· Vatikanstadt ·

Ein faszinierendes Viertel der Ewigen Stadt

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100 Jahre »Garbatella« in Rom

18 September 2020

Hundert Jahre ist in der Ewigen Stadt Rom, 753 v. Chr. gegründet, eigentlich gar kein Alter. Und doch gibt es im Viertel Garbatella im Ostiense-Bereich allerhand zu feiern. Am 18. Februar 1920 legte der italienische König Viktor Emanuel III. den Grundstein. Danach wurden zunächst im sozialen Wohnungsbau 44 Häuser im Stil englischer Gartenstädte in Ocker- und Rosatönen gebaut, sogenannte »lotti«, kleine Gruppen von höchstens dreistöckigen Gebäuden mit Gesimsen, Bögen, Sprenggiebeln, Nischen und Muschelschalen, Treppen und Treppchen dazwischen. Das alles – ersonnen von einer Gruppe junger Architekten – im sogenannten römischen Barocchetto-Stil, genannt auch der »arme Barock«. Also keine Verwendung von Marmor, sondern von Ziegelsteinen und Baukalk. Auch viel Grünes dazwischen, Innenhöfe sowie Gemüsegärtchen wurden angelegt, ab und zu auch Pinien und Palmen gepflanzt.

Rund um das Gründungsdatum im letzten Februar gab es schöne Jubiläumsfeste, die eigentlich das ganze Jahr über hätten fortgesetzt werden sollen. Doch dann kam die Corona-Krise mit ihren Einschränkungen und machte einen Strich durch diese Rechnung. Jetzt wird, bei anhaltendem Versammlungsverbot und obligatorischem sozialem Abstand, eher wehmütig zurückgedacht und das Bestmögliche aus der neuen Lage gemacht. Doch die Faszination dauert an.

Menschliche Atmosphäre

»Das ist immer noch ein Viertel, in dem sich alle kennen und auf der Straße miteinander plaudern«, schwärmt Sara, die dort erst kürzlich hingezogen ist. Das gibt es in der Drei-Millionen-Hauptstadt Rom, wo die meisten höchstens noch ihren Flurnachbarn soeben grüßen, sonst kaum noch. Ganz wörtlich ist Sara zwar nicht zu nehmen. Immerhin wohnen dort auf drei Quadratkilometern Fläche heutzutage 44.600 Einwohner, die sich natürlich unmöglich alle persönlich kennen können. Aber Sara charakterisiert so die besondere menschlich warme Atmosphäre der Garbatella. Dazu muss die Baugeschichte und Bauweise des in den Ostiense-Stadtteil eingebetteten Viertels in Erinnerung gerufen werden, die das Wohlfühl-Klima zweifellos langfristig beeinflusst hat.

Viktor Emanuel glaubte damals, den Grundstein gelegt zu haben für ein Hafenarbeiterviertel: Ein Kanal sollte parallel zum Tiber von der Mündung in Ostia aus angelegt und darauf Handelsschiffe bis zu einem noch zu bauenden Hafen unweit der Garbatella geleitet werden. Das blieb ein unverwirklichtes Projekt. Doch das ist der Grund, warum die meisten Straßen der Garbatella nach großen Persönlichkeiten der Marine benannt wurden. 190 Familien zogen zwischen 1920 und 1921 in die ersten Häuser rund um die Piazza Benedetto Brin ein, benannt nach einem Turiner Schiffsbauingenieur, General und Minister vom Ende des 19. Jahrhundert. Sie trafen sich unten im Gärtchen, ackerten selbst herum, pflegten beste Nachbarschaftshilfe. Auf Waschbrettern im Innenhof wuschen Frauen die Wäsche, man saß auch auf Mäuerchen und klönte. Oder stillte sein Baby im Innenhof…

Danach kam der Faschismus mit Mussolini, der zwar auch eine soziale Ader zeigte, doch bei Bauprojekten eher an Macht- und Ruhmsymbole dachte. Die nächsten »lotti« waren sogenannte »schnelle Häuser«, architektonisch weniger ausgefeilt, aber noch stilgerecht. Ab 1923 wurden sie viel höher hochgezogen und immer mehr zur Umsiedlung von Römern aus anderen Teilen der Stadt bestimmt, auch von Barackenbewohnern. Mussolini baute die großartige Prachtstraße Via dei Fori Imperiali zum Kolosseum hin, auch die Straßenachse Via della Conciliazione zum Petersdom. Die alten Häuser dort wurden abgerissen, die meisten Anwohner in die Garbatella verlegt. Jene waren waschechte Römer, »il popolo romano« also, und das bestimmt bis heute das humane Klima des Viertels. In vielen Häusern wohnen seit Generationen dieselben Familien mit ihren Kindern und Kindeskindern. Selten, dass mal jemand wegzieht. Natürlich gibt es längst jede Menge origineller Lokale. Bars für Fußballclubs, Restaurants mit typisch römischen Gerichten, Pizza-Lokale und Pubs für die Jugend. Familien aus anderen Stadtteilen treffen sich dort zum Sonntagsmenü.

