· Vatikanstadt ·

Will man die Welt betrachten, so muss man in sie eintreten

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15 September 2020

In einem unlängst auf dem Account @Pontifex veröffentlichten Tweet hat Papst Franziskus uns erinnert: »Der Glaubende betrachtet die Welt nicht von außen, sondern von innen her und erkennt die Bande, durch die der himmlische Vater uns mit allen Wesen verbunden hat«.

Trotz der gebotenen Kürze ist der Text so konsistent, dass es hochriskant ist, so zu tun, als könne man mit einem Zeitungsartikel seinen ganzen verborgenen Bedeutungsschatz ausschöpfen, aber es lohnt sich doch, auf einige Aspekte hinzuweisen.

Zunächst einmal fordert der Papst uns auf, die Welt zu betrachten. Das mag diejenigen überraschen, die daran gewöhnt sind, die Welt mit aus Angst und Misstrauen gemischten Gefühlen zu betrachten, was zu defensiven und urteilenden Einstellungen führt.

Vielmehr sagt der Papst: nicht schauen, sondern nachdenken. Der gewählte Begriff ist ganz eigen, präzise, anspruchsvoll. Vor ein paar Tagen hat der Theologe Giovanni Cesare Pagazzi in dieser Zeitung an den allerersten, vor 40 Jahren verfassten Hirtenbrief von Kardinal Martini erinnert, der damals gerade Erzbischof von Mailand geworden war, der der »kontemplativen Dimension des Lebens« gewidmet war und sich auf die etymologische Bedeutung des Wortes konzentrierte, für das »die Kontemplation eine Tätigkeit ist, die auf den Himmel abzielt, auf das über das Irdische Hinausgehende, auf das Jenseits, das Tiefgründige… gemessen an dem, was gewöhnlich zur Disposition steht«. Was im Leben gewöhnlich und alltäglich ist, wäre oberflächlich, wogegen die Kontemplation nach Tiefe oder Höhe strebt. Wenn man stattdessen bekräftigt, dass das ganze Leben betrachtenswert ist, gibt man die Tiefgründigkeit dessen zu, was jeden Tag an die Oberfläche kommt«.

Eben das ist auch der Punkt, von dem die Redaktion dieser Zeitung, des »L'Osservatore Romano«, ausgeht, die sich jeden Tag bemüht, die Welt nicht einfach anzuschauen, sondern zu »betrachten«, über das hinauszugehen, was an der Oberfläche auftaucht, und die versucht, »intelligent« zu sein, etwas innerlich zu verstehen. Von diesem Gesichtspunkt aus bewegt sich das Projekt, das in den kommenden Wochen zu einem Neustart auch der Druckausgabe der Zeitung führen wird, genau in diese Richtung, wobei der Dimension der vertieften Analyse im Vergleich zu jener des einfachen Nachrichtenbulletins der Vorzug gegeben wird.

Lesen Sie also genau so, wie es der Papst in seinem Tweet fordert. Was heißt es, dass »die Welt nicht von außen, sondern von innen her betrachtet wird«? Das Bild, das oft in Zusammenhang mit dem Mysterium der Kirche verwendet wird, ist jenes der Glasfenster: Bleibt man außerhalb einer Kirche, kann man die Schönheit eines Glasfensters nicht wahrnehmen, wogegen die Glasfenster dann, wenn man den Innenraum der Kirche (und die Kirche) betritt, dank des Lichts, das sie durchdringt, in ihrer ganzen Pracht erstrahlen. Nur wenn man in das Leben der Kirche eintritt, kann man ihre Tiefe und ihren Reichtum erfassen, andernfalls riskiert man, sie zu beurteilen, indem man Kategorien anwendet, die dieser Komplexität nicht gerecht werden und sie auf eine rein menschliche, gesellschaftspolitische Realität reduzieren, auf eine »klägliche NGO«, wie Franziskus seit dem Beginn seines Pontifikats oft wiederholt hat. Aber in diesem Tweet spricht der Papst nicht von der Kirche, sondern von der Welt und fordert den Gläubigen auf, sie zu durchmessen, in sie einzutreten, um sie von innen her zu betrachten. Und der Gläubige kann sich der Aufgabe nicht entziehen, dies zu tun. Und zwar nicht nur deshalb, weil es der Papst ist, der darum bittet, sondern weil es das ist, was Gott in Jesus getan hat. Es ist das Geheimnis der Menschwerdung, das Herzstück des christlichen Glaubens. Gott ist nicht außerhalb der von ihm geschaffenen Welt geblieben, er hat sich nicht darauf beschränkt, sie zu bewundern, als wäre sie ein »Schauspiel«, sondern er ist in sie hinabgestiegen, er ist bis in den tiefsten Abgrund, den Tod und den Tod am Kreuz, eingetaucht, um jenen Plan der Liebe, der bereits dem Schöpfungsakt eingeschrieben ist, zum Leuchten zu bringen. Ein Liebesplan, der aus jenen »Banden« besteht, von denen der Papst spricht: vertikale Bande, zwischen uns Menschen und dem Schöpfer-Vater, und horizontale Bande, die uns mit allen Wesen vereinen, allen voran das Band der Geschwisterlichkeit. Das ist das Thema der neuen Enzyklika des Papstes, von der die Welt bisher nur die beiden ersten, einem Zitat des heiligen Franz von Assisi entnommenen Worte kennt: »Fratelli tutti«. Dies ist ein Knoten, der Knoten der Bande, der für den Papst, der sich mit ihm auseinandergesetzt hat, von zentraler Bedeutung ist. Auch in seiner Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel hat er die Menschen aufgefordert, den Geschmack am Geschichtenerzählen wiederzuentdecken, den Geschmack an jenen »Geweben«, die die Fäden zusammenhalten, die alle Wesen im Raum ebenso miteinander verbinden wie alle Generationen in der Zeit.

Dies ist vor allem der Weg der Kenosis Jesu, der Mensch geworden ist und das menschliche Dasein in all seinen Dimensionen durchlebt hat. Der Gläubige, die Kirche, ist aufgefordert, dasselbe zu tun; er bzw. sie kann nicht anders handeln. Sehr bezeichnend ist das Detail, dass Jesus im Matthäus-Evangelium den Begriff »Brüder« verwendet, um auf der letzten Seite seine Freunde zu bezeichnen, am Ende, nach seiner Passion und seinem Tod, wenn er auferstanden ist und sagt: »Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen« (Mt 28,10). Es bedeutet, dass »Brüder/Schwestern« zu sein nicht nur eine Ausgangsbedingung ist, ein aufgrund der Tatsache, dass wir alle einen gemeinsamen Ursprung in Gottes Schöpfung haben,»geerbtes« Faktum, sondern es ist auch ein Prozess, ein Ziel, das erobert werden muss und kann, aber unter der Bedingung, dass wir an allem »von innen her« teilhaben, am Leben der anderen Wesen, mit denen wir bereits verbunden sind. Es bedeutet, das Kreuz zu tragen (und also auch zu sterben) aus Liebe zu den anderen Wesen. Erst dann kann man »Brüder/Schwestern« sagen, erst dann, wenn man die Welt von innen her betrachtet hat und nicht von außen wie ein Schauspiel, das es zu beurteilen und vielleicht gar zu verurteilen gilt.

Andrea Monda