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Religiöse Grenzen

Die erste katholische Militärseelsorgerin der Schweiz

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27 Juni 2020

Die im Irak geborene Lusia Shammas ist verheiratet mit einem Priester


Lucia Shammas ist seit 2017 Militärseelsorgerin des Schweizer Bundesheeres. Die gebürtige Irakerin ist eingebürgerte Schweizer Staatsbürgerin. Sie kam 1996 nach Fribourg, um Bibelwissenschaften zu studieren, ihre Muttersprache ist Aramäisch, heute spricht sie aber auch fließend Englisch, Französisch, Deutsch, Arabisch, Italienisch und versteht auch Kurdisch. Sie hat die humanitäre Organisation »Le Sourir du Prochain« ins Leben gerufen. Sie ist verheiratet mit dem Theologen Naseem Asmaroo, Priester der chaldäisch-katholischen Kirche. Beide engagieren sich für die Förderung des kulturellen und ökumenischen Dialoges.

Ich bin in einer durch die Verfolgungen und die Kriege gemarterten Kirche geboren, und wie bereits meine Mutter hat auch die Kirche mich gelehrt, nicht zu hassen, auch wenn ich dazu allen Grund gehabt hätte, und zu akzeptieren, mein Kreuz bis ans Ende zu tragen. Die Kirche hat mir dabei geholfen, am Glauben festzuhalten. Wie oft haben wir Iraker unsere Kirchen und unser Leben wiederaufbauen müssen, ohne die Freude zu verlieren?

Ich bin in einem Bergdorf an der Grenze zwischen dem Irak und der Türkei zur Welt gekommen, man kann also sagen, dass ich vom ersten Augenblick an auf einem Grenzgrad gewandert bin: zwischen zwei Grenzen, zwei Ländern, und dann zwei Modalitäten bzw. Gegebenheiten. Ich habe damit nie aufgehört: heute lebe ich in der Schweiz, und bin die erste Frau, die katholische Militärseelsorgerin ist.  Und ich bin die Frau eines chaldäischen Priesters.

Im Irak sind wir mit meiner Familie oft umgezogen, wir sind unentwegt umgezogen und haben dabei immer wieder bei Null angefangen, wie viele andere Christen dort. Die aufeinander abfolgenden Kriege haben unsere Geschichte in Stücke geschlagen und wir mussten sie unentwegt reparieren, um unsere Wurzeln und unsere Lebensquellen wieder zusammenzufügen, oder, besser gesagt, um wahrzunehmen, um nicht zu vergessen, woher wir kommen. Ich war ein rebellisches Mädchen, das achte Kind in einer Familie mit fünf Jungen und fünf Mädchen. Ich stand im Ruf, mir selbst zu meinem Recht zu verhelfen, die Schwächeren zu verteidigen. Eines Tages – ich war erst zehn Jahre alt – wollte ich mit meinen Freundinnen spielen gehen, aber mein Vater hat »Nein« gesagt. Da hat meine Mutter geschrien: »Lass sie gehen, ich habe keine Angst um Lusia, noch nicht einmal, wenn sie mitten in eine bewaffnete Truppe hineingerät!«

Die Psychiater werden euch sagen, dass ein einziger Satz euer ganzes Leben verändern kann. Und so war es denn auch. Diese Worte meiner Mutter hatten eine enorme Auswirkung auf meine Entscheidungen. Meine Mutter sagte mir auch: »Das Wesentliche im Leben ist der Glaube, alles andere ist vergänglich.«

Als ich fünfzehn war, habe ich erstmals Ordensfrauen gesehen, und ihr Leben hat mich angezogen. Einer der Gründe für meine religiöse Berufung war, dass die Kirche den Frauen, auch den starken Frauen, Raum gewährte. In Ländern wie dem Irak spielen die Ordensfrauen eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, inmitten der Armen, der Leidenden, um ihnen materielle Hilfe anzubieten und Zeugnis von der Gnade Gottes abzulegen.

