· Vatikanstadt ·

Mögen in den Familien Liebe, Respekt und Freiheit walten

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In der Frühmesse in Santa Marta gedenkt Papst Franziskus des von den Vereinten Nationen ausgerufenen Weltfamilientages

15 Mai 2020

In seiner Einleitung zur Frühmesse im Gästehaus Santa Marta am Freitag, 15. Mai, galt das Gebet des Papstes den Familien:

Heute ist der Weltfamilientag. Lasst uns für die Familien beten, dass der Geist des Herrn in den Familien wachse, der Geist der Liebe, des Respekts und der Freiheit.

In seiner Predigt kommentierte Franziskus den Abschnitt aus der Apostelgeschichte (Apg 15,22-31), in dem Paulus und Barnabas zu den bekehrten Heiden von Antiochia geschickt werden, die beunruhigt und bestürzt über die Reden einiger waren, die dazu keinen Auftrag hatten:

Im Buch der Apostelgeschichte sehen wir, dass es in der Kirche am Anfang Zeiten des Friedens gab, so heißt es oft: die Kirche wuchs, in Frieden, und der Geist des Herrn breitete sich aus (vgl. Apg 9,31); Zeiten des Friedens. Es gab auch Zeiten der Verfolgung, beginnend mit der Verfolgung des Stephanus (vgl. Kap. 6-7), dann Paulus, der Verfolger, der sich dann bekehrte, um dann auch seinerseits verfolgt zu werden… Zeiten des Friedens, Zeiten der Verfolgung und es gab auch Zeiten der Verstörung. Und das ist das Thema der heutigen ersten Lesung: eine Zeit der Unruhe(vgl. Apg 15,22-31). »Wir haben gehört, dass einige von uns – so schreiben die Apostel an Christen, die aus dem Heidentum stammen –, Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt – beunruhigt – und eure Gemüter erregt haben« (V. 24).

Was war passiert? Diese Christen, die ursprünglich Heiden waren, hatten an Jesus Christus geglaubt und die Taufe empfangen, und waren glücklich: sie hatten den Heiligen Geist empfangen. Vom Heidentum zum Christentum, ohne jeden Zwischenschritt. Die hingegen, die als »Judaisierer« bezeichnet werden, behaupteten, dass das nicht möglich sei. Wenn einer Heide war, sollte er zuerst Jude werden, ein guter Jude, und erst dann Christ, um in der Linie der Erwählung des Volkes Gottes zu sein. Und diese Christen verstanden das nicht: »Aber wie jetzt, wir sind Christen zweiter Klasse? Kann man nicht direkt vom Heidentum zum Christentum übergehen? Ist es nicht so, dass die Auferstehung Christi das alte Gesetz aufgehoben und es zu einer noch größeren Fülle gebracht hat?« Sie waren beunruhigt und es gab viele Diskussionen unter ihnen. Und diejenigen, die das wollten, waren Leute, die mit pastoralen Argumenten, mit theologischen Argumenten, sogar mit einigen Moralvorstellungen argumentierten, dass: nein, dass der Schritt so gemacht werden müsse! Und dies stellte die Freiheit des Heiligen Geistes in Frage, ja sogar die Unentgeltlichkeit von Christi Auferstehung und Gnade. Sie waren methodisch. Und auch starr.

Über diese Leute, über ihre Lehrer, über die Gesetzeslehrer hatte Jesus gesagt: »Weh euch. Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr selbst«. Mehr oder weniger so sagt Jesus im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums (vgl. V. 15). Diese Leute, die »ideologisch« waren – mehr noch als »dogmatisch«, »ideologisch« – hatten das Gesetz, das Dogma auf eine Ideologie reduziert: »du musst dies tun, und das, und jenes…«. Eine Religion der Vorschriften, und damit nahmen sie die Freiheit des Geistes. Und die Menschen, die ihnen folgten, waren rigide Menschen, Menschen, die sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten, die die Freude des Evangeliums nicht kannten. Die Vollkommenheit des Weges der Nachfolge Jesu war [ihnen zufolge] die Rigidität: »Man muss dies tun, das tun, jenes…«. Diese Leute, diese Lehrer »manipulierten« das Gewissen der Gläubigen und ließen sie entweder auch rigide werden, oder sie gingen fort.

