· Vatikanstadt ·

Jeder hat ein Recht auf Arbeit und auf Würde

cq5dam.thumbnail.cropped.500.281.jpeg

Mai prangert Papst Franziskus die neuen Formen der Sklaverei an und bestätigt die sozialen Rechte

01 Mai 2020

In seiner Einleitung zur Frühmesse am 1. Mai, Festtag des heiligen Josef des Arbeiters, wandte Papst Franziskus seine Gedanken der Welt der Arbeit zu:

Heute, am Fest des heiligen Josef des Arbeiters, der auch der Tag der Arbeit ist, beten wir für alle Arbeiter. Für alle. Dass es niemandem an Arbeit mangeln möge und dass alle gerecht bezahlt werden und die Würde der Arbeit und die Schönheit der Ruhe genießen können.

In seiner Predigt kommentierte der Papst die Lesung aus dem Buch Genesis (Gen 1,26 -2,3), in der die Schöpfung des Menschen als Bild und Gleichnis Gottes beschrieben wird: »Gott brachte am siebten Tag die Arbeit, die er getan hatte, zum Abschluss und hörte am siebten Tag mit all seiner Arbeit auf, die er getan hatte«. Gott übergebe seine Tätigkeit, sein Werk, dem Menschen, damit er mit ihm zusammenarbeite. Die menschliche Arbeit sei die von Gott empfangene Berufung und mache den Menschen Gott ähnlich, »denn mit der Arbeit kann der Mensch schaffen«. Die Arbeit schenke Würde:

»Gott erschuf« (Gen 1,27). Ein Schöpfer. Er schuf die Welt, er schuf den Menschen und er erteilte dem Menschen einen Auftrag: die Schöpfung zu verwalten, zu bearbeiten und weiterzuführen. Und das Wort Arbeit ist der Ausdruck, den die Bibel verwendet, um dieses Wirken Gottes zu beschreiben: »Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte« (Gen 2,2) und er überträgt dieses Werk dem Menschen: »Das musst du tun, dies hüten, jenes andere pflegen, du musst arbeiten, um mit mir – es ist, als hätte er es gesagt – diese Welt zu schaffen, damit sie vorankommen kann« (vgl. Gen 2,15.19-20). Das geht so weit, dass die Arbeit nichts anderes ist als die Fortsetzung des Werkes Gottes: die Arbeit des Menschen ist die Berufung, die der Mensch am Ende der Erschaffung des Universums von Gott empfangen hat.

Und gerade die Arbeit ist, was den Menschen Gott ähnlich macht, denn dank der Arbeit ist der Mensch Schöpfer, er ist in der Lage, zu erschaffen, viele Dinge zu schaffen, auch eine Familie zu gründen, um weiterzugehen. Der Mensch ist ein Schöpfer und er schöpft durch Arbeit. Das ist die Berufung. Und in der Bibel heißt es: »Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut« (Gen 1,31). Das heißt: die Arbeit beinhaltet eine Güte und stellt die Harmonie der Dinge her – Schönheit, Güte – und sie bezieht den Menschen in allem ein: in seinem Denken, in seinem Handeln, in allem. Der Mensch ist an der Arbeit beteiligt. Das ist die erste Berufung des Menschen: zu arbeiten. Und das verleiht dem Menschen Würde. Die Würde, die ihn Gott ähneln lässt. Die Würde der Arbeit.

Einmal hat bei einer Caritas ein Caritas-Mitarbeiter einem Mann, der keine Arbeit hatte und kam, um etwas für seine Familie zu suchen, [etwas zu essen gegeben] und gesagt: »Wenigstens können Sie Brot nach Hause bringen« – »Aber das reicht mir nicht, das ist nicht genug«, lautete die Antwort: »Ich will das Brot verdienen, um es nach Hause zu bringen«. Ihm fehlte die Würde, die Würde, das Brot mit seiner Arbeit selbst zu »machen« und es nach Hause zu bringen. Die Würde der Arbeit, die leider so mit Füßen getreten wird.

