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Bethanien – Haus der Gastfreundschaft von Marta, Maria und Lazarus

Wo Jesus sich ausruhen konnte

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26 Februar 2021

»Im Haus von Bethanien erlebte der Herr Jesus den Familiensinn und die Freundschaft von Marta, Maria und Lazarus; deshalb heißt es im Johannesevangelium, dass er sie liebte. Marta nahm ihn in Gastfreundschaft großzügig auf, Maria hörte aufmerksam auf sein Wort, und Lazarus stieg auf Befehl dessen, der den Tod erniedrigt hatte, sogleich aus dem Grab.« Mit diesen Worten beginnt das Dekret der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, das der Präfekt Kardinal Sarah am vergangenen 6. Januar unterzeichnet hat. Es enthält die Verfügung von Papst Franziskus, »dass der Gedenktag der Heiligen Marta, Maria und Lazarus am 29. Juli in den Römischen Generalkalender aufgenommen wird«.

Für uns als Hüter des Hauses und des Heiligtums von Bethanien ist diese Verfügung eine glückliche Entscheidung, die die heiligen Geschwister Marta, Maria und Lazarus, Freunde Jesu, mit einem gemeinsamen Fest ehrt. So wird eines der beiden Feste – das andere ist die Auferweckung des Lazarus –, die seit langer Zeit von den Pilgern im Heiligtum begangen werden, in den liturgischen Kalender der Weltkirche eingefügt. Zudem ist es bereits im Proprium der Diözese Jerusalem innerhalb ihres Jurisdiktionsbereichs für den 29. Juli vorgesehen und trägt den Titel: »Fest der Heiligen Lazarus, Marta und Maria, Freunde und Gastgeber des Herrn«.

Außerdem feiern wir an diesem Ort jedes Jahr am Montag der Karwoche die Salbung der Füße Jesu durch Maria, dort wo sie geschehen ist, wie es der Evangelist Johannes erzählt (Joh 12,1-8). In einer sehr eindrucksvollen Eucharistiefeier gedenken wir ihrer Geste unentgeltlicher und prophetischer Liebe und weihen einige Ampullen mit duftendem Öl, das am Abend des Karfreitags beim Gottesdienst der Grablegung Jesu in der Grabeskirche verwendet wird, um das Kreuz zu salben. Dasselbe Öl wird auch bei verschiedenen Feiern und Anlässen im Lauf des Jahres gebraucht, um die Hände der Gläubigen zu salben, als Zeichen der Liebe zu Jesus Christus.

Bethanien ist ein an Geschichte und Spiritualität sehr reiches Dorf. Hier wohnten Lazarus, Marta und Maria, wie uns die Evangelien berichten. Hier nahmen sie Jesus auf, wenn er zu Fuß aus Galiläa kam, nachdem er das Jordantal durchquert und den Aufstieg hinter sich hatte, der von Jericho über den Wadi Qelt und die Karawanserei des Barmherzigen Samariters nach Jerusalem

führt. Das Haus in Bethanien war der Ort, wo Jesus am Ende seiner Reise gemeinsam mit den Aposteln Halt machen, sich ausruhen konnte, und vor allem sich in vertrauter Umgebung zu Hause fühlen konnte, bevor er nach Betfage weiterging und von dort nach Jerusalem hinaufstieg. Wahrscheinlich war dies auch der Weg, den er zurücklegte, bevor er vor seinem Pascha auf dem Rücken eines Esels seinen königlichen Einzug in die Heilige Stadt hielt.

Der hebräische Name »Bethanien« kann auf zweierlei Weise gedeutet werden: als »Haus von Ananias« oder als »Haus der Armut«. Die arabischsprachigen Einwohner nennen den Ort heute einfach: »Al-Eizariya«, zum Gedenken an den von Jesus auferweckten Lazarus. Die Wallfahrtskirche liegt wenige Meter vom Lazarusgrab entfernt und wurde der Überlieferung nach über

dem Haus der Freunde Jesu errichtet. Der unterirdische Teil, über den man früher das Grab erreichte, verbindet heute die Wallfahrtskirche, die sich in der Obhut der Franziskaner befindet, mit der örtlichen Moschee. Beide befinden sich auf einem Terrain, das seit den ersten Jahrhunderten eine Stätte der Verehrung war. Später wurde hier die byzantinische Basilika des 4. Jahrhunderts errichtet und dann, im 12. Jahrhundert, das große Benediktinerinnenkloster und die Kreuzfahrerkirche, die auf den Willen von Königin Melisende (1105-1161) zurückgeht, der Tochter Balduins, des Königs von Jerusalem.

Auch heute ist Bethanien für uns das Haus der Freundschaft und der Gastlichkeit, ein Ort der Begegnung und der Reflexion für Pilger, die über die Freundschaft nachdenken können, die Jesus gelebt hat, wenn er Lazarus einfach als »unser Freund« (Joh 11,11) bezeichnet. Sie können über die Bedeutung des Zuhörens nachsinnen (Lk 10,39) und über die von Maria zum Ausdruck gebrachte unentgeltliche Liebe (Joh 12,3), ebenso über die tatkräftige Gasfreundschaft (Lk 10,38) und den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, von Gott gesandt, der die Auferstehung und das Leben ist (Joh 11,27), wie Marta vor der Auferweckung ihres Bruder ihren Glauben an den Messias bekennt.

Dieser Ort ist auch für die mehrheitlich muslimische örtliche Bevölkerung ein Ort der Freundschaft und der Gastlichkeit. Im Kreuzfahrer-Hof bei der Wallfahrtskirche wird seit einigen Jahren als Geste der Freundschaft zwischen unserer Franziskanerfraternität und der örtlichen muslimischen Gemeinschaft das ein oder andere »Iftar« gefeiert, das heißt die Mahlzeit, mit der im Monat Ramadan nach Sonnenuntergang das Fastenbrechen begangen wird. Die muslimischen Kinder der örtlichen Schulen besuchen diesen christlichen Ort und lernen ihn kennen und lieben, auch dank einer Gruppe von jungen Musliminnen, die von unserem Verein »Pro Terra Sancta« ausgebildet wurden, um Schulklassen und Besuchergruppen durch diesen Ort zu führen.

Die Ausgrabungen und die Zugänglichkeit für Besucher wurden dank der Zusammenarbeit zwischen der Kustodie des Heiligen Landes und der archäologische Fakultät der Universität Al-Quds vorangebracht, finanziert von der Italienischen Agentur für Zusammenarbeit und Entwicklung und unter Projektleitung und –überwachung durch den Verein »Pro Terra Sancta«. Und in gewisser Weise ist es auch ein prophetisches Zeichen, hier junge muslimische Studentinnen zu sehen, die gemeinsam mit ihren Kollegen christliche byzantinische Mosaike rekonstruieren, Kapitelle aus der Kreuzfahrerzeit reinigen, dreidimensionale Modelle der antiken byzantinischen Kirche und des mittelalterlichen Klosters anfertigen.

Unsere Hoffnung ist, dass nach der Pandemie nicht nur lokale Besucher und Gläubige, sondern auch Pilger aus der ganzen Welt den Wallfahrtsort besuchen und die Stellen des Evangeliums lesen können, die von Marta, Maria und Lazarus handeln, vielleicht sogar am kommenden 29. Juli. Alle werden willkommen sein in diesem Haus, das Jesus und die Apostel aufgenommen hat, in diesem Heiligtum, wo die Schönheit der Freundschaft und der Gastfreundlichkeit gefeiert wird, der Wohlgeruch geschenkter Liebe und der Auferstehung.

 

Von Francesco Patton OFM,
Kustos des Heiligen Landes