· Vatikanstadt ·

Hanno,
der Elefant Seiner Heiligkeit

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Tierisches aus dem Vatikan

30 Oktober 2020

Im Februar 2015 brachte die deutsche Wochenausgabe des Osservatore Romano auf ihrer Titelseite ein bemerkenswertes Foto. Das Cover der Vatikan-Zeitung schmückte ein Bild von der Reise des Papstes nach Colombo (Sri Lanka). Es zeigte, wie Papst Franziskus mit seinem Wagen durch ein Spalier prächtig geschmückter Elefanten fuhr. Der damalige Pressesprecher des Heiligen Stuhles, Pater Federico Lombardi SJ, bekannte: »Ich war überrascht. Ich habe noch nie ein Willkommen eines Papstes durch Elefanten gesehen. Es waren vielleicht vierzig von ihnen entlang der Straße. Sie leben in den großen buddhistischen Tempeln als Zeichen des Respekts vor dem heiligen Bereich.«

Gut fünfhundert Jahre zuvor hatte einer der Vorgänger des Heiligen Vaters, Leo X. (1513-1521), eine denkwürdige Begegnung mit einem Elefanten. Dem Medici-Papst waren anlässlich seiner Erhebung auf den Stuhl Petri zahlreiche Huldigungsadressen erwiesen und kostbare Geschenke gemacht worden. Vor allem Spanien und Portugal waren in einen Wettstreit getreten. 1494 hatte der Heilige Stuhl im Vertrag von Tordesillas über die territorialen Ansprüche der mächtigen Kolonialreiche entschieden, und beide Königreiche bemühten sich, auch weiterhin in der Gunst des Papstes zu stehen. König Manuel I. von Portugal, der sich der »Herr der Eroberungen, der Seefahrt und des Handels mit Indien, Äthiopien, Arabien und Persien« nannte, versuchte, mit einer siebzigköpfigen Gesandtschaft und außergewöhnlichen Geschenken aufzutrumpfen.

Das Eintreffen der Abgesandten des Königs im März 1514 wurde zu einem gefeierten Ereignis, zu einem »Mega-Event« der damaligen Zeit. Die portugiesischen Edelleute und Geistlichen, die sich der Ewigen Stadt näherten, wurden von Scharen exotischer Tiere begleitet. Vor allem ein Elefant ließ die Bevölkerung des Kirchenstaates den Weg, den die Gesandtschaft einschlug, voller Neugier säumen. Menschen stiegen auf Dächer, die unter der Last der Zuschauer zusammenbrachen. »Der Zug der Portugiesen verursacht überall Aufruhr und daher auch bedenkliche Verwüstung«, hieß es in Berichten nach Rom. Der Papst sah sich gezwungen, Militär zu entsenden: Bogenschützen und die leichte Kavallerie, die für die Aufrechterhaltung der Öffentlichen Ordnung zu sorgen hatten, aber auch ein Pikett der Schweizergarde, das eine standesgemäße Eskorte für die ausländischen Gäste samt ihrem tierischen Gefolge stellte.

Im Vatikan erwartete Leo X. die Gesandtschaft. Der dressierte Elefant, der schon bald den Namen »Annone«, zu deutsch »Hanno«, erhalten sollte, begrüßte den Heiligen Vater mit lauten Trompetenstößen. Dann ging er – wie es sich das Hofzeremoniell nicht hätte besser wünschen können – in die Knie. Der Papst, der ein überaus kindliches Gemüt besaß, war gerührt und klatschte vergnügt in die Hände. Dann nahm Hanno einen tiefen Schluck aus einem Wassertrog, der ihm gereicht wurde, schwang seinen Rüssel wie ein Aspergill und durchnässte den Papst und die Kardinäle, die ihn umgaben, bis auf die Haut. Die portugiesischen Gesandten erbleichten und befürchteten einen Eklat. »Doch Seine Heiligkeit jauchzte vor Begeisterung und hielt sich mit einem Lachen den kugelrunden Bauch«, berichtete ein Chronist.

