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Kardinal Tagle schildert seine Erinnerungen an den Besuch des Papstes auf den Philippinen

Barmherzigkeit, Mitleid und die Kraft der Tränen

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19 Februar 2021

Ein Zeugnis der Barmherzigkeit und des Mitleids von einem wahren Mann Gottes gegenüber einem Volk, das trotz vielen Leids nie seinen tiefen Glauben verloren hat. Das ist die Erinnerung, die Kardinal Louis G. Tagle auch noch sechs Jahre nach der  Apostolischen Reise von Papst Franziskus auf die Philippinen bewahrt. Der Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, seinerzeit Erzbischof von Manila, berichtet darüber in diesem Interview mit unserer Zeitung.

Vom 15. bis 19. Januar 2015 besuchte der Heilige Vater, aus Sri Lanka kommend, das Land, das in Asien die größte Anzahl von Katholiken aufweist. Können Sie uns einige persönliche Erinnerungen an jene Tage erzählen?

Zwei Aspekte kommen mir in den Sinn: zunächst einmal die persönliche Aufmerksamkeit des Heiligen Vaters gegenüber den Zeichen der Zeit. Der Besuch, der unter dem Thema »Barmherzigkeit und Mitleid« stand, fand mitten in den Vorbereitungen auf die 500-Jahr-Feier der Verkündigung des Evangeliums auf den Philippinen statt, und wir Bischöfe hatten beschlossen, dass 2015 das »Jahr der Armen« werden sollte. Der Papst ist eigens für die Opfer des Taifuns Haiyan (Yolanda) gekommen, aber ich konnte aus nächster Nähe sehen, dass er nicht nur daran interessiert war, zu geben, sondern auch von den Bedürftigen und Leidenden zu empfangen und sich mit ihren Zeugnissen auseinanderzusetzen. Dabei habe ich sein Staunen – wie das eines kleinen Jungen – über all das Gesehene und Gehörte bewundert. Er hat mir mehr als einmal zugeflüstert: »Dieser Mann hat einen großen Glauben.« Oder: »Sind wirklich so viele Menschen hier?« Ganz zu schweigen von meinen Emotionen im Haus der Stiftung Tulay ng Kabataan: es bietet Mädchen und jungen Frauen Unterkunft, die von der Straße geholt wurden, und liegt nur wenige Schritte von der Kathedrale von Manila entfernt. Auf diesen Besuch legte er ganz besonderen Wert, da ich ihm in den vorausgegangenen Monaten Hunderte von ihren Briefen geschickt hatte. Und dann war da die kleine Glyzelle Palomar, ein von dieser Stiftung gerettetes Mädchen, das während der Begegnung mit Jugendlichen auf dem Sportplatz der »Universidad de Santo Tomás« schluchzend fragte, warum Kinder leiden. Und Franziskus erklärte, dass die einzige Antwort darin bestehe, zu lernen, wie sie zu weinen.

Und der zweite Aspekt?

Der zweite Aspekt war seine Sorge um das Leid der Familien von Tacloban, das Ende 2013 vom Taifun verwüstet worden war: Im Anschluss an die heilige Messe auf dem Flughafengelände der Hauptstadt fuhr Franziskus trotz des schlechten Wetters in einem offenen Auto zur Residenz des Erzbischofs von Palo, um so viele Menschen wie möglich begrüßen zu können. Unterwegs ließ er den Wagen vor dem zerstörtem Haus einer Fischerfamilie anhalten. In der Erzbischöflichen Residenz war eigentlich eine anderthalbstündige Ruhepause eingeplant, aber die widrigen Wetterbedingungen haben diese Zeit auf nur fünfzehn Minuten verkürzt, und der Papst wollte sie für den Austausch von Geschichten und Erfahrungen nutzen. Da ich ein wenig die Rolle des Dolmetschers übernommen hatte, bat er mich, alles in einer Frage zusammenzufassen: »Wie geht es Ihrer Familie?« Denn wir hatten Menschen vor uns, die alle oder viele ihrer Lieben verloren hatten. Der Papst kam nicht einmal zum Essen, sondern er hörte sich die kurzen Geschichten an und umarmte schweigend alle Anwesenden; dann entschuldigte er sich dafür, dass so wenig Zeit zur Verfügung stand, woraufhin einer der Gäste mit Tränen in den Augen ausrief: »Sag das nicht, Heiliger Vater! Deine Anwesenheit ist mehr wert als alles andere. Wer sind wir? Wir sind arme Leute, wir verdienen diese ganze Aufmerksamkeit nicht.« Wir erlebten diese Momente wie eine Familie, die das Leid miteinander teilt, und wir haben überströmende Liebe und Hoffnung erlebt!

An der Abschlussmesse im Rizal-Park in Manila sollen mehr als sechs Millionen Menschen teilgenommen haben. Wie war es möglich, so viele Gläubige zu mobilisieren?

Den Angaben der Sicherheitskräfte zufolge soll die Zahl sogar noch höher gewesen sein, unter Einbeziehung der Menschen in den Seitenstraßen. Aber was in der westlichen Welt unvorstellbar hohe Zahlen zu sein scheinen, ist für uns Filipinos normal: Wir sind es gewohnt, bei den wichtigsten religiösen Festen immense Menschenmengen zu sehen. Man denke nur etwa an die Traslación, die traditionelle Prozession mit der Statue des Schwarzen Nazareners von Quiapo, bei der sich alljährlich am 9. Januar – zumindest vor der Pandemie – Millionen von Filipinos aus dem ganzen Land versammelt haben; oder die Verehrung des »Santo

Niño« von Cebu, dessen Fest immer am dritten Sonntag im Januar begangen wird. Es sind Formen der Verehrung Christi und seiner Mutter Maria, bei denen wir Hirten uns darauf beschränken, die Liturgie, das Studium der Bibel und höchstens noch die Sicherheitsmaßnahmen zu organisieren, und die offizielle Einladung aussprechen: aber es bedarf keiner besonderen Mobilisierung, es ist eine spontane Massenbewegung.

