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Verletzlichkeit anzunehmen ist epochale Wende

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Videovortrag des Kardinalstaatssekretärs an der Universität Lugano

13 November 2020

Menschenwürdiger kann eine Gesellschaft nach Aussage von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin nur werden, wenn sie die Verletzlichkeiten von Mensch, Natur und Gemeinschaft viel ernster nimmt. Die »Wiederentdeckung naturgegebener Vulnerabilität muss eine zentrale Rolle spielen, wenn nach der Pandemie neue Formen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenlebens geschaffen werden sollen«, so Parolin am Samstag, 7. November, bei einem Video-Vortrag an der Universität Lugano.

Würden Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftlicher Umgang tatsächlich Verletzbarkeit und Schwachheit als grundlegende Komponente ernst nehmen, so Parolin, wäre dies eine »epochale Wende«. Vulnerabilität, Anfang des 20. Jahrhunderts zuerst als »Verletzbarkeit der Natur« thematisiert, stehe in direktem Gegensatz zum Allmachts- und Perfektionswahn des industriellen und globalisierten Menschen. Dieser habe für Schwachheit und Verletzlichkeiten oft nur Verachtung übrig. Die Pandemie aber zeige, wie viel Unsicherheit, Angst und Unvorbereitetheit selbst in reichen, organisierten Gesellschaften vorherrsche. Die Bibel lenke den Blick auf die Kleinen und Schwachen, die Gott besonders achte. Das Christentum, das sich auf den als Säugling im Stall geborenen und am Kreuz hingerichteten Jesus Christus beruft, könne von solcher Verletzlichkeit nicht absehen. Das müsse der christliche Glaube jetzt neu und verstärkt verkünden.

Ursprünglich wollte Parolin persönlich in die Schweiz kommen. Anlass für den geplanten Besuch war das 100-jährige Bestehen diplomatischer Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Eidgenossenschaft. Wegen steigender Infektionszahlen war die Reise mit mehreren Stationen abgesagt worden.

Den Vortrag an der theologischen Fakultät Lugano hielt Parolin anlässlich eines Studientags des 2019 gegründeten »Lehrstuhls Eugenio Corecco«, benannt nach dem früheren Luganer Bischof (1986-1995). Stiftungsvorsitzender ist Mailands Alterzbischof, Kardinal Angelo Scola. Der Studientag war der »Vulnerabilität als erneuerter Perspektive menschlicher Würde« gewidmet. Das Thema Vulnerabilität erfährt seit einigen Jahren in zahlreichen Wissenschaften eine gesteigerte Aufmerksamkeit.