Seit einiger Zeit kommen aber auch immer mehr Italiener aus anderen Teilen des Landes zur Besichtigungstour. Dafür sorgte »I Cesaroni«, eine von 2006 bis 2014 ausgestrahlte populäre Familien-Fernsehserie, die in der Garbatella rund um die gleichnamige Bar Cesaroni spielte. Selbst Mailändern, die mitunter ein gespanntes Verhältnis zu Römern haben, machte diese Serie die Hauptstadtbewohner sympathischer. Immer wieder werden, auch heute noch, in der Garbatella Filmszenen oder auch ganze Filme gedreht. In bester Erinnerung, wie der vielfach preisgekrönte Regisseur und Filmschauspieler Nanni Moretti 1993 für seinen Streifen »Liebes Tagebuch« auf einer Vespa durch das Viertel fuhr. Überhaupt mauserte sich die Garbatella in den letzten Jahrzehnten auch zum beliebten Wohn- und Aufenthaltsort von Künstlern. Es gibt Streetart, originelle Läden, Galerien, das Theater Palladium, früher Kino, heute Kulturzentrum. Seitdem die Universität »Roma Tre« mitten in der Garbatella auch eine Niederlassung hat, blüht immer mehr das Studentenleben. Etliche Häuser wurden längst hübsch neu angestrichen, bei anderen fällt der Putz ab und sie sind stark renovierungsbedürftig. Doch auch diese Mischung zwischen alt und neu gemacht hat in der Garbatella einen gewissen Reiz.

Geistlicher Mittelpunkt

Die Garbatella hat aber auch Klöster und Gotteshäuser. Besonders bekannt ist »San Francesco Saverio alla Garbatella« an der Piazza Damiano Sauli, von Pius XI. 1933 zur Pfarrkirche erklärt. Der Baustil ist der Renaissance nachempfunden. Die Fassade besteht aus Travertin und Backstein, über dem Portal befindet sich ein Fenster mit Lunetten und dem Wappen des damaligen Papstes. Sie hat auch eine Rundkuppel. Eine Ölleinwand im Innern zeigt den Heiligen, der der Kirche den Namen gegeben hat. Auch die »Madonna del Divino Amore« (Muttergottes der göttlichen Liebe) aus einem nicht weit entfernten Marienheiligtum ist dargestellt. Der heilige Papst Johannes Paul II. verschaffte der Kirche internationalen Ruhm. Denn der Pole, erster Nichtrömer als Pontifex seit Jahrhunderten, besuchte sie wenige Monate nach seiner Wahl am 3. Dezember 1978 als erste römische Pfarrei.

Den Grund erklärte er dort in seiner Predigt. Es sei eine große Freude für ihn, so Johannes Paul, »die eurige [Pfarrei] zu besuchen, verbindet mich mit ihr doch eine besondere Erinnerung. Denn als ich mich unmittelbar nach dem Krieg als Student in Rom aufhielt, ging ich fast jeden Sonntag nach Garbatella, um im Seelsorgsdienst auszuhelfen. Manche Erfahrungen jener Zeit sind mir noch lebhaft in Erinnerung, auch wenn mir scheint, dass sich im Lauf von dreißig Jahren viele Dinge gewaltig verändert haben« (vgl. O.R. dt. Nr. 50/1978, S. 6). Zeitungs-, Radio- und Fernsehleute verbreiteten seine Worte weltweit. Denn in der ersten Zeit nach der Papstwahl begleiteten sie den Papst zu allen Terminen. Heutzutage ist dort Don Alessandro Pfarrer. Während des Lockdown mit Kirchenschließungen hielt er den Katechismusunterricht für die Kommunionkinder im Video über Youtube ab. Im Streaming gab es auch geistliche Exerzitien für die Jugend und das Rosenkranzgebet. Die Garbatella wird aber auch durchquert von der berühmten, über drei Kilometer langen »Via delle Sette Chiese« (Straße der sieben Kirchen). Dabei handelt es sich um eine Jahrhunderte alte Pilgerroute, die von der Via Ostiense in Höhe der Basilika Sankt Paul vor den Mauern aus bis hin zur Via Appia Antica in Katakombennähe verläuft. Unterwegs beten die Pilger in insgesamt sieben Kirchen, was heute noch zum Beispiel vor Ostern praktiziert wird.

König Viktor Emanuel wollte die Garbatella zwar »Borgata Giardini Concordia« nennen, doch der Name blieb letztlich genauso auf dem Papier wie das Kanalprojekt. Über den Ursprung der jetzigen Bezeichnung wird immer noch diskutiert. Die einen behaupten, sie gehe auf eine Taverne  zurück, die an der Straße der sieben Kirchen lag. Pilger kehrten dort ein und sprachen von der »garbata ostella«, einer »behaglichen Herberge«, wo man  ein Herz auch für Bedürftige hatte. Eine zum hundertjährigen Jubiläum erstellte Studie bezieht den Namen direkt auf die Wirtin und ihre Tochter.  Die Mutter hieß Maddalena Garbata, die Tochter Clementina wurde deshalb auch Garbatella genannt. Aber auch die Theorie hält sich, der Name gehe auf einen bestimmten Typ von Weinzucht namens »a garbata« zurück, die dort vor der Bebauung angewandt worden sei.

Christa Langen-Peduto