Die Päpste und der Tabak

Papst Pius IX. auf einer Münze aus dem Jahr 1863. Auf der Rückseite die Tabakmanufaktur im römischen Stadtviertel Trastevere.

11 Juni 2020

Die Einstellung der Päpste zum Tabak erfuhr in der jüngeren Zeit eine Wende. Von einer einstigen Förderung des Rauchwerks kam es zu einem umfassenden Rauchverbot und dem Verbot des Verkaufes von Zigaretten in der Vatikanstadt.

Eine frühe Nachricht über den Gebrauch des Tabaks findet sich in dem Bericht eines Eremitenmönches, Frà Romano Pane, an Papst Alexander VI. (Rodrigo Borgia, 1492-1503). Der Ordensmann war Christoph Columbus auf seiner zweiten Reise von dem Borgia-Papst mitgegeben worden. Auf der Insel Hispaniola, dem heutigen Haiti, hatte Pane beobachtet, wie die indianischen Priester und Medizinmänner den Tabak als Wundkraut benutzten.

Kardinal Prospero Publicola di Santa Croce (1513-1589) war der Botschafter des Papstes am portugiesischen Hof gewesen. Als er von seiner diplomatischen Mission in Lissabon nach Rom zurückkehrte, brachte er Tabaksamen als Geschenk für Pius IV. (Gian Pietro Carafa, 1559-1565) mit. Der Papst übergab das kostbare Pflanzgut den Zisterziensermönchen der Ewigen Stadt. Für eine Reihe von Jahren verblieb das sonderbare Kraut in den Kräutergärten der Ordensleute und diente ausschließlich als Heilmittel. Die Pflanze, zunächst als »erba santa – heiliges Kraut« bekannt, erhielt später den lateinischen Namen »nicotiana rustica«, so benannt nach Jean Nicot, dem französischen Botschafter in Portugal, der zeitgleich mit dem Kardinal den Samen nach Frankreich brachte.

Der erste Anbau von Tabak in den Päpstlichen Staaten, der nicht ausschließlich zu medizinischen Zwecken geschah, fand in den Marken statt, in Chiaravalle, einem Kloster des Zisterzienserordens. Die Mönche erzeugten aus den getrockneten Blättern der Pflanze mit primitiven Steinmühlen ein Pulver, aus dem Schnupftabak gewonnen wurde. Nur wenige Jahre nachdem Kardinal Prospero di Santa Croce die Tabakpflanze nach Italien gebracht hatte, sorgte ein anderer Purpurträger für einen weiteren Meilenstein in der Geschichte des Tabaks. Während eines Empfangs bei dem römischen Fürsten Virginio Orsini wurde Kardinal Cesario vom Hausherrn ein Gegenstand gezeigt, den der Adelige kurz zuvor in London erworben hatte. Das Objekt – unter dem Name »Pfeife« bekannt – fand das Interesse des Geistlichen. Der Kardinal begeisterte sich so sehr für die Möglichkeit, den Tabak auf diese Weise zu genießen, dass er die Pfeife um das Jahr 1590 am päpstlichen Hof einführte – von dort aus fand sie Heimstatt und Verbreitung in Rom und im ganzen Herrschaftsgebiet des Papstes.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde erstmals ein kirchliches Rauchverbot ausgesprochen; es betraf jedoch nur den Missbrauch in einigen Gotteshäusern und wandte sich nicht gegen das Rauchen generell. Papst Urban VIII. (Maffeo Barberini, 1623-1644) erließ am 30. Januar 1642 eine Bulle, die sich gegen bestimmte Ausuferungen in spanischen Kirchen wandte. Als der Papst die Strafe der Exkommunikation nicht ausschloss, erntete er den Spott der Römer. An der Statue des Pasquino war zu lesen: »Gegen ein Blatt, das vom Winde fortgerissen wird, gehst du mit Macht vor, und einen dürren Halm verfolgst du«. Der Spruch gefiel dem Papst und er versprach dem Verfasser großzügig fünfhundert Scudi Belohnung. Pasquino antwortete: »Gib sie dem Hiob.« Die Worte waren nämlich dem Buch Hiob, Kapitel XIII, Vers 25, entnommen.

