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Begegnungen mit den Menschen

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Franziskus und die Generalaudienzen

11 September 2020

Ganze 189 Tage sind vergangen, seitdem am 26. Februar die letzte Generalaudienz mit Gläubigen auf dem Petersplatz stattgefunden hat. Am 2. September war es nun endlich wieder so weit – nun allerdings im Damasus-Hof des Apostolischen Palastes. Sehr viel Zeit scheint vergangen zu sein, die aber noch um einiges länger erscheint, weil die Generalaudienzen dank der Katechesen, vielleicht aber vor allem auch dank der Gesten und der spontan eingefügten Worte des Papstes in sein vorbereitetes Manuskript, zu einem Termin geworden sind, auf den nicht nur die katholischen Gläubigen warteten, sondern auch viele der Kirche fernstehende Menschen, die die Liveübertragung des Papstes verfolgten.

Wie bei den Frühmessen im Gästehaus Santa Marta ist auch die Generalaudienz – in diesem Pontifikat mittlerweile über dreihundert – vor allem durch die Begegnung mit dem Volk Gottes geprägt. Das ist das Herzstück dieser Momente. Kurz sind die Predigten, die bei den Morgenmessen gehalten werden, und kurz sind auch die Katechesen bei den Generalaudienzen, die oft um Einfügungen aus dem Stegreif und nicht selten um Momente des Dialoges mit dem anwesenden Publikum angereichert werden. »Wenn man vorliest« – so sagte Franziskus einmal –, »dann kann man den Menschen nicht in die Augen schauen.«

Franziskus widmet bei den Generalaudienzen üblicherweise der Begegnung mit den Menschen, und insbesondere mit den Schwächsten, Kranken und Leidenden, sehr viel Zeit, mitunter überraschend viel Zeit. Die Letzten werden die Ersten sein. Einige dieser Begegnungen haben aufgrund der daraus resultierenden Botschaft einen universellen Wert angenommen. Dies ist etwa der Fall bei der Umarmung des Papstes mit Vinicio, einem Mann, der durch eine schreckliche Krankheit, die Neurofibromatose, entstellt ist. Die Bilder der Umarmung am Ende der Generalaudienz vom 6. November 2013 gingen um die Welt und bezeugten mehr als tausend Worte, was Franziskus meint, wenn er ausnahmslos alle Christen auffordert, diejenigen zu berühren, die die Wunden Christi leiden.

Tatsächlich ist es bei den Generalaudienzen nicht möglich, Worte und Gesten des Papstes voneinander zu trennen, denn das eine ist die Voraussetzung für das andere. So wie man, wenn man den Hirten mit seiner Herde sieht, der fast mit seiner Herde zur Einheit verschmilzt, erkennt, dass man den einzelnen Gläubigen nicht von der kirchlichen Gemeinschaft trennen kann. »In der Kirche«, so betont Franziskus gerade in einer Generalaudienz, jener vom 25. Juni 2014, »gibt es kein ›Selbermachen‹, gibt es keine ›Einzelkämpfer‹«, denn »wir sind Christen, weil wir zur Kirche gehören. […] Wenn der Name lautet ›Ich bin Christ‹, so lautet der Nachname ›Ich gehöre zur Kirche‹«.

Ebenso bedeutsam ist die Sprache, deren sich der Papst bei seinen Mittwochsaudienzen bedient, und dasselbe gilt für die Predigten in Santa Marta. Der Papst geht auf die zentralen Themen des christlichen Lebens ein, wobei er sich stets einer einfachen, für alle verständlichen Sprache bedient, die das Wesen des Glaubens an Jesus Christus erfasst. In einer Zeit, die vom religiösen Analphabetismus geprägt ist, wird der Papst »Katechet« und erklärt direkt, warum die Begegnung mit dem Herrn das Leben verändert und uns für eine Hoffnung öffnet, die niemals stirbt. In diesen siebeneinhalb Jahren haben seine Katechesereihen einen sehr weiten Raum umspannt: von den Sakramenten bis zur Barmherzigkeit, von der Eucharistie bis zu den Zehn Geboten, und Franziskus hat nicht versäumt, seine Meditationen auch zu grundlegenden Fragen des täglichen Lebens anzubieten: von der Familie bis zum Frieden, vom Aufruf zu einer gerechten und solidarischen Wirtschaft bis hin zur jüngsten Katechesereihe, die am vergangenen 5. August angefangen hat und sich auf das Thema »Die Welt heilen« konzentriert.

Der Papst weiß, dass die Kirche keine »Patentrezepte« bereithält, die aus der Krise führen, aber er will mit dieser jüngsten Katechesereihe gemeinsam mit allen Menschen guten Willens einen christlichen Blick auf die Probleme werfen, die die Pandemie ins Scheinwerferlicht gerückt hat, insbesondere die »sozialen Krankheiten«. Es handelt sich hierbei um ein Virus, das noch schwerer zu besiegen ist als Covid-19. Sicherlich wird ihm die Begegnung mit den Menschen, mit dem Volk Gottes, dem er sich so oft anvertraut hat und das er braucht, helfen, uns eine Perspektive der Hoffnung, Heilung und Erneuerung zu geben – wenn auch in einem neuen Kontext.

Von Alessandro Gisotti