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Der Kanonenkugelbrunnen vor der Villa Medici und die Gärten des Lucullus

Unübertreffliche Schlichtheit und Eleganz

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25 September 2020

Zu den schönsten Spaziergängen mit einem wunderbaren Panorama über die Ewige Stadt gehört der vom Obelisken vor dem Gotteshaus Trinità dei Monti zur Aussichtsterrasse am Pincio. Rechter Hand zunächst eine einfache, doch historische Mauer, dann die Villa Medici und später der Park der Villa Borghese begleiten den Wanderer. An der linken Seite hingegen gibt es stets eine herrliche Vedute über die Urbs. Etwa auf halbem Weg trifft man auf den in seiner essenziellen und lapidaren Form ausdrucksstarken Kanonenkugelbrunnen vor der Villa Medici.

Stolz und hoch ragt mit ihrer stadtseitigen, allerdings noch etwas mittelalterlich und fast bedrohlich scheinenden Fassade die Villa Medici empor – die Gartenansicht wirkt mit ihren vielen antiken Reliefs und Statuen hingegen heiter und ist bereits der Renaissance verpflichtet. Die Villa Medici empfängt den Besucher mit einem in seiner Schlichtheit kaum zu übertreffenden Brunnen: eine weite Granitschale, in deren Mitte aus dem Scheitel einer kleinen Kugel Wasser quillt.

Der Überlieferung nach soll es sich um eine Kanonenkugel von der Engelsburg handeln. Keine geringere als Königin Christine von Schweden (1626-1689) soll sie von der Engelsburg in Richtung Villa Medici abgefeuert haben: angeblich aus Übermut, oder einfach im Scherz.

Kardinal Ferdinando de’ Medici (1549-1609, seit 1562 Kardinal und ab 1587 Großherzog der Toskana) hatte den Brunnen bei seinem Baumeister Annibale Lippi (gest. 1581) bestellt. Dieser verwendete eine große Granitschale, die Ferdinando de’ Medici entweder bei den Kanonikern von S. Pietro in Vincoli – in der Nähe lagen die Trajansthermen – oder von den Coelestinern von S. Salvatore in Lauro beim Tiber erworben hatte. Einleuchtender scheint die Variante, dass der Purpurträger sie von den Laterankanonikern von S. Pietro in Vincoli bekam und sie aus den Thermen des Trajan hergebracht und vor seiner Residenz wiederverwendet wurde. Zunächst entsprang das Wasser aus einer kleinen Steinlilie, dem Wappensymbol der Medici, in der Mitte der Schale.

Der Kardinal war von Sixtus V. (Felice Peretti, 1585-1590) zum Oberintendanten für die Instandsetzung der nach dem Papst »Acqua Felice« genannten Wasserleitung ernannt worden. Wegen der falschen Berechnungen seines Ingenieurs Matteo Bartolani kam es zwischen dem Papst und dem Kardinal zu berechtigten Streitigkeiten. Denn infolge der falschen Kalkulation des Gefälles floss das Wasser nicht in Richtung Rom, sondern zurück (!). Der Kardinal hielt jedoch trotz allem zu seinem Techniker. Nachdem Giovanni Fontana, der Bruder von Domenico (Leibarchitekt von Sixtus V.) die Leitung übernommen hatte und die Acqua Felice 1586 fertiggestellt worden war, bekam Kardinal Ferdinando de’ Medici dennoch die versprochene Wassermenge für den öffentlichen Brunnen vor seiner Villa. Auch einige Fontänen und andere Wasseranlagen im Park seiner Residenz werden von der Acqua Felice gespeist.

Die Villa Medici mit dem Kanonenkugelbrunnen liegt auf dem Gebiet des Pincio-Hügels, wo sich einst die weiten »Horti Luculliani«, die Gärten des Lucullus mit seiner prächtigen Villa, erstreckten. Seit 1803 beherbergt sie die Académie de France à Rome (Französische Akademie in Rom), die zahlreiche berühmte französische Künstler im Rahmen ihres Rom-Stipendiums in ihren Räumen beherbergt hat. Das 1666 von König Ludwig XIV. gegründete Studienzentrum für Maler, Bildhauer und Architekten hatte seinen Sitz anfänglich im Palazzo Capranica und zog im Laufe der Jahrhunderte häufig um. Napoleon bestimmte 1803 die Villa Medici als endgültigen Sitz. Die Künstler (talentierte Schüler der Pariser Kunstakademie / Académie des Beaux-Arts) wurden in jährlich ausgetragenen Wettbewerben ermittelt und konnten dann im Rahmen des begehrten, »Prix de Rome« genannten Stipendiums einige Jahre in Rom verbringen und die Reste des antiken Rom und der anderen Kunstdenkmäler der Ewigen Stadt studieren.