Die Bestimmungen der Bulle wurden nur in Spanien durchgeführt – dort aber rigoros: In Santiago mauerte man im Jahre 1692 fünf Mönche ein, weil sie sich während religiöser Zeremonien wiederholt nicht an das päpstliche Rauchverbot gehalten hatten. 1650 verfügte Innozenz X. (Giovanni Battista Pamphilj, 1644-1655) ein Rauch- und Schnupfverbot für Sankt Peter. Bei einem Hochamt in der Basilika hatte der Papst beobachtet, wie sich sogar hochstehende Mitglieder seines Hofstaates mehr an der Konsumierung des Tabaks erfreuten als an der feierlichen Liturgie.

Am 17. Oktober 1711 regelte dann Papst Klemens XI. (Giovanni Francesco Albani, 1700-1721) durch eine eigens erlassene Bulle den Verkauf des Genussmittels durch die römischen Tabakhändler. Das Rauchen und Schnupfen nahm in  der Öffentlichkeit wieder geordnetere Dimensionen an. Benedikt XIII. (Pietro Francesco Orsini, 1724-1730) hob im Jahre 1725 alle kirchlichen Zensuren auf, die auf den Tabakgenuss (oder vielmehr auf dessen Missbrauch) standen; er erlaubte zudem den Klerikern den Gebrauch von Tabak, ermahnte sie jedoch, »dabei keinen Anlass zum Ärgernis zu geben« und untersagte es, »die Tabakdose herumzureichen, während man im Chor sitzt und die Gebete verrichtet«.

1740 entstand im römischen Stadtteil Trastevere eine Tabakmanufaktur. Für den Betrieb ihrer hydraulischen Mühlen nutzte die manufattura das Wasser der Acqua Paola beim Gianicolo. Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740-1758), ein begeisterter Raucher und Schnupfer, schaffte am 21. Dezember 1757 die Tabaksteuer ab. Von diesem Zeitpunkt an waren für einige Jahrzehnte die Aussaat, die Ernte und der Verkauf des Tabaks auch Privatleuten möglich. In Rom selbst gab es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts drei große staatliche Manufakturen: In Santa Maria dell’Orto wurden leichte Zigarren hergestellt, im Hospiz von San Michele schwere Zigarren und im Konvent von S. Margerita Schnupftabak.

Im Jahre 1779 erteilte Papst Pius VI. (Giannangelo Braschi, 1775-1799) dem deutschen Kaufmann Peter Wendler die Konzession für eine Tabakmanufaktur in Rom; in ihr wickelte man die berühmten bastoni di tabacco (»Tabakstäbe«). Eine Jahr später verfasste Wendler eine vielbeachtete Anleitung für die Kultivierung des Tabaks im Kirchenstaat – die Istruzione per la coltivazione del Tabacco nello Stato Pontificio. Während der Okkupation des Kirchenstaates durch die Franzosen schufen die Besatzer in der Ewigen Stadt die Regia dei sali e tabacchi; sie erhielt ihren Sitz in einem Ordenshaus, dem Convento S. Caterina a Magnapoli. Im Jahre 1815, nach dem Sturz Napoleons, bestätigte Papst Pius VII. (Barnaba Chiaramonti, 1800-1823) die Einrichtung und die Statuten der Regia.

Um das Jahr 1830 wurden in Cori bei Rom die Hersteller des Moro di Cori verpflichtet, die Blätter als Schnupftabak an die Würdenträger des päpstlichen Hofs zu verkaufen; 1831 führte Gregor XVI. (Bartolomo Alberto Cappellari, 1831-1846) die Kultivierung dieses Tabaks in ein Staatsmonopol über. 1850 begann man in der päpstlichen Legation von Umbrien mit dem Anbau des Kentucky; Versuche, dort auch die Brasil und andere Sorten zu kultivieren, führten zu eher unbefriedigenden Ergebnissen.

