Das Forschungsinstitut »Istituto Italiano di Studi Germanici (IISG)« in der Villa Sciarra

Vom Ginkgoblatt zur Germanistik

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11 Dezember 2020

Es ist elegant fächerförmig geschwungen und ganz gelb. Wieso ist dieses Ginkgoblatt das Logo des außeruniversitären Forschungsinstituts »Istituto Italiano di Studi Germanici« (IISG)? Das hat eine tiefere Bedeutung. Das Institut wurde im Jahr 1931 gegründet, und zwar in Roms Stadtpark Villa Sciarra auf dem Gianicolo-Hügel. Vornehmlich Pflanzen aus Amerika und Asien machen dessen besondere Schönheit aus, darunter auch chinesische Ginkgobäume. Johann Wolfgang von Goethe liebte diese besonders, so teilt das Institut auf seiner Webseite mit. Am 3. April 1932, anlässlich der Feierlichkeiten zum hundertsten Todestag des großen Dichters, wurde das Institut eingeweiht.

Das spannt also den Bogen vom Ginkgoblatt zur Germanistik. Allerdings, so verlautet aus dem Institut, habe das Blatt als Logo bald ausgedient und werde demnächst durch ein mehr institutsbezogenes Zeichen ersetzt. Warum das IISG einen so wunderschönen Sitz mit Blick über Parkgrün, die Stadt Rom und bis hin zu den Albaner Bergen hat? Das Institut liegt im sogenannten Casino Barberini oberhalb des Stadtviertels Trastevere mitten in der 7,5 Hektar großen Villa Sciarra, benannt nach der gleichnamigen Adelsfamilie (einer Seitenlinie der Familie Colonna beziehungsweise Barberini-Colonna), die ihr erster Eigentümer war. Danach wechselten mehrere Male Besitzer und Bewohner, darunter Kardinäle und Prinzen.

1902 wurde alles an den amerikanischen Diplomaten George Wurts und seine Frau Henrietta Tower, eine reiche Erbin aus Philadelphia, verkauft. Das Paar renovierte das Casino im Neorenaissance-Stil und stellte in den Gärten zahlreiche Statuen und auch Brunnen aus dem 18. Jahrhundert auf, die bei einer Versteigerung im Palazzo Visconti di Brignano Gera d’Adda in der norditalienischen Provinz Bergamo erworben worden waren. Wurts starb 1928. Seine Witwe vermachte die Villa Sciarra wenige Jahre später dem italienischen Staat, unter der Bedingung, im Casino ein Kulturzentrum zur Förderung deutsch-italienischer Beziehungen und Freundschaft einzurichten, den Park aber den Römern zu öffnen. Der Philosoph und Erziehungsminister des Faschistenregimes Italiens, Giovanni Gentile, tat wie gewünscht, und bei der Einweihung war auch Mussolini zugegen. Soweit die Gründungsgeschichte.

Heutzutage ist das Institut, das zu Beginn dieses Jahrhunderts erneut renoviert wurde, eine öffentliche Forschungseinrichtung Italiens unter der Aufsicht des Erziehungs- und Universitätsministeriums. Den Vorplatz schmückt der Brunnen der vier Sphingen aus dem 18. Jahrhundert und auch ein weiterer mit verspielten Putten. Am Balkon im ersten Stock des Gebäudes sind die italienische, die deutsche und die europäische Flagge gehisst. Drinnen gibt es auch modern ausgestattete Vortrags- und Konferenzräume. Doch nicht nur mit Deutschland wird die wissenschaftliche Zusammenarbeit gepflegt. Das ISSG versteht sich heutzutage auch als Brücke zum gesamten nordeuropäischen Raum. Österreich, die Schweiz, die Niederlande, Dänemark, Schweden, Norwegen und Island sind einbezogen. Denn im IISG sieht man auch den niederländischen und skandinavischen Raum »historisch als Teil der germanischen Welt und mit dieser verbunden«.

Vor allem geht es aber um den kulturellen und wissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Italien. In normalen Zeiten außerhalb von Corona-Einschränkungen werden Konferenzen, Lesungen und Buchpräsentationen veranstaltet. Derzeit sind nur wenige Mitarbeiter im Gebäude, die Hälfte arbeitet im Home Office. Im Archiv werden auch 2.000 Briefe aufbewahrt, deutsch-italienische Korrispondenz von Institutsdirektoren, Autoren und Philosophen. Die sonst vornehmlich für Wissenschaftler geöffnete Bibliothek, das Herz des Instituts, ist geschlossen. Zu den gut 70.000 Büchern, längst online katalogisiert, gehören sogar antike Originalausgaben ab dem 16. Jahrhundert. Das dank einer Schenkung aus dem Nachlass des Breslauer Germanistik-Professors Max Koch (1855 bis 1931). Dadurch erhielt das IISG schon gleich nach seiner Gründung 20.000 Bände deutscher Literatur aus mehreren Jahrhunderten. Auch 400 Zeitschriften gehören zu der Sammlung.

Während des Lockdowns im letzten Frühjahr plante das Institut für die Zukunft, erwarb mehr Bücher als sonst üblich und machte sich viele Gedanken zur Digitalisierung von Archiv, Bibliothek und Schriftenreihen. Professor Luca Crescenzi von der Universität Trient, zugleich auch Leiter des IISG, hat uns auf Anfrage einen Einblick gewährt. »Wir haben im Lockdown im Frühjahr einen großen professionellen Scanner für Bücher erworben und damit begonnen, all unsere Publikationen zu digitalisieren«, so der Institutspräsident, »in Kürze werden wir damit anfangen, auch viele antike Werke der Bibliothek zu digitaliseren«. Schon jetzt würden fast täglich Scansionen an Experten geliefert, die »unser bibliographisches Erbe benötigen«. Damit alles startklar für die Wiedereröffnung werde, würden in einigen Tagen Ausschreibungen für einen neuen Bibliothekar und weiteres Personal erfolgen.

