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Die Ideen

Der Reichtum der Kirche

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02 Januar 2021

In dieser Ausgabe unserer Beilage haben wir nicht vor, zu erzählen, wer die Ordensfrauen unserer Tage sind. Das liegt außerhalb unserer Möglichkeiten. Die Ordensfrauen machen drei Viertel der Kirche aus, sie sind ihre tragende Struktur, ihre Seele. Sie sind über alle fünf Kontinente verteilt, üben die unterschiedlichsten Funktionen aus.

Das Ziel der vorliegenden Monatsausgabe ist eingeschränkt, aber wichtig. Wir möchten den Abstand, den Widerspruch zwischen der Lebenswirklichkeit der Ordensfrauen und der Art und Weise anzeigen, wie sie auch heute noch in weiten Teilen der Welt der Laien und der Kirche wahrgenommen werden. Zwischen der imaginären Welt, die Literatur, Geschichte, Kino und Fernsehen für sie geschaffen haben, und der konkreten Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen. Zwischen der Modernität ihrer Präsenz und der Rückständigkeit, mit der sie auch heute noch in Verbindung gebracht werden.

Auf diesen Seiten finden Sie Geschichten der neuen Ordensschwestern, der Ordensfrauen, die ihre Berufung inmitten der Welt leben, die die Errungenschaften des Fortschritts keineswegs ablehnen, ja sie sich vielmehr zu eigen machen und imstande sind, sie mit dem Gebet und der Meditation in Einklang zu bringen. Nonnen, die aus der Klausur heraus dank des Gebrauchs der Technologien das Schweigen produktiv werden lassen als ein neuer Trost der Leidenden.

Vor allem aber werden Sie auf einen Bruch mit der Vorstellung einer untergeordneten und marginalisierten Ordensfrau stoßen. Die von der Familie [zum Eintritt ins Kloster] gezwungen, von der kirchlichen Hierarchie mundtot gemacht und von den Zentren des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens ausgeschlossen wurde.

All das trifft nicht mehr zu. Die Nonnen von Monza, die Mädchen, die keinen Ehemann abbekommen hatten und sich als Notlösung für das Leben im Kloster entscheiden, junge Frauen, die von ihrer Familie gezwungen wurden, ins Kloster einzutreten, sind Versatzstücke der Literatur,  teilweise auch der Geschichte, gehören jedenfalls der Vergangenheit an. Sie sind kein Teil der Gegenwart. Ja, sie stehen in einem offensichtlichen und plastischen Gegensatz zur Gegenwart.

Der heutige Weg ist ein anderer, der teilweise bereits von Ordensfrauen beschritten wurde, die herausragende Rollen spielen, die Schlüsselstellen bei der Leitung der Gesellschaft einnehmen. Und von Ordensfrauen und Nonnen, die bereits die Pfeiler einer modernen Berufung errichtet haben. Sie finden hier, und es ist angebracht, das in Erinnerung zu rufen, aber auch das, was sie bis vor ein paar Jahren in den Augen der Literatur, des Kinos und des Fernsehens gewesen sind.

Wir haben den Eindruck, dass es auch innerhalb der kirchlichen Hierarchien immer noch Leute gibt, die nicht gemerkt haben, dass sich etwas geändert hat. Und Leute, die sich davor fürchten. Leute, die keinerlei Absicht haben, den neuen Reichtum, der aus der Welt der Ordensfrauen und der Nonnen kommt, freundlich willkommen zu heißen. Leute, die es vorziehen, nach alten Denkrastern an sie zu denken. Die Furcht vor den Frauen kommt in der Geschichte und innerhalb der Kirchengeschichte auf unterschiedliche Art und Weise zum Ausdruck. Heute manifestiert sie sich dadurch, dass man vor einem Wandel die Augen schließt, der bereits erfolgt ist, der die Kirche bereichern könnte. Zum Wohle aller. Nicht nur zum Wohl der Frauen.

(DCM)