Deshalb, wiederhole ich mich viele Male und sage, dass die Rigidität nicht vom guten Geist kommt, weil sie die Unentgeltlichkeit der Erlösung, die Unentgeltlichkeit der Auferstehung Christi in Frage stellt. Und das ist eine alte Sache: in der Geschichte der Kirche ist dies wiederholt geschehen. Denken wir an die Pelagianer, an diese… diese starren, berühmten Leute. Und auch zu unserer Zeit haben wir einige apostolische Organisationen gesehen, die wirklich gut organisiert schienen, die gut arbeiteten…, aber alle rigide, eine wie die andere, und dann haben wir von der Korruption erfahren, die in ihnen steckte, sogar in den Gründern.

Wo Starrheit herrscht, da ist der Geist Gottes abwesend, denn der Geist Gottes ist Freiheit. Und diese Leute wollten Schritte unternehmen, bei denen sie die Freiheit des Geistes Gottes und die Unentgeltlichkeit der Erlösung streichen wollten: »Um gerechtfertigt zu sein, muss du dies, das, jenes, das, das und das tun…«. Die Rechtfertigung ist unentgeltlich. Der Tod und die Auferstehung Christi sind unentgeltlich. Man bezahlt sie nicht, man erkauft sie nicht: es ist ein Geschenk! Und diese da wollten das nicht tun.

Der Weg [die Vorgehensweise] ist schön: die Apostel versammeln sich zu diesem Konzil, und am Ende schreiben sie einen Brief, der folgendermaßen lautet: »Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen…« (Apg 15,28), und sie erlegen nur diese eher moralischen, auf gesundem Menschenverstand beruhenden Verpflichtungen auf: das Christentum nicht mit dem Heidentum zu verwechseln, auf das den Götzen geopferte Fleisch zu verzichten usw. Und am Ende empfingen diese verstörten, dort versammelten Christen den Brief, und »sie lasen ihn und freuten sich über den Zuspruch« (V. 31). Von der Verstörung zur Freude. Der Geist der Rigidität führt dich immer zu Verstörungen: »Habe ich das nun gut gemacht? Oder habe ich das nicht richtig gemacht?« Der Skrupel. Der Geist der dem Evangelium entspringenden Freiheit führt dich zur Freude, denn genau das ist es, was Jesus mit seiner Auferstehung getan hat: er hat Freude gebracht! Die Beziehung zu Gott, die Beziehung zu Jesus ist keine derartige Beziehung, in der man »Dinge tut«: »Ich tue dies, und du gibst mir das«. Eine solche Beziehung, sage ich, – der Herr möge mir vergeben – eine kommerzielle Beziehung: nein! Sie ist unentgeltlich, gerade wie die Beziehung Jesu zu den Jüngern unentgeltlich ist. »Ihr seid meine Freunde« (Joh 14). »Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde (vgl. V.15). »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt« (V. 16): das ist die Unentgeltlichkeit.

Bitten wir den Herrn, uns dabei zu helfen, die Früchte der dem Evangelium entsprechenden Unentgeltlichkeit von den Früchten der nicht dem Evangelium folgenden Rigidität zu unterscheiden, und dass er uns von jeder Verstörung durch jene befreie, die den Glauben, das Glaubensleben unter kasuistische Vorschriften stellen, Vorschriften, die keinen Sinn ergeben. Ich beziehe mich auf jene Vorschriften, die keinen Sinn ergeben, nicht auf die Gebote. Möge er uns von diesem Geist der Rigidität befreien, der dir die Freiheit raubt.

Der Papst beendete die Messfeier wie immer mit der Anbetung und dem eucharistischen Segen und lud die Menschen zur geistlichen Kommunion ein.