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Mystik und Politik

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Schutzpatronin von Schweden und Europa

29 August 2020

Birgitta, Paladinin der Kirche


Birgitta von Schweden, eine Frau aus dem Hochadel, die Tochter Birger Peterssons, des Gouverneurs von Uppland, war Ehefrau, Mutter von acht Kindern, Witwe, Pilgerin, Ordensgründerin, Mystikerin und Prophetin. Wir haben es also mit einer starken, charismatischen Persönlichkeit zu tun, die durch ihre eng mit ihrer Berufung zur Politik verbundene religiösen Dimension zu einer einzigartigen Figur nicht nur innerhalb der Gesellschaft ihrer Zeit (dem 14. Jahrhundert), sondern auch in der heutigen Kirche wurde, die sie seit 1999 als eine der Schutzpatroninnen Europas anerkennt.

Der erste Aspekt, durch den sich Birgittas Leben auszeichnet, ist die Erfahrung der Pilgerschaft: die Tochter und Enkelin leidenschaftlicher Pilger kommt während einer abenteuerlichen Reise ihrer Mutter zum in Irland gelegenen Wallfahrtsort Cill Dara [Kildare] zur Welt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Ulf Gudmarsson pflegte sie zu Wallfahrtskirchen zu pilgern und kam dabei bis nach Santiago di Compostela; als Witwe unternahm sie aus Anlass des Heiligen Jahres 1350 eine lange Pilgerreise quer durch Europa. Von Schweden aus gelangt sie auf dem Weg über Deutschland und die Schweiz nach Mailand, um dem Grab des heiligen Ambrosius ihre Ehrfurcht zu erweisen; anschließend reist sie nach Pavia weiter, um die Reliquien des heiligen Augustinus zu verehren und schifft sich dann in Genua nach Ostia ein, um nach Rom weiterzureisen. Dort bleibt sie für einige Jahre und widmet sich der Armenfürsorge in einer verödeten Stadt, die durch die Abwesenheit des nach Avignon umgezogenen Papstes »zum Reich des Anstoßes« geworden ist.

Im Frühjahr des Jahres 1364 bricht sie zu einer Reise nach Mittel- und Süditalien auf, um die wichtigsten Wallfahrtsorte und die Gräber der Heiligen zu besuchen: Assisi (hl. Franziskus), Ortona (hl. Thomas), Monte Sant’Angelo (Erzengel Gabriel), Bari (hl. Nikolaus), Benevent (hl. Bartholomäus), Salerno (hl. Matthäus), Amalfi (hl. Andreas) sind die Anlaufstellen ihrer Pilgerfahrt, die im Heiligen Land endet, wo sie sich 1371 und ’73 aufhält. Von Jerusalem kehrt sie nach Rom zurück, wo sie im Juli desselben Jahres stirbt.

Während ihrer Wallfahrten nach Süditalien macht sie dreimal in Neapel Halt und nützt die Gelegenheit, um Königin Johanna und Bischof Bernhard an ihre Regierungspflichten zu erinnern: ein moralisch korrektes Benehmen, die gerechte Verteidigung der Armen, die Ablehnung der Praxis der Abtreibung, vor allem aber die Abschaffung des Sklavenhandels, da sie sich des Engagements ihres Vaters erinnert, der in Schweden die Sklaverei abgeschafft hatte: »Gott liebt alle, er hat sie alle geschaffen und hat sie alle erlöst.«

Der Gerechtigkeitssinn ist ein tragendes Element in Birgittas Leben. 1335, im Alter von 30 Jahren, wird sie von König Magnus II. als Hofmeisterin der Königsfamilie nach Stockholm gerufen. Hier bietet sie dem Königspaar nicht nur geistliche Ratschläge an, sondern greift, den Lehren ihres Vaters und den Anregungen des gelehrten Magisters Matthias von Linköping folgend, auch in Fragen der Finanz- und Justizverwaltung ein, unter besonderer Berücksichtigung der schwächsten Klassen der Gesellschaft. Matthias, ein Experte der Heiligen Schrift und feinsinniger Theologe, wird ihr Beichtvater und führt sie an eine ständige Betrachtung der Bibel und die Bekanntschaft mit den religiösen und politischen Fragen der Zeit heran und bereitet sie so auf ihre künftige Sendung vor.