Der Pontifex ließ Hanno eine eigene Unterkunft in den vatikanischen Gärten erbauen. Zu seinem Betreuer ernannte er den päpstlichen Kammerherrn Giovanni Battista Branconio dell’Aquila, der sich gemeinsam mit einem Mahut, einem indischen Pfleger, um das Tier zu kümmern hatte. Leo X. war daran gewöhnt, seltene Tiere um sich zu haben; sein Vater – Lorenzo der Prächtige – hatte in Florenz ein berühmtes Gehege unterhalten. Leos eigenem kleinen Zoo gehörten ein Bär, Leoparden und ein Chamäleon. An Sonntagen durfte das römische Volk Hanno besuchen, der dann oft nach einer Musik tanzte und Kunststücke vorführte.

Der Elefant nahm auch an der Einholung hoher Besucher, an Umzügen und Prozessionen teil. Bei einer dieser Gelegenheiten kam es zu einem folgenschweren Unfall. Als der Bruder des Papstes nach seiner Heirat mit der Schwester König Ludwigs XII. von Frankreich zu Besuch nach Rom kam, wurde dem jungen Ehepaar eine Eskorte entgegengeschickt, zu der auch Hanno gehörte, der mit einem kleinen Turm, in dem bewaffnete Männer saßen, bepackt war. Salutschüsse und der Lärm der Menge versetzten den Elefanten in Panik, wobei der Turm herabstürzte; herandrängende Menschen kamen unter die Hufe der Pferde und des Elefanten, viele Verletzte und Tote waren zu beklagen.

Im Frühjahr 1516 geriet Leo X. – und mit ihm der ganze Päpstliche Hof – in Aufregung. Hanno war erkrankt! Atemnot und Verstopfung plagten ihn. Die Leibärzte des Papstes wurden gerufen. Schon bald sahen sie, dass dem Liebling des Pontifex wohl kaum noch zu helfen war, und so entschlossen sie sich für ein letztes radikales Vorgehen. Sie verabreichten Hanno einen abführenden Trank, dem hochwirksame Kräuter und ein beträchtliches Maß an Gold, das damals als Wundermittel galt, beigefügt worden war. Ein letztes Mal bäumte sich das stolze Tier auf. Der Elefant Seiner Heiligkeit war tot. In Rom trauerte man, und überall war der Spottvers zu hören: »Das Chamäleon, der Elefant, die indische Ziege, das Rhinozeros, sie alle sind tot; es wäre ungerecht, wenn der Löwe (Leo) sie überleben sollte!« Der Papst gab am 1. Dezember 1521 seine Seele dem Schöpfer zurück; er wurde in der Kirche Santa Maria sopra Minerva in der Altstadt Roms nahe dem Pantheon beigesetzt. Wer sein Grab aufsucht und das Gotteshaus betritt, muss auf dem Vorplatz an einem Obelisken vorbei, der auf dem Rücken eines steinernen Elefanten ruht.

Raffael und seine Schüler verewigten den Liebling Leos X. und der Römer in den Loggien des Apostolischen Palastes. Zeichnungen, Radierungen und Stiche zeigen den berühmten Elefanten; sein Bild war auf dem Tafelgeschirr römischer Adelsfamilien zu sehen. Berichte, Erzählungen und Sonette, die über Hanno geschrieben wurden, werden in den Archiven und in der Bibliothek des Papstes verwahrt. Im Hof der Bibliothek wurden 1962 bei Ausschachtungsarbeiten die Knochen und der Zahn eines Elefanten gefunden. Die Experten berieten sich und kamen zu der Überzeugung, dass Hanno wohlmöglich an dieser Stelle beigesetzt worden war. In der Schatzkammer des Domkapitels von Sankt Peter werden Zähne eines Elefanten verwahrt, die in Verzeichnissen des 16. Jahrhunderts Hanno zugeschrieben werden. Sogar die Gärten des Vatikans tragen auf ihre Weise zur Erinnerung an Hanno bei; hier finden Besucher seltene Gewächse wie das Elefantenohr (Alocasia macrorrhiza) und den Elefantenfuss (Beaucarnea recurvata).

Ulrich Nersinger