· Vatikanstadt ·

Gedanken von Pater Federico Lombardi SJ zum 90. Geburtstag von Radio Vatikan

Im Dienst der verschiedenen Kulturen

cq5dam.thumbnail.cropped.500.281.jpeg
26 Februar 2021

Radio Vatikan feiert sein 90-jähriges Bestehen. In diesen Jahrzehnten hat der Radiosender des Heiligen Stuhls epochale Momente der Weltgeschichte miterlebt und kommentiert, wie etwa ab 1989 das Ende des Eisernen Vorhangs. In eben jenen Jahren kam P. Federico Lombardi zu Radio Vatikan, zunächst als Programmdirektor, dann als Generaldirektor. Er berichtet uns, wie jene Ereignisse die Kommunikation mit den Kirchen veränderten, die endlich vom Schweigen ihrer »Untergrundexistenz« befreit waren.

»Es waren entscheidende Jahre«, so erinnert er sich. »Wir waren mitten im Pontifikat Johannes Pauls II., der mit seinen Reisen schon viel dazu beigetragen hatte, die damaligen Verhältnisse zu verändern, und dann kam es in der Tat zum Fall der Mauern. Es eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten im Verhältnis zwischen den Redaktionen der Länder jenseits des Eisernen Vorhangs, also Osteuropas, und dem Personenkreis, zu dem sie sprachen. Plötzlich wurde es möglich, Interviews, Stimmen, Reisen und Kontakte zu haben, die vorher nur ganz selten und schwer zu bekommen waren.

Für mich war es äußerst wichtig, deutlich zu machen, dass es keineswegs so war, dass nach dem Fall der Mauer kein Bedarf mehr an diesen Programmen für den Osten bestanden hätte, weil der Kommunismus untergegangen und der Gegner besiegt war. Wir leisteten einen Dienst für eine Kirche, eine Gesellschaft und Völker, die sich in einer Übergangsphase befanden. Und so mussten wir unseren Beitrag für sie in erneuerter Form anbieten, indem wir die neuen Möglichkeiten der Kommunikation nutzten und auf die neuen Probleme und die neuartige Situation unserer Hörer eingingen. Wir konnten Bildungsvorträge über die Sichtweise der Kirche halten; über die Probleme der Gesellschaft; darüber, was es bedeutet, in einer Demokratie zu leben und sich mit einer westlichen Kultur auseinanderzusetzen, die ziemlich abrupt in eine andere Welt eintrat. All das waren Probleme, sehr wichtige Probleme, mit denen sich unsere Programme auf neue Art und Weise auseinandersetzen mussten. Es war eine neuartige Situation, also musste man für Kontinuität in einer veränderten Situation sorgen.«

Radio Vatikan hat sich von Anfang an durch seine Vielsprachigkeit ausgezeichnet, die bis zum heutigen Tag sein Markenzeichen ist. Wie ist man in all diesen Jahren der Geschichte des Radiosenders mit dieser Vielsprachigkeit umgegangen?

Es war natürlich von Anfang an ein Anliegen, in verschiedenen Sprachen zu sprechen, um verschiedene Völker zu erreichen, zunächst vor allem in Europa und dann auch auf anderen Kontinenten. Es ging aber nicht darum, ein und denselben Beitrag in verschiedenen Sprachen mit identisch formulierten Worten zu vervielfältigen, sondern es ging darum, eine gemeinsame Botschaft zu verkünden, die eben die Sichtweise der Kirche und vor allem des Papstes war, und diese sollte Zuhörern mitgeteilt werden, die sich in verschiedenen Kulturen und in verschiedenen Lebenssituationen befanden. Das hat sich in der Geschichte von Radio Vatikan kontinuierlich entwickelt – ich spreche in diesem Zusammenhang immer wieder gerne vom Thema Inkulturation –, das heißt, es ging nicht nur darum, zu übersetzen, sondern es ging darum, es für eine Welt, für eine bestimmte Kultur zu sagen, und zwar mit der Stimme von Menschen, die diese Kultur kannten, die ihre Vertreter waren, auch wenn sie hier in Rom arbeiteten.

Pater Lombardi, Radio Vatikan, und insbesondere die italienischsprachige Redaktion, ist immer ein Ort der Begegnung und des Dialogs gewesen. Welche gesellschaftliche Rolle hat sie gegenüber der säkularen Welt und auch gegenüber der nicht-katholischen Welt gespielt?

Im Laufe der Zeit hat das Radio über immer mehr Möglichkeiten verfügt, ein Ort der Begegnung und des Dialogs zu sein und nicht nur ein Mikrofon, durch das eine Botschaft von einem Zentrum an eine Peripherie gesandt wurde. Und das traf vor allem auf die Jahrzehnte nach dem Konzil zu, auch in Bezug auf die Lebenseinstellungen. Wir sprechen über die zahlreichen Botschaften der Kirche des Dialogs, auf die schon Paul VI. so großen Wert legte und die sich dann in Richtung Ökumene und später auch in Richtung eines Dialogs mit den verschiedenen Religionen entwickelt haben.

Denken wir dabei zum Beispiel an Johannes Paul II. in Assisi, und auch an die Entwicklungen jetzt unter dem Pontifikat von Papst Franziskus. Das Radio ist somit ein Ort, an dem sich die Wirklichkeit der Kirche im Dialog mit der Welt widerspiegelt: Dies wurde besonders deutlich, wenn etwas Zeit war für »ruhigere« Beiträge oder für Livediskussionen mit verschiedenen Gästen – was vor allem in den italienischen Sendungen vorkam. Wir haben den Bereich der Ökumene mit den anderen christlichen Konfessionen immer sehr intensiv erlebt. Auch waren wir immer stolz darauf, nicht-katholische Christen in unseren Redaktionen zu haben, mit denen wir immer sehr gut und eng zusammengearbeitet haben. Auch was die anderen Religionen anbelangt, waren wir immer sehr froh, Interviews führen zu können, uns zu begegnen und miteinander in Dialog zu treten.

Natürlich ist Rom ein besonderer Ort, weil unzählige Menschen nach Rom strömen. Es sind nicht nur Repräsentanten der Kirche, die kommen, um dem Papst zu begegnen und sich im Herzen der katholischen Kirche aufzuhalten, sondern auch Menschen anderer Konfessionen und anderer Religionen, die kommen, um der katholischen Kirche zu begegnen oder internationale Beziehungen zu pflegen. Rom war also seit jeher ein Ort des Dialogs, der Gespräche und der Begegnungen mit Menschen, die andere religiöse, soziale und politische Anschauungen vertreten, aber auch ein Ort des Gedankenaustauschs mit wichtigen Persönlichkeiten. Da wir hier Programme in vielen verschiedenen Sprachen anbieten, haben wir Gäste gehabt, Interviews mit Persönlichkeiten aus vielen verschiedenen Ländern, die es ermöglicht haben, auf vielfältige und umfassende Art und Weise auch Themen von internationaler Tragweite zu vertiefen.

Von Luca Collodi