Der Text der Heiligen Schrift nimmt einen zentralen Platz in Birgittas Glaubensweg ein: Wir haben ihr die erste Übersetzung der Bibel ins Schwedische zu verdanken, die sie König Magnus II. und seine Frau Blanche zur Hochzeit schenkte. Die Heilige Schrift, die gelesen, über die meditiert und kontempliert wird, stellt das Brennglas dar, mit dessen Hilfe sie jeden Aspekt der Kirche und Gesellschaft interpretiert, die am »lebendigen Wort« Gottes gemessen werden.

Das zweite Element, das Birgittas Leben charakterisiert, ist ihre Erfahrung, die sie befähigt, Mystik und Politik miteinander in Einklang zu bringen: also die enge Verbindung zwischen kontemplativen Erfahrungen, Berufung zur Prophetin und politisch-pastorales Engagement, die es ihr gestatten, die christliche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Aus diesem Grund kann sie als die Verfechterin der Reform in der Kirche betrachtet werden, wenn sie sich, als ihr die Offenbarungen zuteil werden, von Jesus als Botin eines umfassenden Erneuerungsprojektes in Europa erwählt fühlt. Ihre erste Aufgabe sieht sie darin, den Papst aus seinem französischen Exil zurückzurufen, damit er nach Rom zurückkehrt, um der Stadt ihre zentrale Stelle im christlichen Leben zurückzugeben und seine Aufgabe als Oberhirte neu zu überdenken. Diese sollte wieder stärker der spirituellen und evangeliumsgemäßen Dimension angemessen sein und von den Verstrickungen der Macht frei sein.

Aber Birgittas Aufmerksamkeit beschränkt sich keineswegs nur auf die Spitze der kirchlichen Hierarchie, die oft mit dem Stigma der Verderbtheit behaftet ist, sondern sie wendet sich an alle Gläubigen, die vor Gott als Getaufte alle gleich sind, und überwindet so die traditionelle Hierarchie der Perfektionszustände, die die Entscheidung für die Jungfräulichkeit an die erste Stelle setzte. Für die schwedische Heilige war der Ehestand nicht nur »nicht vom Himmel ausgeschlossen«, sondern war vielmehr als entscheidende Erfahrung des christlichen Lebens zu verstehen. So wird ihr Frau-, Laiin-, Ehefrau- und Mutter-Sein zu jenem Blickwinkel, der es ihr gestattet, den Laienstand neu zu bewerten und zu unterstreichen, dass die Menschen auf der Grundlage ihres Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes und ihrer Treue zum Evangelium zu beurteilen sind, nicht aber aufgrund ihres Lebensstandes (Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen; Laiinnen oder Ordensfrauen).