Projekte und Publikationen Universitätsprofessoren, Doktoranden, Forscher, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten, jeweils interessiert an deutscher und nordischer Kultur, gehen in normalen Zeiten in diesem Institut ein und aus. Seit die Bibliothek in einem öffentlichen Online-Katalog konsultiert werden kann, gibt es noch mehr Interesse. Das Publikum nehme zu, so betont der Institutspräsident und Germanistik-Professor, und zwar deshalb, weil die Werke der Bibliothek jetzt für mehr als nur Experten sichtbar seien. Auch während der Schließung werde weiter gearbeitet: »Zur Zeit haben wir, außer unseren Forschern, zehn wissenschaftliche Mitarbeiter am Werk«, weitere kommen bald.« Diese hätten schon während des Lockdowns an einer Initiative teilgenommen, die alle italienischen Forschungseinrichtungen mitgetragen hätten. Nämlich digitales Material, vor allem Unterrichtsstunden per Video, für die höheren Schulen zu erstellen. Professor Crescenzi: »Wir haben uns auf unseren Zuständigkeitsbereich konzentriert und uns so nützlich gefühlt für die Gesellschaft, auch wenn wir größtenteils von Zuhause aus arbeiteten.« Das sei auch ein Ausgleich gewesen für Tagungen und sonstige Veranstaltungen, die wegen Corona-Einschränkungen ausfallen mussten. So hatte man eine große Gedenkveranstaltung geplant anlässlich des 250. Geburtstages des Poeten Hölderlin, des Philosophen Hegel und des Komponisten Beethoven im Jahr 2020. Für die Zukunft seien größere internationale Konferenzen in Vorbereitung und weitere zehn Forschungsprojekte würden vom Institut finanziert. Auch werde demnächst ein großes Projekt zu Information und internationaler Kommunikation gestartet.

Interessant auch, mit welchen Universitäten des deutschsprachigen Raums sich das IISG austauscht, etwa regelmäßig mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und mit der Universität Stuttgart. Crescenzi: »Zur Zeit laufen auch Gemeinschaftsprojekte mit Gelehrten der Universitäten Potsdam, Leipzig, Hamburg, Salzburg, Würzburg, Heidelberg, Wien und den beiden Universitäten Berlins.« Er bedauert, dass es mit schweizerisch-deutschen Universitäten bisher keine Zusammenarbeit gibt, wohl aber mit dem Thomas Mann-Archiv in Zürich. Übrigens pflegte das Institut 30 Jahre lang, bis 1989, auch einen speziellen kulturellen Austausch mit der DDR, auf Initiative einer Gruppe italienischer Intellektueller.

Das IISG gibt verschiedene Publikationen heraus, darunter auch ein Verzeichnis der Hochschullehrer der Germanistik an italienischen Universitäten sowie Tagungsbände. Schon seit 1935 gibt es die mehrsprachige Zeitschrift »Studi Germanici«, die jetzt digital über die Webseite des Instituts gelesen werden kann. Sie ist ein Leckerbissen für Germanisten und generell für Philologen und veranschaulicht zugleich das breite Spektrum, dem sich das IISG widmet. Sie erscheint alle drei Monate und ist in vier Sektionen unterteilt.

Die erste Sektion, »Orizzonti« (Horizonte), bringt Beiträge namhafter internationaler Forscher und hat das Ziel, die Diskussion zu aktuellen Themen von wissenschaftlichem und kulturellem Interesse zu fördern. Beispielsweise schreibt dort der bekannte politische Philosoph und Germanist Angelo Bolaffi in der letzten Zeitschrift (Nr. 17 vom Oktober) »Über die Politik als Berufung«, ausgehend von dem Soziologen und Ökonomen Max Weber (1864 bis 1920) bis hin zu Angela Merkel.

Die zweite Sektion, »Saggi« (Aufsätze), veröffentlicht begutachtete Studien, die in der Forschungstradition des Instituts stehen. Dr. Bruno Berni, Leiter der Institutsbibliothek, schreibt darin unter anderem über »Antike Helden von der Parodie bis zur Philosophie« am Beispiel des dänischnorwegischen Dichters Ludvig Holberg (1684 bis 1754). Die dritte, »Resoconti, materiali e documenti« (Berichte, Materialien und Dokumente), gibt einen Überblick über laufende Projekte des Instituts und veröffentlicht Texte und Dokumente zu Veranstaltungen, die in den Aufgabenbereich des IISG fallen. In der Nummer 17 wird ausführlich über das interessante Projekt »digit.iisg« berichtet: Ziel ist, die komplexe Beziehung zwischen Italien und Deutschland im letzten Jahrhundert zu beleuchten, wie sie sich »durchs Vergrößerungsglas der organisierten Events des Instituts« zeigt. Die vierte Sektion, »Osservatorio della Germanistica« (Der germanistische Beobachter), ist allerlei Rezensionen gewidmet.


Das Institut für germanistische Studien (IISG) ist eine öffentliche italienische Forschungseinrichtung. Sie liegt im Stadtpark Villa Sciarra auf dem Gianicolo-Hügel. Adresse: Via Calandrelli, 25, 00153 Rom/Italien, Telefon 0039 06 5888126, https://studigermanici.it.