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Die »Basilica minor« Santa Maria del Popolo

Lebendige Gemeinde inmitten wertvoller Kunstwerke

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29 Januar 2021

Zweifellos ist sie eine der bedeutendsten Kirchen Roms: Santa Maria del Popolo, Basilica minor, gelegen an der Piazza del Popolo, an der Nordseite des historischen Zentrums.

Erst gab es das antike Stadttor, die Porta Flaminia, die im 16. Jahrhundert wiederaufgebaut wurde. Alle, die von Norden über die  altrömische Via Flaminia kommend Einlass in Rom begehrten, Krieger, Wanderer und Pilger, schließlich Pilgerscharen, mussten das architektonisch schöne Monument durchqueren. Einmal passiert, stand einst linksseitig eine Pappel (lateinisch populus). Der Legende nach war sie von bösen Geistern bewohnt, die das unter dem Baum befindliche Grab Kaiser Neros bewachten, aber auch die Passanten belästigten. Soweit die römische Überlieferung. Papst Paschalis II. (1099-1118) machte jedenfalls jenem Treiben ein Ende, ließ den Baum fällen und dort zunächst eine Marienkapelle bauen. Papst Gregor IX. ersetzte sie 1231 durch eine größere Kirche »für das Volk«.

Bis heute ist unklar, ob sich der Name der Basilica minor Santa Maria del Popolo auf die Pappel bezieht oder auf das Volk. Jedenfalls steht der Hochaltar über den Wurzeln des einstigen Baumes. Und die Porta Flaminia wurde dann in Porta del Popolo umbenannt. Solange Rom keine Millionenstadt war und es noch keine Flugzeuge und Züge gab, war das Tor-Monument weiterhin der Durchlass für von Norden eintreffende Besucher. Auch Goethe durchquerte 1786 die Porta del Popolo und ließ sich nur 300 Schritte entfernt in der Via del Corso 18 nieder. Über Jahrhunderte hinweg waren die Passanten aber vor allem christliche Pilger, die dann gleich zum Gebet in die erste Kirche der ewigen Stadt eilten, an der sie vorbeikamen. Nämlich Santa Maria del Popolo.

Heutzutage hat sie 2500 Gemeindemitglieder. »Pro Jahr haben wir circa zwölf Kommunionkinder, feiern 20 Taufen und 20 bis 30

Trauungen«, erzählt Pater Ivan Caputo. Er ist seit fünf Jahren Pfarrer der Kirche und zugleich Prior des dazugehörigen Klosters der Augustiner-Eremiten. Übrigens soll einigen Biographen zufolge Martin Luther als junger Mönch während seines Romaufenthaltes dort übernachtet haben. Doch einen schriftlichen Nachweis dafür müsse man in seinem Kloster erst noch suchen, sagt Pater Ivan:

»Bis jetzt gibt es nur die Überlieferung.«

Die meisten Pfarrmitglieder müssen die Porta del Popolo durchqueren, um zur Messe zu kommen. Der Gemeindebereich erstreckt sich bis zum Marineministerium an der Via Flaminia. Die Häuser sind vielstöckig, robust gebaut gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich Rom mehr und mehr zur Hauptstadt entwickelte und viele Italiener aus anderen Teilen des Landes anzog. Heutzutage herrscht dort geschäftiges Treiben mit viel Autolärm. Es gibt eine U-Bahn-Station, einen alten Regionalbahnhof mit Zügen in Richtung Viterbo, eine hochmoderne viel genutzte Straßenbahn, die am Piazzale Flaminio endet und im Zwei- bis Drei-Minuten-Takt verkehrt.

Doch gleich nach dem Durchqueren des Tores kehrt weitgehend Ruhe ein. Die 16.000 Quadratmeter große Piazza del Popolo, im 19. Jahrhundert neoklassizistisch neu gestaltet von dem renommierten Architekten Giuseppe Valadier, ist Fußgängerinsel. Es ist einer der berühmtesten Plätze Roms und fasst 65.000 Menschen. Der Platz mit seinem ägyptischen Obelisken aus dem Jahr 10 v. Chr. in der Mitte ist das Reich von spielenden Kindern, von Straßenkünstler-Darbietungen, aber auch von politischen Kundgebungen und mitunter heftigen Tumulten.

