· Vatikanstadt ·

Und er antwortete: »Das ganze Leben«

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Gabriel García Márquez’ »Die Liebe in den Zeiten der Cholera«

24 Juni 2020

Gibt es etwas Ansteckenderes als die Cholera? Ja doch, die Liebe, und wenn man sich erst einmal mit diesem Virus angesteckt hat, dann bleibt es gar noch länger viral als jenes der Cholera. Genau gesagt: »Das ganze Leben«, eine Formulierung, die eines von Gabriel García Márquez’ Meisterwerken abschließt und besiegelt, Die Liebe in den Zeiten der Cholera, 1985 erstmals veröffentlicht, das erste Werk des Verfassers, das nach der Verleihung des Literaturnobelpreises (1982) das Licht der Welt erblickte.

»Einen im 19. Jahrhundert angesiedelten Roman so schreiben, wie man im 19. Jahrhundert schrieb«: das war das mit feiner Ironie zum Ausdruck gebrachte Ziel des kolumbianischen Schriftstellers mit mexikanischem Pass, der eine ergreifende und anrührende Hymne auf die Liebe verfasst, in der Vergils Verse  aus der Aeneis nachklingen: Omnia vincit amor. Tatsächlich ist das zentrale Thema des (in Cartagena de Indias angesiedelten) Werkes die überwältigende Leidenschaft, die Florentino Ariza für Fermina Daza empfindet. Er ist ein melancholischer Mann, der die Lyrik liebt, ein Brillenträger mit dicken Linsen, die »schreckhafte Augen« schützen; sie hingegen ist eine Schönheit und nennt einen starken Charakter ihr eigen, gepaart mit Dickköpfigkeit und Stolz.

Eine ganze Reihe von Wechselfällen legt den beiden Hindernisse in den Weg, aber Florentino Ariza gibt sich nie geschlagen. Es dauert »dreiundfünfzig Jahre, sieben Monate und elf Tage und Nächte«, bis der Protagonist seinen Traum verwirklicht sehen kann: in jenem Augenblick wird er dann erkennen, dass dreiundfünfzig Jahre »nur ein Zeitraum sind, weiter nichts. Ein Zeitraum voller Hoffnung«. Der Zusammenhang, den der Verfasser herstellt zwischen der Verliebtheit und der Cholera, die jener Epoche, in der der Roman angesiedelt ist, zusetzt und ihr zu schaffen macht, ist keineswegs ein Zufall, sondern funktionaler Art. Florentino vertraut die Aufgabe, der Geliebten die Reinheit und die Glut seiner Gefühle mitzuteilen, auch einem Brief an. Das Warten auf Ferminas Antwort nimmt so krampfartige Züge an, dass sowohl seine Psyche als auch sein Körper darunter leiden: er übergibt sich, bekommt Durchfall und wird ohnmächtig. Seine Mutter Tránsito Ariza macht sich Sorgen. Sie ist überzeugt, dass er an Cholera erkrankt sei und bestellt seinen Paten, einen Homöopathen, ein. Auch dieser denkt im ersten Augenblick, dass Florentino sich mit dieser furchtbaren Krankheit angesteckt habe: aber er hat kein Fieber, keine Schmerzen. Und so kommt es zur Enthüllung: »Ein listiges Verhör, erst des Kranken, dann der Mutter, genügte dem Homöopathen, um wieder einmal festzustellen, dass die Symptome der Liebe denen der Cholera gleichen.«

Das Leben derer, die sich mit dieser Krankheit anstecken, gerät völlig aus den Fugen: In einem Zustand der Besinnungslosigkeit lassen sie sich zu Aktionen hinreißen, die sie in gesunden Tagen nicht einmal im Traum in Erwägung ziehen würden. Liebe und Cholera werden also eins unter dem Schutz und Schild einer »Pathologie«, die einerseits zeichnet und tiefe Narben hinterlässt, andererseits aber mit kathartischer Kraft stärkt und adelt. Florentino hatte jahrelang seine Liebe auf viele Frauen verschwendet, ohne Fermina je zu vergessen. Er hatte das gelernt – so García Márquez –, »was er schon oft unbewusst durchlitten hatte: dass man in mehrere Personen gleichzeitig verliebt sein kann und, ohne eine zu betrügen, in alle gleich schmerzlich. Das Herz hat mehr Kammern als ein Bordell.« Aber die für Fermina empfundene Leidenschaft ist stärker als alle anderen Leidenschaften, erhöht sie geradezu, indem sie sie zu einem einzigen Gefühlskern verschmelzen lässt. Und die Liebe zu Fermina ist wie die Cholera: Sicher, es gibt auch andere ansteckende Krankheiten, aber die Cholera ist von einer so starken Virulenz, dass sie sich als unerbittlich und erbarmungslos erweist. Und folglich tödlich. Der grundlegende Unterschied besteht allerdings in der Tatsache, dass Florentino dem Liebes-Virus nicht erliegt, sondern dass es ihm – nach einem langen Leidens- und Reifeweg – gelingt, es zu zähmen und in eine unerschöpfliche Quelle des Glücks zu verwandeln.

