Zum 100. Geburtstag der Malerin Auguste Moede Jansen

Porträts zeitgenössischer Persönlichkeiten aus Meisterhand

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22 Januar 2021

Am 27. Januar 2011 kamen in der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek vier große Transportbehälter an: sie enthielten ca. 300 Bleistiftzeichnungen und Lithographien mit Porträts bedeutender Zeitgenossen und einiger historischer Persönlichkeiten der Bad Vilbeler Malerin Auguste Moede Jansen, die sie der Bibliothek gestiftet hatte.

Die Künstlerin hatte sich gewünscht, dass diese Werke am Tag ihres 90. Geburtstags eintreffen sollten, einer Zäsur in ihrem persönlichen wie in ihrem beruflichen Leben – ein Akt von außerordentlicher Großzügigkeit, der zugleich aber auch dem Wunsch entsprach, die von ihrer Hand stammende Porträtsammlung von Persönlichkeiten unserer Zeit dauerhaft zusammenzuhalten.

Noch im selben Jahr traf die für Neuerwerbungen der Vatikanbibliothek zuständige Kommission die seltene Entscheidung, diese Schenkung als neue eigenständige Sammlung des Graphikkabinetts der Vatikanbibliothek zu katalogisieren, die nach der Stifterin als Fondo Moede Jansen benannt wurde.

Seit jenem Tag sind nunmehr genau 10 Jahre verstrichen, und am 27. Januar darf die Jubilarin ihren 100. Geburtstag feiern. Ein biblisches Alter, dass die allerwenigsten von uns erreichen, und würdiger Anlass, Leben und Werk der Künstlerin Revue passieren zu lassen.

Auguste Maria Karoline Jansen kam am 27. Januar 1921 in Osnabrück zur Welt und wuchs in Greven bei Münster in Westfalen auf. Nach der Schule absolvierte sie zunächst eine zweijährige Schneiderlehre. Denn in den wirtschaftlich schweren Zeiten nach der Weltwirtschaftskrise empfahl es sich, auf einen Brotberuf zurückgreifen zu können. Dann aber besuchte sie von 1941 bis 1943 die Frankfurter Städelschule und ab 1944 die Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Im Dezember 1945, kurz nach Kriegsende, heiratete sie Karl-Heinz Moede, einen Juristen, der später Direktor des Amtsgerichts von Bad Vilbel werden sollte. Dort ließ sich die Familie nach ersten Jahren in Frankfurt und der Geburt der Tochter 1954, ein Jahr vor der Geburt des Sohnes, nieder, und dort lebt die Jubilarin bis heute. Ihr kunstbegeisterter Mann, der an ihren Bemühungen gesehen hatte, wie schwierig es für junge Künstler war, sich zu etablieren, beschloss, in »seinem« Amtsgericht Ausstellungen vor allem junger, unbekannter, teils aber auch schon namhafter Künstler wie Horst Jansen, Hans Steinbrenner, Heinz-Otto Müller-Erbach und anderer mehr zu organisieren. Die Künstlerin selbst stellte unter dem Namen Moede Jansen aus: eine Kombination aus dem Nachnamen ihres Mannes und ihrem Mädchennamen.

1968 hörte Moede Jansen vom Wirken Mutter Teresas. »Meine Porträtsammlung […] fing 1968 mit Mutter Teresa an. Von ihr habe ich bis 1996 vier Porträts gemalt, die sie teilweise signierte. Ich hatte von ihrem Wirken gelesen und gehört und war beeindruckt. Um sie zu unterstützen, malte ich von ihr mit Bleistift – wie später fast von allen anderen auch – ein Porträt.« Vom Original erstellte Lithographien wurden bei Vernissagen im Bad Vilbeler Amtsgericht Kunstliebhabern zum Kauf angeboten. »In kurzer Zeit kamen so 10.000 Mark zusammen, die ich ihr 1978 in Rom überreichte.«

Dieses Porträt stellt, gemeinsam mit dem im selben Jahr entstandenen Konterfei des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, den Grundstock des der Vatikanbibliothek vermachten Bildcorpus der Porträts von 238 Persönlichkeiten unserer Zeit dar, an dem sie 45 Jahre lang energisch und mit immer gleichen typologischen Eigenschaften und identischem Format gearbeitet hat. Das Porträt des Vaters der Künstlerin, Josef Jansen, ist zwar auf 1950 datiert, stilistische Merkmale lassen aber eine sehr viel spätere Entstehungszeit vermuten: vermutlich entstand es nach einem 1950 geschossenen Foto. Die jüngsten Zeichnungen im Besitz der Vatikanbibliothek gehören dagegen zu einer Gruppe von Werken, die in den Jahren 2014/15 entstanden sind.

