· Vatikanstadt ·

Vor hundert Jahren erschien Agatha Christies erster Krimi

Die Wette, die eine ganze Epoche einleitete

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03 Dezember 2020

Alles fing mit einer Wette an. Angeboten wurde sie von Agatha Christies Schwester Margaret, die die künftige Krimi-Königin dazu aufforderte, eine Kriminalgeschichte zu schreiben, die gut genug sein sollte, um veröffentlicht zu werden. Man schrieb das Jahr 1916. Der Erste Weltkrieg wütete und Christie leistete als Krankenschwester Dienst in Londoner Krankenhäusern, wo sie sich um verwundete Soldaten kümmerte, die dazu bestimmt waren, wieder an die Front zurückzukehren. Sie nahm die Wette an: und zwar nicht nur aus gesundem Stolz, sondern auch, weil das eine aufmunternde Ablenkung von der durch den Krieg, der gerade durchlebt wurde, verursachten Tragödie des Alltags darstellte. So kam es, dass Poirot at Styles Court (Originaltitel: The Mysterious Affair at Styles, auf Deutsch: Das fehlende Glied in der Kette), geschrieben wurde; so kam es, dass die großartige Karriere als Schriftstellerin von Agatha Christie (weltweit die meistübersetzte Autorin, die selbst William Shakespeare überrundet) ihren Anfang nahm; so kam es, dass Hercule Poirot auftreten sollte, der eierköpfige Privatdetektiv (ein Belgier, kein Franzose!), der dazu bestimmt war, mit seinen unvergänglichen »grauen Zellen« und seinen geschliffenen Umgangsformen ein unauslöschliches Zeichen in der kollektiven Vorstellungskraft zu hinterlassen.

Dass in diesem Erstlingswerk in nuce bereits Genie vorhanden war, das konnte jeder Leser erahnen, nicht aber der Verleger, der nach einer oberflächlichen und daher respektlosen Querlektüre beschloss, es nicht gleich zu veröffentlichen. Er legte es in seine Schreibtischschublade, wo es vier Jahre lang untätig herumlag und einstaubte. Es sollte dann schließlich 1920 veröffentlicht werden.

Vor hundert Jahren fand also ein doppeltes Ereignis statt: Agatha Christie setzte sich unangefochten auf der Bühne der internationalen Krimi-Literatur durch; und zugleich leitete sie eine Wende im Hinblick auf den Aufbau und die Behandlung des Krimis an sich ein, die bis dato von Sir Arthur Conan Doyle und seinem Sherlock Holmes monopolisiert worden waren.

Poirot, der sich damit zum Sprachrohr seiner Schöpferin aufschwang, erklärte: »Ich muss nicht hergehen und einen Zigarettenstummel zerlegen oder am Staub auf einem Möbelstück riechen, um den Schuldigen zu ermitteln. Mich interessiert in erster Linie die Psyche, und zwar nicht nur jene des Mörders, sondern auch die des Opfers.« In dieser mit Nachdruck vorgebrachten Erklärung spiegelt sich ein programmatisches Manifest wider, das für die Ermittlungsmethode steht, auf der die Architektur eines jeden Krimis aus Christies Feder beruht, der Feder jener Frau, die, wie Winston Churchill über sie sagte, nach Lucrezia Borgia am längsten mit dem Verbrechen zusammengelebt hat. Die Geschichte von Das fehlende Glied in der Kette spielt in England während des Ersten Weltkriegs: sie ist angesiedelt in einem Herrenhaus auf dem Land in Essex (demselben Hintergrund, vor dem auch Curtain [auf Deutsch: Vorhang], Poirots letzter Fall, angesiedelt ist). Hauptmann Arthur Hastings ist zu Besuch in Styles Court, auf Einladung seines Freundes John Cavendish. Eines Nachts finden die Bewohner von Styles die Besitzerin der Villa, Johns Stiefmutter Emily Inglethorp, im Sterben liegen, nachdem sie mit Strychnin vergiftet wurde. Hastings kommt auf die Idee, seinen Freund Hercule Poirot hinzuzuziehen, der als Flüchtling vor dem Krieg im Exil in England lebt und im Nachbarort, Styles St. Mary, lebt. Der Detektiv mit dem gezwirbelten, perfekt gewichsten Schnurrbart, blank polierten Lackschuhen und grünen Augen, die »Funken versprühen«, beginnt zu ermitteln.

Im Lauf der immer packenderen, von unvorhergesehenen Zwischenfällen und Knalleffekten durchzogenen Handlung sticht ein doppeltes Fragezeichen hervor: wie und wann wurde das Strychnin verabreicht? Die Untersuchung sieht auch die Präsenz von Scotland Yard vor (ein Thema, das sich auch durch alle anderen Krimis zieht), die nationale Institution, anhand derer sich Christie einer zwar höflichen, deswegen aber keineswegs weniger wirksamen Ironie bedient: tatsächlich ist es immer Poirot, unterstützt von seiner genialen Intuition, der den Fall löst, und nicht Scotland Yard, das durch seine protokollarische Bürokratie beeinträchtigt wird. Und so ist es der belgische Privatdetektiv, und nicht der Scotland Yard-Inspektor James Japp, der erläutert – und dabei alle Protagonisten des Falles zum Staunen bringt –, wie und wann Emily Inglethorp das Strychnin verabreicht wurde.

Agatha Christie erklärte, dass sie nur deshalb Krimis schreibe, um sich teure Anschaffungen leisten zu können, insbesondere für die Wohnungseinrichtung. Zwischen Dichtung und Wahrheit wird erzählt, sie habe ihren hochberühmten Mord im Orient-Express geschrieben, um sich für ihr Wohnzimmer einen großen Glasschrank zu kaufen. Ebenso wie die Tatsache, dass die Schriftstellerin es verstanden habe, ihre im Ersten Weltkrieg gesammelte Erfahrung als Krankenschwester in Krankenhäusern zu nutzen: Tatsächlich hatte sie dort Gelegenheit, sich eine gründliche Kenntnis der Arzneien, vor allem aber der Gifte anzueignen, die sie den zahlreichen Opfern ihrer Krimis so großzügig verabreichte. Emily Inglethorp kann ein Lied davon singen.

Von Gabriele Nicolò