· Vatikanstadt ·

Ich, eine Jüdin, lehre Neues Testament (das jüdische Geschichte ist)

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Lebenszeugnisse

27 Juni 2020

Im Juni 1963 ließ mich meine Mutter im Fernsehen die Exequien Papst Johannes’ XXIII. anschauen, da er, wie sie sagte, »eine Wohltat für die Juden war«. Ich lernte, dass der Papst in Italien lebte (das ich mit Spaghetti gleichsetzte), dass die Menschenmengen ihm zujubelten und dass er eine Wohltat für die Juden war.

Ich sagte zu meiner Mutter, dass ich Papst werden wollte. Darauf antwortete sie: »Das kannst du nicht.« – »Warum nicht?« – »Weil du keine Italienerin bist.«

Im selben Jahr sagte ein kleines Mädchen zu mir: »Du hast unseren Herrn getötet.« »Stimmt gar nicht«, antwortete ich ihr. Wenn man jemanden umbringt, dann müsste man das ja wissen. »Doch, das hast du«, sagte sie. »Das hat unser Pfarrer gesagt.« Ich war davon überzeugt, dass der Pfarrer einen ganz besonderen Kragen trüge und dass dieser Kragen ihn, wenn er gelogen hätte, erstickt haben würde (im Rückblick finde ich das eine gute Idee). Also musste wirklich ich an Gottes Tod schuld sein. Als ich in Tränen aufgelöst nach Hause kam, versicherte mir meine Mutter, dass der Priester im Unrecht war und dass ich niemanden getötet hätte. (1965 bestätigte Nostra aetate dann die Lehre meiner Mutter).

Meine Eltern sagten mir, dass Christen und Juden denselben Gott anbeten. Wir lesen dieselben Bücher, wie etwa die Genesis und die Psalmen. Wir lieben unseren Nächsten, wie es uns Levitikus 19 vorschreibt. Sie sagten mir auch, dass die Christen von einem jüdischen Mann namens Jesus sprechen.

Wie kam also ein Priester, der das alles doch eigentlich wissen sollte, dazu, mich des Gottesmordes zu beschuldigen? Entschlossen, diese antijüdische Lehre zu korrigieren, bat ich, am Katechismusunterricht der katholischen Kirche teilnehmen zu dürfen. (Anfangs dachte ich, der Priester hätte einen Übersetzungsfehler gemacht. In der Synagoge lernte ich Hebräisch und wusste, dass Fehler unterlaufen können. Damals hat mir niemand gesagt, dass das Neue Testament auf Griechisch verfasst ist). Meine weisen Eltern gaben ihre Zustimmung. »Solange du dich nur daran erinnerst, wer du bist«, sagten sie, »geh ruhig und lerne. Es ist gut, die Religion unserer Nächsten zu kennen.«

Ich liebte diesen Unterricht (vermutlich als einziges unter den Kindern). Die Geschichten erinnerten mich an Geschichten, die ich in der Synagoge gehört hatte. Das Jesuskind wäre beinahe getötet worden, genau wie Mose als Kind. Jesus erzählt Gleichnisse und heilt Menschen, genau wie andere Juden in der jüdischen Geschichte.

Später wurden mir bei der Lektüre des Neuen Testaments zwei Dinge klar. Vor allem, dass meine katholischen Freunde wussten, was die Evangelien sagen, aber dass sie mich liebhatten. Da wurde mir klar, dass wir entscheiden, wie wir lesen. Zweitens wurde mir klar, dass das Neue Testament jüdische Geschichte ist.

Heute unterrichte ich Studenten, die sich darauf vorbereiten, Priester und Religionslehrer zu werden. Im Frühjahr 2019 war ich die erste Jüdin, die am Päpstlichen Bibelinstitut ein Seminar über das Neue Testament hielt. Im selben Zeitraum haben Marc Brettler und ich Papst Franziskus den von uns herausgegebenen Band The Jewish Annotated New Testament präsentiert.

Es ist eine Berufung und eine Freude, den Christen dabei zu helfen, das Neue Testament ohne falsche Stereotypen gegen die Juden zu lesen und den Juden zu zeigen, dass das Neue Testament Teil unserer Geschichte ist. Ich bete Jesus nicht an, aber ich finde die Geschichten, die er erzählt hat wie auch jene, die ihn betreffen, nach wie vor faszinierend und inspirierend.

Von Amy-Jill Levine