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Zeit der Barmherzigkeit

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19 Oktober 2020

Am 18. Oktober ist der Gedenktag des heiligen Lukas, des Verfassers des dritten Evangeliums und der Apostelgeschichte. Dieser Evangelist, der der Überlieferung nach auch Arzt, Maler und eng mit Maria verbunden gewesen sein soll, war Dante zufolge der scriba mansuetudinis Christi: derjenige, der die Bereitschaft zum Erdulden, die Sanftheit und die Milde Christi, kurz gesagt die Barmherzigkeit Jesu schilderte. Von den unzähligen möglichen Exempeln wollen wir drei berühmte Abschnitte herausgreifen, die sich nur in seinem Evangelium finden und die diese Aufmerksamkeit des Verfassers gegenüber dem barmherzigen Antlitz Christi und dessen Lehrtätigkeit bzw. Predigt hervorheben: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Kap. 10), jenes vom verlorenen Sohn (Kap. 15) und die Episode vom guten Schächer (Kap. 23). Der letztgenannte Abschnitt hat über Jahrhunderte die Einbildungskraft der Künstler beflügelt, so beispielsweise jene des argentinischen Dichters Borges, der in einem Gedicht der Sammlung El Hacedor (auf deutsch 1993 erschienen unter dem Titel »Borges und ich: Gedichte und Prosa 1960«), das passender Weise mit Lucas, XXIII überschrieben ist, jene todesnahe Szene folgendermaßen beschreibt: »Bei der letzten Mühsal, am Kreuz zu sterben, / hörte er inmitten der Schmähungen des Volkes, / dass der, der ihm zur Seite starb, / ein Gott war, / und sagte blindlings zu ihm: / Erinnere dich meiner, wenn du / in deinem Reiche sein wirst! Und jene unvorstellbare Stimme, / die eines Tages über alle Wesen richten wird, / versprach ihm vom fürchterlichen Kreuz aus / das Paradies. Weiter sprachen sie nichts mehr, / bis dann /der Tod eintrat…«

Aber es sind die beiden anderen Abschnitte, die heute, zu Zeiten des Pontifikats von Papst Franziskus, besonders betroffen machen: der barmherzige Samariter und der barmherzige Vater (das ist ein angemessenerer Titel als die traditionelle Bezeichnung des Gleichnisses als »der verlorene Sohn«). Tatsächlich ist gerade dies das Herzstück des Handelns und der Worte des Bergoglio-Papstes: die Barmherzigkeit. In diesen letzten sieben Jahren hat der Papst die Eingeweide (rachamin, ein Wort, das im Hebräischen sowohl »Eingeweide« als auch »Barmherzigkeit« heißen kann) Gottes, der Vater und Mutter ist, in den Mittelpunkt der Geschichte der Männer und Frauen gestellt und fordert alle auf, dies anzuerkennen und sich folglich für diese Gabe der Liebe eines Gottes zu öffnen, der unaufhörlich wartet, aufnimmt und vergibt. Die beiden Gleichnisse bei Lukas sind aus dieser Perspektive gesehen die beiden der Heiligen Schrift entnommenen Säulen dieses Pontifikats, weil sie von der (seitens des barmherzigen Vaters) empfangenen Barmherzigkeit und von der von anderen Menschen (dem barmherzigen Samariter) geübten und geschenkten Barmherzigkeit berichten. Es ist also keineswegs ein Zufall, dass die jüngst veröffentlichte Enzyklika Fratelli tutti in ihrem Mittelpunkt jenes 2. Kapitel aufweist, das eine lange, eindringliche, anrührende Exegese und Katechese aufweist, die gerade auf dem barmherzigen Samariter beruht. Anzuerkennen, dass einem dank einer übergroßen und übersprudelnden Liebe vergeben wurde (das Fest für den Sohn, der tot war und wieder ins Leben zurückgekehrt ist), ist die Kraft, die es gestattet, die Eingeweide in Gang zu setzen, »von dem menschlichen Leiden [der anderen] aufgewühlt [zu] werden« (Fratelli tutti, Nr. 68), ihren Schmerz auf uns zu nehmen, sie anzurühren und sie zum Leben zurückzugewinnen. Das Evangelium, das Papst Franziskus verkündet, ist – wie könnte es auch anders sein – ein Evangelium der Auferstehung, das den Weg über die Umarmung mit der Sanftmut Jesu nimmt.

Von Andrea Monda