Einige Ruinen im Park der Villa Medici erinnern heute noch an die prächtige Residenz des Lucullus (Lucius Licinius Lucullus, um 117 v. Chr. bis circa 57 v. Chr.). Er entstammte der Gens Licinia, einer vornehmen und einflussreichen, wenn auch plebejischen Familie. Sein Name ging wegen seiner opulenten Gastmähler, die er vor allem in Rom veranstaltete, in die Geschichte ein. Auch heute noch wird ein großartiges Mittag- oder Abendessen als »lukullisches« Mahl bezeichnet.

Lucullus genoss eine standesgemäße Erziehung, sprach fließend Griechisch und kannte und bewunderte die griechischen Autoren und Philosophen. Er war ein ausgezeichneter Redner sowohl auf dem Forum Romanum als auch auf dem Feld bei den Ansprachen an seine Soldaten.

So sehr er heutzutage vor allem als »Feinschmecker« und für seine grandiosen Gastmähler, die vor Luxus nur so überflossen, bekannt ist, so wenig erinnert man sich daran, dass er ein begabter römischer General, ein kluger Politiker, sowie Konsul und Senator war. Nachdem er seine Karriere als General und Politiker beendet hatte, beschloss er, ein Leben als Gourmet zu führen, der es liebte, Gäste einzuladen, zu repräsentieren und zu genießen. Sein Reichtum erlaubte es ihm. Als feinsinniger und philosophisch gebildeter Mann besaß er eine umfangreiche Bibliothek, die er gerne zeigte.

Seine Karriere begann er als Militärtribun im Dienst von Lucius Cornelius Sulla Felix, (Sulla, um 138 v. Chr.-78 v. Chr.; ital. »Silla«) im Bundesgenossenkrieg. Lucullus unterstützte Sulla während des ersten Mithridatischen Krieges (90-84 v. Chr.) als Admiral einer Flotte und dann als Quästor im Jahr 88. v. Chr. Im Jahr 74 v. Chr. wurde er zusammen mit Marcus Aurelius Cotta, einem Onkel von Gaius Julius Caesar, Konsul, und erhielt das Kommando im Mithradatischen Krieg. Er errang bedeutende Siege und eroberte den »Pontus« (das Gebiet, welches etwa die heutige Südtürkei, Nordsyrien und den Nordiran umfasst). Das brachte ihm den Beinamen »Ponticus« ein. Die eiserne Disziplin, die er seinen Soldaten abverlangte und sie auch am Plündern unterlegener Städte hinderte, erregte ihren Unmut, weil es so aussah, als ob Lucullus als einziger an dem Krieg profitierte. Daher kam es zu einer von seinem Schwager Publius Clodius Pulcher angestifteten Meuterei des Heeres, weswegen er nach Rom zurückbeordert und durch Pompeius ersetzt wurde, der den Krieg und auch das Piratenunwesen beendete.

Während seiner Feldzüge kam er zu großem Reichtum, so dass er sich einige Villen bauen konnte, darunter jene am Palatin und am Pincio-Hügel. Während seiner Aufenthalte in Kleinasien und im Pontus hatte er – als äußerst gebildeter Mann – die orientalische Gartenkunst kennen- und lieben gelernt. Daher ließ er in Rom und in Neapel nach diesem Beispiel Villen mit prächtigen, weiten und mit wunderbaren Skulpturen versehene Parkanlagen errichten. Auch die »Horti Luculliani« am Pincio waren so gestaltet.

Lucullus ist es zu verdanken, dass wir Kirschen haben. Er ließ aus der pontischen Stadt Giresun (am Schwarzen Meer) die ersten Bäume importieren, die sich dann im Laufe von 120 Jahren bis Großbritannien verbreiteten. Tatsächlich weist der antike Name der Stadt, »Kerasous« (gr. Κερασοῦς), bereits auf Kirschen hin, denn er stammt wohl von dem griechischen Wort Kerasion (κεράσιον), was »Kirsche« bedeutet.