In der Geschichte haben wir über die Brutalität gelesen, mit der die Sklaven behandelt wurden: sie transportierten sie von Afrika nach Amerika – ich denke an diese Geschichte, die auch mein Land betrifft – und wir sagen: »Welch eine Barbarei«... Aber auch heute gibt es viele Sklaven, viele Männer und Frauen, die nicht frei arbeiten können: sie sind gezwungen, zu arbeiten, um zu überleben, nichts weiter. Sie sind Sklaven: Zwangsarbeit... Es gibt Arbeiten, die Zwangsarbeit sind, ungerecht, schlecht bezahlt, und das führt dazu, dass der Mensch in seiner Würde mit Füßen getreten wird. Es gibt viele davon, viele in aller Welt. Viele. In den Zeitungen haben wir vor einigen Monaten von jenem Land in Asien gelesen, wo ein Herr einen seiner Angestellten, der weniger als einen halben Dollar am Tag verdiente, totgeprügelt hatte, weil er etwas falsch gemacht hatte. Die heutige Sklaverei ist unsere »Un-Würde«, weil sie dem Mann, der Frau, uns allen die Würde nimmt. »Nein, ich arbeite, ich habe meine Würde«: ja, aber deine Brüder und Schwestern nicht. »Ja, Pater, das ist wahr, aber da das so weit weg ist, ist es für mich schwer zu nachzuvollziehen. Hier bei uns hingegen...«: Auch hier, bei uns. Hier, bei uns. Denk an die Arbeiterinnen und Arbeiter, an die Tagelöhner, die du für einen Mindestlohn arbeiten lässt, und das nicht acht, sondern zwölf, vierzehn Stunden am Tag: das geschieht hier und heute. Auf der ganzen Welt, aber auch hier. Denk an die Hausangestellte, die keinen fairen Lohn erhält, die keine Sozialleistungen erhält, für die keine Rentenbeiträge bezahlt werden: das kommt nicht nur in Asien vor. Hier.

Jedes Unrecht, das einem arbeitenden Menschen zugefügt wird, tritt die Menschenwürde mit Füßen, auch die Würde dessen, der das Unrecht begeht: man setzt die Latte tiefer an und landet in jenem Spannungsverhältnis zwischen Diktator und Sklave. Dagegen ist die Berufung, die Gott uns gibt, so schön: zu erschaffen, neu zu erschaffen, zu arbeiten. Doch dies kann nur dann geschehen, wenn die Bedingungen stimmen und die Würde der Person respektiert wird.

Heute feiern wir gemeinsam mit vielen Männern und Frauen, mit Gläubigen wie Nichtgläubigen, den Tag der Arbeit, den Tag der Arbeit, für diejenigen, die für Gerechtigkeit bei der Arbeit kämpfen, für diejenigen – gute Unternehmer –, die ihre Arbeit mit Gerechtigkeit verrichten, auch wenn sie dadurch Einbußen haben. Vor zwei Monaten habe ich hier in Italien mit einem Unternehmer telefoniert, der mich bat, für ihn zu beten, weil er niemanden entlassen wolle, und er sagte: »Denn einen von ihnen zu entlassen heißt, mich selber zu entlassen«. Dieses Bewusstsein vieler guter Unternehmer, die die Arbeiter wie ihre Kinder behüten. Lasst uns auch für sie beten. Und wir bitten den heiligen Josef – mit dieser schönen Darstellung [einer in der Nähe des Altars aufgestellten Statue] mit den Werkzeugen in der Hand – uns zu helfen, für die Würde der Arbeit zu kämpfen, damit es Arbeit für alle gebe und dass es eine würdige Arbeit sei. Keine Sklavenarbeit. Dies sei heute unser Gebet.

Der Papst beschloss die Feier der Messe wie immer mit der Anbetung und dem eucharistischen Segen und lud die Menschen zur geistlichen Kommunion ein.