger Einheit, vollkommen frei von Eifersucht und Konkurrenzdenken. So etwas findet man selten. In Chiaras letzter Nacht blieben sie beide zusammen, ganz allein. Für Elisa ist es ein Dialog, der durch jene Nacht nicht unterbrochen wurde. Du verstehst, dass es letztendlich nicht schwer war, Vater zu sein, mit diesen Töchtern und dieser Mutter. Ich denke, dass es die Hauptaufgabe des Vaters ist, in den Kindern eine große intellektuelle Neugier zu wecken. Keine Antworten aufzuerlegen, sondern Fragen zu stellen über das Leben, über die Welt. Ich habe sie von klein auf gedrängt, zu reisen und Neues kennenzulernen. Der Rest kommt von allein: im Sinn von ›wenige Worte, aber ein gutes Beispiel‹. Die Kinder richten ihre Aufmerksamkeit mehr auf das, was du tust, als auf das, was du sagst.«

»Solange Chiara an unserer Seite war, haben wir die Außerordentlichkeit der Geschichte, die sie uns schenkte, gar nicht wahrgenommen. Ich glaube, ich habe das erst am Tag der Beerdigung begriffen, als ich in einer unglaublich vollen Kirche zum ersten Mal das Wort Heiligkeit aus dem Mund von Kardinal Vallini gehört habe. Noch heute fällt es mir schwer, an dieses Wort zu denken. Für mich ist Chiara immer und vor allem meine Tochter. Vielleicht sage ich etwas Dummes, aber mir fällt es schwer, mir vorzustellen, was es bedeutet, in der Gemeinschaft der Heiligen ›Vater‹ zu sein.«

Das Gespräch mit Roberto, mit seinen sprechenden Pausen und seinem Schweigen, setzt sich fort auf dem Weg über die Engelsbrücke. Das Ziel ist die Schule von Francesco, Chiaras Sohn. »Auch als Rentner pflege ich viele Interessen, vor allem im sozialen Bereich. Aber ich brauche dir nicht zu sagen, dass das Großvatersein das ist, was mein Leben erfüllt. Nicht nur von Francesco. Elisa hat mir drei prachtvolle Enkel geschenkt, die ich aber nicht so oft sehen kann, wie ich gerne möchte, weil sie in Mailand leben.« Francesco kommt aus dem Schultor gelaufen und umarmt den Großvater. Ich bekomme Gänsehaut, er ist seiner Mutter so ähnlich. »Auch sein Charakter ist ähnlich, auch er liebt Kunst und Musik.«

»Bevor du gehst, möchte ich dir noch etwas sagen, was ich noch nie erzählt habe. Ich habe immer gedacht, dass es im Fall einer kranken Mutter keinen Zweifel gäbe, dass sie ihr eigenes Wohl vor das Wohl des Kindes stellen soll. Chia­ras Geschichte hat mich etwas verstehen lassen: Hätte sie ihre eigene Person vor das Wohl von Francesco gestellt, den die Ärzte nur ›Fötus‹ nannten, dann wäre es nicht sicher gewesen, ob sie gerettet worden wäre, aber sie hätte auch der Gesundheit von Francesco gravierenden Schaden zufügen können, der hier bei uns ist, gesund und schön, und das war ganz entscheidend, um das Leben ohne Chiara bewältigen zu können. Heute lebt Chiara in Franziskus. Und er ist mein Trost. Ich hatte mich geirrt. Und das war die letzte Lehre, das letzte Geschenk im Glauben, das meine Tochter ihrem Vater machen wollte.«

Von Roberto Cetera