So war es auch im Moment, als der Papst – sichtbares Zeichen der Gegenwart des Herrn als Hirte der Kirche, und im Jahr 2015 auch Zeichen der Hoffnung auf einen Neubeginn nach den Naturkatastrophen – da war: Es war ganz normal, so viele Menschen zu sehen; auch wenn ich gestehen muss, dass auch ich von den schwindelerregenden Zahlen ein wenig überrascht war. Für uns bedeutet Präsenz soviel wie Gebet: dem Herrn nicht nur mit Worten, sondern auch mit dem Leib zu danken. Das ist der Grund dafür, dass man auf den Philippinen die geballte Energie und Kraft der Volksfrömmigkeit sieht. Sie ist eine Frucht der Mystik des Volkes, die im überschwänglichen Empfang für den Heiligen Vater zum Ausdruck gekommen ist. Die Filipinos sind bekannt für ihr Lächeln, das die Liebe zu Gott ausdrückt, für ihre innige Frömmigkeit, ihre tiefe Verehrung Jesu und der Gottesmutter und ihre Liebe zum Rosenkranzgebet.

Kommen wir in die Gegenwart zurück: Papst Franziskus hat durch die Ausrufung des Aktionsjahres »Amoris laetitia« die Familie in den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens gestellt. Sie kennen das Nachsynodale Schreiben nur allzu gut, da Sie zu den delegierten Vorsitzenden der beiden in den Jahren 2014 und 2015 vom Papst einberufenen Bischofsversammlungen zu diesem Thema gehörten. Welche Auswirkungen kann eine solche Initiative auf die Philippinen haben?

In jeder Diözese, Pfarrei, katholischen Schule oder kirchlichen Bewegung im Land gibt es immer dieses seelsorgliche Interesse an den Familien, und ich bin überzeugt, dass dieses besondere Jahr einer bereits vorhandenen Realität in vielerlei Hinsicht weitere Impulse geben wird. In besonderer Weise wird es als Ermutigung für die philippinischen Migranten dienen – denken wir nur an die vielen, die in Italien leben, und an ihren oft unterschätzten Beitrag zum Leben und zum Wohlstand der Gesellschaft, in der sie leben. Zusammen mit ihren Seelsorgern sind sie aufgerufen, die Familie als »Hauskirche« wiederzuentdecken und die Berufung eines jeden in der Weitergabe des Glaubens von den Eltern an die Kinder, aber auch von den Älteren an die Jüngeren oder von den Großeltern an die Enkelkinder und umgekehrt zu wecken. Denn es steht außer Zweifel, dass es mitunter die Kinder sind, die die Erwachsenen zum Wachsen im Glauben erziehen.

Ein zweiter Aspekt hat mit dem Evangelisierungsauftrag der Familie zu tun, und das gilt sowohl in der Heimat als auch in den Ländern, in die diese Menschen auswandern. Im Nahen Osten zum Beispiel vertraute mir der Apostolische Vikar Paul Hinder an, dass die Kirchen dank der Filipinos vor allem bei den Sonntagsmessen voll sind, aber auch unter der Woche wirken sie mit an der Gestaltung von Gebetsgruppen oder Bibelkreisen. Ich möchte daran erinnern, dass es sich um Frauen und Männer handelt, die ihr Zuhause verlassen haben, um Arbeit zu suchen, aber sie haben auch eine Mission gefunden, die nicht nur individueller Art ist, sondern den gesamten Kreis der Familie mit einbezieht. Und auf diese Weise werden viele Migranten- und Flüchtlingsfamilien in schwierigen Situationen zu Werkzeugen der Evangelisierung.

Vor rund einem Jahr hat Sie der Papst zu einer neuen Aufgabe als Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker nach Rom gerufen. Welche Elemente der in Manila gesammelten seelsorgerischen Erfahrung bringen Sie in Ihren jetzigen Dienst ein?

Wenn wir auf die Weltkarte schauen, bemerken wir die große geographische Entfernung zwischen diesen beiden Metropolen, und in der Tat sind es verschiedene Welten, mit verschiedenen Sprachen und Lebensweisen. Aber sie haben auch viel gemeinsam, und ich danke dem Herrn für meinen bischöflichen Dienst in der Hauptstadt der philippinischen Nation, dem Zentrum der Politik und Kultur sowie dem Land der internen wie auch externen Migration. Kurzum, ich war auch in Manila mit Vielfalt konfrontiert, aber in einem begrenzteren geographischen Rahmen. Durch die Teilnahme an vielen Treffen der Föderation der Asiatischen Bischofskonferenzen (FABC) habe ich aber mein Wissen über einen Kontinent vertieft, auf dem der katholische Glaube nicht wie auf den Philippinen in der Mehrheit ist.

Jetzt, als enger Mitarbeiter des Papstes im Vatikan, sehe ich, dass die Realität der Gemeinschaft in der katholischen Kirche, die nicht abstrakt ist, kein abstrakter Begriff ist, sondern etwas Konkretes. Sie ist gleichsam ein Geschenk der Einheit des Heiligen Geistes, die in der Lebendigkeit der Ortskirchen zum Ausdruck kommt, von denen jede etwas zur Katholizität beitragen kann. Und ich bin hier, um die Erfahrungen und die Wunden, die Träume und die Leiden der Filipinos und der Asiaten zu teilen und so mit dem geistigen und kulturellen Erbe meines Landes zum Reichtum der katholischen Kirche beizutragen.

Von Gianluca Biccini