Zur Zeit meines Postulats in Mossul war meine beste Freundin ein muslimisches Mädchen, das den Schleier trug. Sie hieß Amal, war eine Dichterin und war intelligent. Eines Tages bewarf mich jemand auf der Straße mit Steinen, weil ich das Kreuz trug, und Amal hat mich verteidigt. Es war mir aber bewusst, dass mich eine Form der sozialen und kulturellen Ungerechtigkeit ins Kloster begleitet hatte: Wieso bügelten meine Brüder ihre Hemden nicht selber, da doch auch wir Schwestern zur Schule gingen? Wieso kochten die Ordensfrauen für die Priester, niemals aber umgekehrt?

Als ich in die Schweiz ging, um mein Diplom und meinen Studienabschluss zu machen, habe ich angefangen, zwischen der Schweiz und dem Irak hin- und herzupendeln und habe mich in Hilfsprojekten für die irakische Bevölkerung engagiert. Ich habe gespürt, wie die »Berufung, Brücke zu werden«, stetig wuchs: ich wollte eine Brücke zwischen dem Irak und der Schweiz, zwischen Ost und West, zwischen zwei Kirchen schlagen. Ich habe mir zwei Jahre, von 2006-2008, dafür genommen, mit meinem geistlichen Vater zusammen zur Unterscheidung zu finden. Am Ende des ersten Jahres habe ich erkannt, dass ich zwar das Gemeinschaftsleben, nicht aber das Glaubensleben aufgeben würde. Ein Freund sagte zu mir: »Auf die Art kehrst du in den Laienstand zurück!« Diese Worte haben mich traurig gemacht, aber nicht entmutigt, da ich die allererste Berufung sehr stark spürte, jene, für die mich Gott von Kindesbeinen an vorbereitet hatte: Brücken zu schlagen und Menschen miteinander zu versöhnen. Dieser an Herausforderungen reiche Glaubensweg hat mich zu dem Mann hingeführt, der dann mein Mann geworden ist, ein Theologe, der genauso leidenschaftlich für Gott entbrannt ist wie ich. Mein Mann, der ordinierter chaldäischer Priester ist, ist bi-rituell geworden und gehört zu dem kleinen Personenkreis, die gleichzeitig in der Ostkirche und in der lateinischen Kirche zelebrieren. Ich versuche, die Grenzen auch durch die humanitäre Vereinigung – Basmat-al-Qarib, Le Sourir du Prochain, Das Lächeln des Nächsten – zu überwinden, die ich 2004 in der Schweiz gegründet habe und die die irakische Bevölkerung unterstützt.

Meine in einem Zustand der Unrast, der Unruhe erlebte Berufung, eine Brücke zu sein, hat mich vor eine weitere Herausforderung gestellt: jene, als erste katholische Frau Militärseelsorgerin des Schweizer Bundesheeres zu werden! Ich hatte mich nie für das Heer interessiert, aber als ich das Angebot erhalten habe, habe ich mir gesagt, dass dies die Gelegenheit sein konnte, der Schweiz meinen Dank abzustatten. Die Besonderheit des Schweizer Bundesheeres, den Frieden im Ausland zu fördern, war eine Offenbarung für mich, die ich immer Angst empfunden hatte, wenn ich im Irak den Weg von Soldaten kreuzte. In Wirklichkeit beschränkt sich die Schweiz nicht darauf, neutral zu sein, sondern sie leistet einen Beitrag zum Zustandekommen von Friedensabkommen. Heutzutage lasse ich als Militärseelsorgerin die Jugendlichen an meinen Glaubens- und Integrationserfahrungen teilhaben. Ich habe auf meinem Lebensweg erkannt, dass ich mich häuten musste wie eine Schlange. Der Schmerz, den der Wechsel der Haut verursacht, ist notwendig, um nicht an Heimweh zu sterben. Ich habe begriffen, dass das, was zählt, unsere Lebensquellen sind, unsere Kulturen und unsere Identitäten: wenn sie gegossen werden, können unsere Wurzeln immer neu eingepflanzt werden… irgendwo anders.  Ich habe aufgehört, »ein Land und eine Heimat« zu suchen. Meine Heimat ist eine Beziehung geworden, ein Herz, und das hat mich gerettet.

Von Lusia Shammas, mit Marie Cionzynska