Diese ihre Interventionen waren auch das Ergebnis eines intensiven Dialoges mit der Jungfrau Maria, die eine ständige Ratgeberin und ein Bezugspunkt für sie war, weshalb sie auch als marianische Heilige definiert werden kann. Tatsächlich ist Maria die Protagonistin des Reformwerks, das zu vollbringen die schwedische Heilige berufen ist. Maria ist es, die sie dazu auffordert, den Päpsten Urban V. und Gregor XI. zu schreiben, um sie zur Rückkehr nach Rom zu bewegen. Maria ist die politische Ratgeberin bei ihren Beziehungen zum Erzbischof von Neapel, zur Königin Johanna und zu Königin Eleonore von Zypern. Während ihres Aufenthaltes in Alvastra erscheint Maria höchstpersönlich vor Birgitta, um sie mit einer prophetischen Sendung in der Kirche zu beauftragen: der Gründung eines ihr geweihten Doppelklosters (für Männer und für Frauen) zur Bekehrung der Christen. So entsteht der Orden des Allerheiligsten Erlösers, eine religiöse Doppelgemeinschaft, welche die Präsenz von 13 Mönchen (der Zahl der Apostel unter Einbeziehung auch des heiligen Paulus), von vier Diakonen (zu Ehren der Väter der ungeteilten Kirche), von acht Laienbrüdern und 60 Ordensfrauen (die für die 72 Jünger standen) vorsieht, die alle von einer Frau, der Äbtissin, abhingen, die für Maria, caput et domina des Klosters, stand. Das Vorbild, das Birgitta beim Entwurf dieser von einer Frau geleiteten Gemeinschaft vorschwebte, ist jenes der an Pfingsten versammelten Urkirche: Die Mutter Jesu ist auch die Mutter der Jünger und der im Entstehen begriffenen Kirche. Die Äbtissin repräsentiert sie und erkennt ihre Autorität an; sie kann das geweihte Brot aussetzen und muss, in Nachahmung der Vorherrschaft der Jungfrau im Himmel als Oberhaupt und Königin der Apostel und der Jünger Christi, über alle – Kleriker und Laien, Männer und Frauen – herrschen.

Bei Birgitta nimmt das marianische Prinzip die Färbung einer unbestrittenen Befehlsgewalt der Frauen an, aber obwohl Papst Urban V. 1370 den Orden genehmigte, wurde die weibliche Ordensleitung nie in vollem Umfang verwirklicht, weil die beiden Gemeinschaften dazu gedrängt werden, getrennt zu leben. Es ist aber wichtig, dass sie die allererste Frau war, die einen vereinten monastischen Doppelorden entworfen hat, mit Priestern, Diakonen, Laienbrüdern und Nonnen, die alle der Autorität der Äbtissin unterworfen waren.

Schließlich konsekrieren die in acht Bänden gesammelten Offenbarungen, von denen bereits die Rede war, die schwedische Heilige zu einer der repräsentativsten Mystikerinnen der christlichen Tradition. Dank ihrer Visionen fügte sie auch einige Details in den Bericht der Weihnachtsgeschichte ein (Maria und Joseph, die zu Seiten des Kindes knien), die die Ikonographie zutiefst beeinflussen sollten, ein Beweis für den wechselseitigen Austausch zwischen der mystischen Erfahrung und der Welt der Bilder.

Ich denke, dass man unter den mannigfaltigen Aspekten dieser außergewöhnlichen, noch immer so aktuellen Gestalt die Bedeutung hervorheben kann, die sie der marianischen und der weiblichen Dimension im Christentum zuschreibt, die für die Reform der Kirche unerlässlich ist und eine neue theologische Sprache inspiriert.

Von Adriana Valerio
Historikerin und Theologin, Dozentin für Geschichte des Christentums und der Kirchen an der Universität Friedrich II. in Neapel


Birgitta Birgersdotter


Geboren 1303 in Finsta
Gestorben am 23. Juli 1373 in Rom
Verehrt in der Katholischen Kirche und von den Lutheranern
Heiligsprechung durch Bonifatius IX. am 8. Oktober 1391
Gedenktag: 23. Juli
Schutzpatronin von Schweden, eine der Schutzpatroninnen Europas


Die Krone der Birgitten


Das charakteristischste Element des Habits der Birgitten ist die Krone aus weißen Leinenstreifen, die sie auf dem Kopf tragen und die mit eines Sicherheitsnadel am Schleier befestigt wird; auf die Krone sind fünf kreisrunde Punkte aus rotem Stoff aufgenäht, die in Kreuzform angeordnet sind (einer auf der Stirn, einer hinter dem Kopf, zwei über den Ohren und einer auf dem Scheitelpunkt). All diese Zeichen erinnern an die Passion Christi (das Kreuz, die Dornenkrone, die fünf Wundmale).