Auch dass es in Europa Aprikosen gibt, ist auf ihn zurückzuführen. Sie stammen aus Armenien, wo Lucullus ebenfalls Krieg führte.

Auf dem Pincio (er gehört nicht zu den »klassischen« sieben Hügeln der Ewigen Stadt) entstand einer der ersten luxuriösen Gärten samt einer prächtigen Villa. Um die Höhenunterschiede auszugleichen, legte man Terrassen und Treppen an. Die mittlere soll, mit Portiken und Alleen ausgestattet, besonders eindrucksvoll gewesen sein. Leider ist von den »Horti Luculliani« nur wenig übriggeblieben. Die Villa lag wohl in der Nähe des späteren Gotteshauses Santa Trinità dei Monti.

Tatsächlich wurde unter der Biblioteca Hertziana (schräg gegenüber dem Gotteshaus) bei Ausgrabungen 2007 eine Fassade aus republikanischer Zeit entdeckt, die möglicherweise zu einem Raum der Villa gehörte sowie unregelmäßiges »Opus Reticulatum« (Netzmauerwerk), das Nischen aufwies. Einer zweiten Bauphase dürften Mosaiken angehören, welche Architekturen und Statuen zeigen. Möglicherweise handelte es sich um Reste eines Nymphaeums.

Nach seinem Dahinscheiden gingen die Horti Luculliani an Decimus Valerius Asiaticus über. Leider hatte es auch Messalina (Valeria Messalina, vor 20 n. Chr.-48 n. Chr., dritte Frau von Kaiser Claudius) darauf abgesehen und zettelte eine Palastintrige gegen ihn an. Er wurde des Ehebruchs mit Poppaea Sabina (gest. 47 n. Chr.), der Mutter von Poppaea Sabina (Poppaea Sabina, um 30/32 n. Chr.-65 n. Chr., zweite Frau von Kaiser Nero), bezichtigt und in einem oberflächlichen und geheimen Scheinprozess dazu verurteilt beziehungsweise gezwungen, sich das Leben zu nehmen.

Doch auch Messalina konnte sich der »Horti Luculliani« nicht lange erfreuen. Als Tochter von Domitia Lepida und Marcus Valerius Messala Barbatus, beide Enkel der Oktavia Minor, der jüngeren Schwester von Kaiser Augustus, war sie somit dessen Großnichte. Sie war also eine Patrizierin, und eng mit dem Julisch-Claudischen Kaiserhaus verwandt. Um 38/ 39 n. Chr. heiratete sie ihren um 30 Jahre älteren, zwar sehr gebildeten, aber stotternden und hinkenden Onkel Claudius, welcher nach der Beseitigung Caligulas durch die Prätorianer im Jahr 41 n. Chr. Kaiser wurde. Beide wurden vom Volk akklamiert. Da Messalina aber ein ziemlich lasterhaftes und ausschweifendes Leben führte und schließlich noch während ihrer Ehe mit Claudius eine zweite Ehe mit ihrem Geliebten Gaius Silius, einem römischen Senator, einging, wurden beide von Claudius zum Tode verurteilt.

Messalina floh in die Gärten des Lucullus, wo sie etwa 12 Monate, nachdem sie in deren Besitz gekommen war, im Jahr 48 n. Chr. durch die Hand eines Tribunen starb. Die Horti Luculliani wurden kaiserlicher Besitz und mit den etwas nördlicher gelegenen Horti Sallustiani verbunden. Im Frühmittelalter schlugen Kaiser Honorius (Flavius Honorius, 384-423; er war weströmischer Kaiser zwischen 395 und 423) und später der Feldherr Belisar (Flavius Belisarius, um 500/505-565) hier ihren Sitz auf. Damals endete der Glanz der Horti Luculliani. Mit dem Untergang des Römischen Reiches begann auch der langsame Verfall der prächtigen Anlage, die erst im 16. Jahrhundert als Villa Medici mit dem Kanonenkugelbrunnen davor eine ihrer Würde entsprechende »Auferstehung« feiern konnte.

Die Acqua Felice speist aber nicht nur den Kanonenkugelbrunnen, sondern auch die Fontänen und anderen Wasseranlagen der Villa, die wir auf den Spuren der Acqua Felice in der nächsten Folge entdecken werden.

Von Silvia Montanari