Die Entscheidung, diese Sammlung, ihr Lebenswerk, der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek zu überlassen, ist einerseits ein Symptom für die tiefe Verbundenheit der Künstlerin mit der katholischen Kirche, andererseits wohl aber auch die logische Konsequenz der Wahl ihrer Sujets, handelt es sich doch bei auffällig vielen von ihnen um hohe kirchliche Persönlichkeiten, vor allem aus der Zeit des Pontifikats Johannes Pauls II. Wir sehen amtierende bzw. künftige Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Geistliche, Prälaten und Mitglieder von Orden. Allein die Gesellschaft Jesu ist mit 45 Porträts vertreten. Naturgemäß vorrangig, aber nicht ausschließlich entstammen die Porträtierten dem deutschen Sprachraum. Unter all den Theologen, Intellektuellen und Philosophen finden sich auch einfach Menschen, die in ihrem Leben etwas Besonderes geleistet haben. Und fast alle ihrer Sujets, von historischen Persönlichkeiten der Vergangenheit einmal abgesehen, kannte oder kennt Moede Jansen persönlich.

Moede Jansens Oeuvre umfasst Bilder in Öl- und Akrylfarben, Bleistiftzeichnungen, Kollagen und Lithographien. Sie kann neben dem der Vatikanbibliothek vermachten Corpus von mit Blei- und Rötelstift gefertigten Zeichnungen und der davon erstellten und gedruckten Lithographien auch auf ein umfangreiches Oeuvre in Öl- bzw. Akrylfarben gemalter Personenporträts zurückschauen.

Deren Sujets reichen von Darstellungen von Päpsten (Benedikt XVI., Franziskus) und Kardinälen (beispielsweise John Henry Newman), Persönlichkeiten des kirchlichen Lebens wie Joaquín Navarro Valls, dem Pressesprecher Johannes Pauls II., bis hin zu Freunden und Mitgliedern ihrer Familie. Von ihrer Hand stammt aber auch eine Reihe von schlichten, gerade deshalb aber umso eindringlicheren Darstellungen der Kreuzwegstationen. Sie erschienen 2020 als Illustrationen zu Kreuzwegsmeditationen von Erz bischof Georg Gänswein in Buchform. Die Künstlerin schuf aber auch Lithographien mit mythologischen Motiven wie beispielsweise »Europe and the Bull« oder »The Way of all Flesh«, die 1986 von der Lufthansa in einer Mappe mit Werken von »Künstlern der Welt« für ihre Fluggäste der ersten Klasse herausgegeben wurden.

2018 gesellte sich auf ausdrücklichen Wunsch des vatikanischen Graphikkabinetts auch noch ein Selbstporträt der Künstlerin hinzu. Den Anlass bot die in der »Sala Barberini« der Vatikanbibliothek erfolgte Präsentation des italienisch-deutschen Bandes, in dem der Fondo Moede Jansen veröffentlicht wurde (Barbara Jatta, Susanne Siegl-Mocavini, Personaggi del nostro Tempo – Ritratti di Auguste Moede Jansen / Persönlichkeiten unserer Zeit – Porträts von Auguste Moede Jansen, Biblioteca Apostolica Vaticana 2017, Reihe Documenti e Riproduzioni 16). Davon abgesehen sind in den letzten Jahren allerdings nur noch wenige Werke entstanden. Das hohe Alter forderte eben seinen Tribut. Dennoch: Es ist wohl den allerwenigsten Künstlern vergönnt, bis ins hohe Alter, bis weit in ihre Neunziger, noch künstlerisch tätig zu sein. So bleibt uns nur, uns in den Reigen der Gratulanten einzureihen und Moede Jansen zu wünschen: Ad multos annos!

Susanne Siegl-Mocavini