1851 erließ Kardinalstaatssekretär Giacomo Antonelli im Namen Pius’ IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846-1878) die Verordnung, den Tabakkonsum im Herrschaftsgebiet des Papstes nicht zu behindern. 1852 später wurde in den Päpstlichen Staaten eine Aktiengesellschaft der »Regia del tabacco« gegründet; die Leitung war einem Beamten der Kurie anvertraut worden, der als Gestore die Geschäfte des Unternehmens führte. Die päpstliche Regierung hielt 65% der Aktienanteile der Gesellschaft. Jahre später verfügte Pius IX. den Bau einer neuen großen Tabakmanufaktur in der Ewigen Stadt; noch heute dienen deren Baulichkeiten der Generaldirektion der »Autonomen Verwaltung der italienischen Staatsmonopole«.

Die Vorliebe Pius’ IX. für den Schnupftabak war allerorts bekannt, ebenso die seines Nachfolgers Leo XIII. (Gioacchino Pecci, 1878-1903) Die Leidenschaft des Pecci-Papstes für dieses Genussmittel wurde sogar in der Weltliteratur verewigt. In seinem Roman Rome berichtete Emile Zola, dass die Soutane, die der Papst trug, sich voll braunen Schmutzes zeigte, der längs der Knöpfe heruntergerieselt war; auf dem Schoße habe er ein großes Schnupftuch gehabt. Pius X. (Giuseppe Sarto, 1903-1914) trug Sorge dafür, dass es seinen Mitarbeitern und Besuchern nicht am Tabakgenuss mangelte. Zu bestimmten Anlässen ließ er ihn den Bediensteten seines Hofstaates als Gratifikation zukommen. Bei einem seiner Spaziergänge durch den Apostolischen Palast, der ihn am Quartier der Nobelgarde vorbeiführte, bemerkte er, wie aus diesem ein feiner Tabakgeruch herausdrang. Von diesem Tage an konnten sich die aristokratischen Leibwächter des Heiligen Vaters an einer alljährlichen päpstlichen Zigarrenspende erfreuen.

Über das Verhältnis Papst Benedikts XV. (Giacomo della Chiesa, 1914-1922) zum Tabak ist recht wenig bekannt. Pius XI. (Achille Ratti, 1922-1939) wusste eine gute Zigarre zu schätzen, er bevorzugte vor allem toskanische; er rauchte sie zumeist nach den Mahlzeiten. Pius XII. (Eugenio Pacelli, 1939-1958) nahm viele Jahre Schnupftabak zu sich, bis er bedingt durch eine schwere Lungenentzündung darauf verzichten musste. Von Johannes XXIII. (Giuseppe Angelo Roncalli, 1958-1963) ist bekannt, dass er Zigaretten konsumierte. Auch der ansonsten eher asketische Papst Paul VI. (Giovanni Battista Montini, 1963-1978) rauchte. Der Montini-Papst bot bei Staatsbesuchen den Gästen während der Gespräche in seiner Privatbibliothek Rauchwaren an.

Papst Johannes Paul II. (Karol Wojtyla, 1978-2005) galt als Nichtraucher – was möglicherweise eine drastische Verordnung vom 1. Juli 2002 ein wenig verständlich macht. An diesem Tag trat durch ein von der Päpstlichen Kommission für den Staat der Vatikanstadt erlassenes Gesetz ein umfassendes Rauchverbot für den Kirchenstaat in Kraft; es gilt auch für vatikanische Dienstfahrzeuge und die exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls. Die Gendarmerie des Vatikans wurde damit beauftragt, die Einhaltung des Verbotes zu überwachen. Begründet wurde das Gesetz mit einem neuen Gesundheitsbewusstsein und der Vermeidung eines Suchtverhaltens.

Mit dem Datum vom 1. Januar 2018 ging Papst Franziskus noch einen Schritt weiter. Er verfügte, dass im Vatikan keine Zigaretten mehr verkauft werden dürfen.

Ulrich Nersinger