· Vatikanstadt ·

Die Ideen

Identische Würde

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26 September 2020

Schwestern, Schwesternschaft, Schwesterlichkeit. Sie stehen für Union, Gemeinschaft, Reziprozität unter Frauen. Der letztgenannte Begriff ist relativ neu, manche Leute bringen ihn – mit kritischen Obertönen – mit feministischen Praktiken in Verbindung, mit denen sie sich nicht identifizieren. Wir hoffen, dass es zur Reflexion anregt und den einen oder anderen prophetischen Funken enthält, wobei »Frauen – Kirche – Welt« beabsichtigt, die Fragen, die die Kirche und die Welt betreffen, mit den Augen und aus der Perspektive der Frauen zu sehen. Etwas, das beim An-die-Kirche-Denken bzw. im Denken der Kirche oft fehlt.

Die in dem Begriff »Schwesterlichkeit« enthaltene Reziprozität erinnert an zentrale Fragen der nachkonziliären Ekklesiologie. Lumen gentium lässt das Bild der Kirche als Gottesvolk aufleben, in dem alle Christen als Getaufte derselben Würde teilhaftig sind. Ein jeder hat Anteil am Leben und der Sendung Christi, des Priesters, Propheten und Königs. Es gibt keine Kategorien von Christen, sondern verschiedene Ämter, die mit derselben Würde ausgestattet sind. Infolgedessen ist die Kirche aufgerufen, die Synodalität im Sinne eines  gemeinsamen Vorangehens Aller zu leben. Die synodale Kirche ist partizipativ und mitverantwortlich (Internationale Theologenkommission, Die Synodalität in Leben und Sendung der Kirche, 67). Die Autorität der Bischöfe muss diese Teilnahme begünstigen und sanktionieren.

Reziprozität, Unentgeltlichkeit, Mitarbeit, die konstituierend sind für den Begriff der Schwesterlichkeit, sind auch grundlegende Bestandteile der Synodalität. Und folglich könnte das besondere Fingerspitzengefühl, das Frauen im Hinblick auf Beziehungen an den Tag legen, die Synodalität als konstitutive Dimension der Kirche begünstigen. Die Frauen haben Geschick darin bewiesen, die Mitwirkung aller bei den Prozessen, die alle betreffen, zu fördern. Wenn ihre Präsenz an den Orten, an denen Entscheidungen getroffen werden, einen missionarischen Impuls begünstigen kann, der das gesamte Gottesvolk mit einbezieht, dann lautet die Frage, ob wir offen sind für diese Art einer missionarischen Neuausrichtung der kirchlichen Strukturen (Evangelii gaudium, 27-31). Von einem psychologischen Standpunkt aus gesehen versetzen auf Gegenseitigkeit und Zusammenarbeit basierende Beziehungen die Menschen in die Lage, einen korrekten Gebrauch von Autorität zu machen. Wenn man weder imstande ist, Bruder oder Schwester zu sein, noch auf gegenseitiger Zusammenarbeit beruhende Beziehungen einzugehen, dann kann es schwerlich Autorität geben, die nicht von Missbrauch begleitet wird. Der Ansporn der Schwesterlichkeit kann dazu verhelfen, die Fälle von Machtmissbrauch zu läutern, die heute in der Kirche erfolgen. Aber sind wir auch bereit dazu, diese Anregung aufzugreifen? Es dürfte nützlich sein, über diese Frage und all jene nachzudenken, die sich daraus ergeben, samt der darin enthaltenen Provokation. Nicht nur Frauen untereinander sind Schwestern, man ist auch die Schwester von Männern.

Die neue Enzyklika von Papst Franziskus hat den Titel »Fratelli tutti«.

Marta Rodriguez