Zur Basilika gleich neben dem Tor geht es ein paar Stufen hoch. Drinnen herrscht wohltuende Stille, in diesen Corona-Krisenzeiten noch mehr als sonst. Normal, das heißt sonntags mit vielen Messbesuchern, ging es dort zuletzt bis Anfang März 2020 zu. Fünf Messen an Sonn- und Feiertagen, drei werktags, das war die Regel. Dann kam der erste Lockdown Italiens, bei dem fast zwei Monate gar keine Gottesdienste erlaubt waren, und auch ab Herbst gab es wieder mehr Restriktionen. Pater Ivan: »Wir mussten verschiedene Aktivitäten einstellen, weil wir keine größeren Räume mit guter Durchlüftung zur Verfügung haben. Wir sind dann auch zu Veranstaltungen in Streaming übergegangen, um wenigstens jene Gläubigen zu erreichen, die aus Alters- oder Krankheitsgründen Angst haben, in die Gemeinde zu kommen. Das gilt auch für die Katechismus-Kinder und ihre Familien.« Leider habe man auch »Janua Mundi«, das kreativ gestaltete Gemeindeblatt, einstellen müssen. Es ist lateinisch benannt nach der Porta del Popolo, die jahrtausendelang »Tür der Welt« war.

Eines der letzten Events vor Beginn des ersten Lockdowns 2020 war im Februar der Zwei-Tage-Besuch des polnischen Kardinals Stanislaw Dziwisz, einst Privatsekretär von Papst Johannes Paul II., der Santa Maria del Popolo als römische Titelkirche erhalten hatte. Pater Ivan: »Ich habe frühmorgens mit ihm die Eucharistie gefeiert. Dann hat er sich brüderlich mit der Ordensgemeinschaft

beim Frühstück getroffen und uns einige Aspekte des Lebens und Wirkens des heiligen Johannes Paul II. erläutert.« Danach wurde es still in Santa Maria del Popolo, wegen des ersten Lockdowns. Distanz zu halten und Maske zu tragen ist auch jetzt noch Pflicht für Gottesdienstbesucher. Und Gruppenführungen in der Kirche sind derzeit nicht erlaubt.

In normalen Zeiten ist Santa Maria del Popolo eine der meistbesuchten Kirchen von Pilgern aus aller Welt. Sie hat eine komplizierte Baugeschichte und unglaublich reiche Kunstschätze wie Gemälde, Skulpturen und kunsthistorisch interessante Grabmonumente zu bieten. Architekten und Bildhauer, darunter Bramante, Bregno und Sansovino, große Künstler wie Raffael, Caravaggio, Bernini und Pinturicchio wirkten dort.

Aus der kleinen Marienkapelle vom Anfang des zweiten Jahrtausends wurde schon bald eine gotische Kirche. Papst Sixtus IV. della Rovere ließ 1472 den bestehenden Bau abtragen und eine neue Kirche sowie das anschließende Kloster errichten. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Gotteshaus im Stil der Frührenaissance umgestaltet und erweitert. Heutzutage ist es eine dreischiffige Gewölbekirche mit Querhaus und Chor im lombardischen Stil der Renaissance. Gianlorenzo Bernini baute zwischen 1655 und 1661 im Auftrag von Papst Alexander VII. (1655-1667) die beiden Flügel des Querschiffes um.