Florentinos Heldenmut besteht darin, sich vom Liebes-Virus anstecken zu lassen, obwohl er sich objektiv über das Leiden im Klaren ist, das eine offene, ungefilterte, ohne Verstellung und Barrieren gelebte Aussetzung gegenüber den Infektionsherden verursacht. »Es kommt vor«, so García Márquez, »dass du mit dem Leben eines anderen Menschen in Berührung kommst, dich verliebst und beschließt, dass das Wichtigste ist, diesen Menschen zu berühren, zu erleben, die Melancholien und Ängste miteinander zu teilen, bis an den Punkt, wo man sich im Blick des andern wiedererkennt.«

Und gerade dank des Blickes – Ausdruck der perfekten Alchemie, die zwischen den beiden Liebenden herrscht – kann der Versuch, den anderen zu erobern, die zerstörerische Macht der Zeit zu besiegen, dahin gelangen, wohin Worte, wie weise und passend sie auch sein mögen, nicht vordringen können. Ein Blick, der der Koordinaten von Raum und Zeit ebenso spottet wie die Wetterunbilden – Streitereien, Augenblicke der Untreue, Unverständnis –, die sich im Lauf von 53 Jahren entfesselt haben. »Das Mädchen«, so liest man an einer Stelle des Romans, »hob jedoch den Blick, um nachzusehen, wer da am Fenster vorbeiging. Dieser beiläufige Blick war der Ursprung einer Gemütserschütterung, die ein halbes Jahrhundert später noch immer andauerte.«

Florentino, der sich mit Liebes-Cholera angesteckt hat, kämpft keineswegs nur um die Eroberung der geliebten Frau: es ist auch ein Kampf gegen die Zeit, den es geduldig zu führen gilt, um nicht von ihr überwältigt zu werden. »Er war noch zu jung«, betont García Marquez, »um zu wissen, dass die Erinnerung des Herzens die negativen Erinnerungen auslöscht und die guten hervorhebt, und dass wir es dank dieses Kniffs fertigbringen, die Vergangenheit zu ertragen. Aber als er von der Reling des Schiffes aus die weiße Landspitze des Kolonialviertels sah, die Geier, die unbeweglich auf den Dächern sitzen, die Unterwäsche der Armen, die zum Trocknen auf den Balkonen aufgehängt wurde, erst in dem Augenblick verstand er, bis an welchen Punkt er eine leichte Beute der barmherzigen Fußangeln der Nostalgie geworden war.« Florentino erweist sich also an zwei neuralgischen Fronten als siegreich: jener der Liebe und jener der Zeit. Im Übrigen gereicht ihm seine sture und hartnäckige Entschlossenheit keineswegs zum Nachteil. »Seit meiner Geburt«, sagt er, »habe ich kein einziges Mal etwas gesagt, was nicht im Ernst gemeint gewesen wäre.«

Und als der Kapitän (eine der Romanfiguren) am Schluss Florentino Ariza und die »ungeheuerliche Kraft seiner Inspiration« und seine »unerschrockene Liebe« schaut, »erschrak [er] über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.« Geradezu pikiert fragt ihn der Kapitän, wie lange er glaube, dass dieses »Hin und Zurück« durchgehalten werden könne, und bezieht sich dabei auf die Liebesgeschichte mit Fermina. Unerschütterlich wie ein Fels hatte Florentino die Antwort bereits seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten bereit: »Das ganze Leben«, sagte er.

Von Gabriele Nicolò