Gleich vom Hauptportal aus fällt der Blick auf die wunderschöne Ikone im bzyantinischen Stil vorn über dem Hochaltar. Das aus der Kapelle Sancta Sanctorum am Lateran stammende Gnadenbild der »Madonna del Popolo mit dem segnenden Christuskind« wird in Rom hoch verehrt, ist aber auch weit über Italien hinaus bekannt. Maria neigt den Kopf zum bekleideten Jesuskind auf ihrem linken Arm. Dieses hält zum Zeichen der Verbundenheit die linke Hand der Mutter fest. Die rechte ist zum Segen erhoben. Im Volksglauben wurde das Gnadenbild dem Evangelisten Lukas zugeschrieben. Doch erst bei einer Restaurierung des Madonnenbildes mit Kind in den letzten Jahren hat man eine Künstlersignatur entdeckt, die die Ikone später als angenommen datiert. Demnach war es der römische Maler Filippo Rusuti, der das Bild um das Jahr 1297 schuf. »Die Entdeckung ist bedeutend, aber wichtig ist, dass unsere Gemeinde die Ikone erneut mit der üblichen Hingabe, in Zuversicht und Zuneigung betrachten kann, und jetzt auch mit etwas mehr kultureller Neugierde«, kommentierte »Janua mundi«, nachdem die Ikone restauriert an den Hochaltar zurückgekehrt war.

Dieser, der in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts von Donato Bramante neu gestaltet worden war, verstellt zum Teil den Blick auf Chor und Apsis. Die Fresken im Chorgewölbe, die Krönung der Jungfrau Maria auf blauem und goldenem Hintergrund, sind ein Spätwerk des Malers Pinturicchio aus den Jahren 1508 bis 1509. Die Glasfenster rechts und links gelten als die schönsten in Rom. Sie wurden von den französischen Meistern Claude und Guillaume Marcillat (1470- 1529) geschaffen und zeigen Szenen aus der Kindheit Jesu und aus dem Marienleben.

Unter den Päpsten Sixtus IV. , Innozenz VIII. und Alexander VI. wurde die Augustinerkirche zunehmend bedeutend als Zentrum geistlicher und weltlicher Repräsentation. Sie förderten das Stiftungswesen, und das führte in Santa Maria del Popolo unter anderem dazu, dass die jeweils vier Seitenkapellen rechts und links des Langhauses besonders reichhaltig mit Kunstwerken namhafter Künstler ausgestattet wurden. Sie dienten zugleich als Grabkapellen papstnaher Familien, von Kardinälen und sonstigen Persönlichkeiten.

Besonders hohes Besucherinteresse findet die Kapelle Cerasi vorn im linken Flügel mit den beiden Caravaggio-Werken »Die Bekehrung des Saulus« und »Die Kreuzigung des Petrus«. Das Altarbild mit der Himmelfahrt Mariens schuf Annibale Carracci (1560-1609) aus Bologna. Beide Künstler gehörten damals zu den gefragtesten ihrer Zeit. Im rechten Seitenschiff, in der Kapelle der römischen Adelsfamilie della Rovere, befindet sich das Altarbild »Geburt Christi« von Pinturicchio, außerdem Fresken aus dem Leben des heiligen Hieronymus von diesem Maler und seinem Mitarbeiter Amico Aspertini. Der Wiener Künstler Daniel Seiter (oder Seyter, 1647-1705) ist ebenfalls vertreten mit den Ölgemälden »Martyrium der heiligen Katharina« und jenem des heiligen Laurentius.

Kostbar ausgestattet ist ferner die Chigi-Kapelle im linken Seitenschiff, die der Muttergottes von Loreto geweiht ist. Auf Raffael geht der architektonische Entwurf zurück, für den Bramantes Grundriss der neuen Peterskirche Pate stand: Ein Zentralbau mit griechischem Kreuz, eine von vier abgeschrägten Eckpfeilern gestützte Kuppel und ein Tambour mit Fenstern. Die Kapelle gilt als eines der architektonischen Hauptwerke von Raffael und wurde um 1514 von seinem Schüler Lorenzetto begonnen. Im 17. Jahrhundert hat Bernini sie mit Barockelementen umgestaltet, im Auftrag von Fabio Chigi, der als Alexander VII. zum Papst gewählt worden war. Die Ansammlung wertvoller Kunstwerke geht selbst in den Verbindungskorridoren zur Sakristei und in Nebenräumen der Kirche weiter. Um alles gründlich zu besichtigen, wären folglich mehrere Tage notwendig.

Von Christa Langen-Peduto