· Vatikanstadt ·

Interview mit dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres

Globale Bedrohungen verlangen nach einer neuen Solidarität

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26 Mai 2020

Tiefe Dankbarkeit gegenüber Papst Franziskus für seine Unterstützung des Aufrufs zu einem weltweiten Waffenstillstand


»Die Pandemie muss ein Weckruf sein. Die tödlichen globalen Bedrohungen verlangen nach neuer Einheit und Solidarität«. Dies betonte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, in diesem Exklusivinterview mit den vatikanischen Medien.

Sie haben vor kurzem einen Aufruf zum Frieden in der von einer Pandemie heimgesuchten Welt veröffentlicht. Eine Initiative, die an einen Appell von Papst Franziskus anknüpft, der immer wieder zur Beendigung aller Kriege aufruft. Sie haben ihn Ende letzten Jahres im Vatikan getroffen und mit ihm zusammen eine Videobotschaft veröffentlicht. Jetzt sagen Sie: Das Wüten des Virus veranschaulicht den Wahnsinn des Krieges. Warum ist es Ihrer Meinung nach so schwierig, diese Botschaft zu vermitteln?

Zunächst möchte ich Papst Franziskus nochmals meine tiefe Dankbarkeit für seine Unterstützung meines weltweiten Aufrufs zu einem Waffenstillstand und der Arbeit der Vereinten Nationen zum Ausdruck bringen. Sein globales Engagement, sein Mitgefühl und seine Aufrufe zur Einheit bekräftigen die Kernwerte, die unsere Arbeit leiten: Verringerung des menschlichen Leidens und Förderung der Menschenwürde.

Als ich zu einem Waffenstillstand aufrief, war meine Botschaft an die Konfliktparteien in der ganzen Welt einfach: Die Kämpfe müssen aufhören, damit wir uns auf unseren gemeinsamen Feind, Covid-19, konzentrieren können. Bisher hat der Aufruf die Unterstützung von 115 Regierungen, regionalen Organisationen, mehr als 200 zivilgesellschaftlichen Gruppen und anderen religiösen Führern erhalten. Sechzehn bewaffnete Gruppen haben sich dazu verpflichtet, die Gewalt zu beenden. Darüber hinaus haben Millionen von Menschen einen Online-Antrag auf Unterstützung unterzeichnet. Doch das Misstrauen ist nach wie vor groß, und es ist schwierig, diese Verpflichtungen in Aktionen umzusetzen, die das Leben der von Konflikten betroffenen Menschen verändern. Meine Repräsentanten und Sondergesandten arbeiten unermüdlich in der ganzen Welt, oft mit meiner direkten Beteiligung, daran, die geäußerten Absichten in konkrete Waffenstillstände umzusetzen.

Ich fordere die Konfliktparteien und alle diejenigen, die Einfluss auf sie nehmen können, weiterhin dazu auf, die Gesundheit und Sicherheit der Menschen an die erste Stelle zu setzen. Ich möchte noch einen weiteren Appell erwähnen, den ich lanciert habe und den ich für wesentlich halte: einen Appell für den inneren Frieden. Überall auf der Welt beobachten wir mit der Ausbreitung der Pandemie auch eine besorgniserregende Zunahme der Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

Ich habe die Regierungen, die Zivilgesellschaft und all diejenigen, die in der Welt helfen können, gebeten, sich für einen besseren Schutz von Frauen zu engagieren. Ich habe auch die religiösen Führer aller Glaubensrichtungen aufgefordert, alle Gewaltakte gegen Frauen und Mädchen unmissverständlich zu verurteilen und die Grundprinzipien der Gleichberechtigung zu wahren.

Vor einigen Monaten, lange vor dem Ausbruch der Pandemie, sprachen Sie von Angst als dem am leichtesten zu verbreitenden Gut. Das ist ein Thema, das in diesen Wochen Gefahr läuft, sich weiter zuzuspitzen. Wie kann man Ihrer Meinung nach gerade in dieser schwierigen Zeit dem Gefühl der Angst entgegenwirken, das sich unter den Menschen ausbreitet?

Die Covid-19-Pandemie ist nicht nur ein globaler Gesundheitsnotstand. In den letzten Wochen gab es einen Anstieg von Verschwörungstheorien und fremdenfeindlichen Gefühlen. In einigen Fällen wurden Journalisten, Mitarbeiter des Gesundheitswesens oder Verteidiger der Menschenrechte ins Visier genommen, nur weil sie ihre Arbeit getan haben.

Seit Beginn dieser Krise habe ich zur Solidarität zwischen den Gesellschaften und unter den Ländern aufgerufen. Unsere Antwort muss auf den Menschenrechten und der Menschenwürde basieren.

Ich habe auch die Bildungseinrichtungen aufgefordert, sich auf die digitale Kompetenz zu konzentrieren, und ich habe die Medien, insbesondere die sozialen Kommunikationsgesellschaften, aufgefordert, viel mehr zu tun, um rassistische, frauenfeindliche oder anderweitig schädliche Inhalte im Einklang mit den internationalen Menschenrechtsgesetzen zu melden und zu beseitigen.

Religiöse Führer haben eine entscheidende Rolle bei der Förderung des gegenseitigen Respekts - in ihren Gemeinschaften und darüber hinaus. Sie sind gut geeignet, ungenaue und schädliche Botschaften in Frage zu stellen und alle Gemeinschaften zu ermutigen, Gewaltlosigkeit zu fördern und Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und alle Formen von Intoleranz abzulehnen.

Die Angst wird sicherlich durch falsche Nachrichten geschürt, deren zunehmende Verbreitung Sie kürzlich angeprangert haben. Wie können wir Fehlinformationen bekämpfen, ohne zu riskieren, im Namen dieses Kampfes Grundrechte und -freiheiten zu beschränken?

Menschen auf der ganzen Welt wollen wissen, was sie tun können und an wen sie sich für Ratschläge wenden können. Stattdessen sind sie gezwungen, mit einer Epidemie der Desinformation umzugehen, die im schlimmsten Fall sogar Menschenleben gefährden kann.

Ich würdige die Journalisten und alle, die angesichts des Wusts von irreführenden Geschichten und Beiträgen, die in sozialen Medien veröffentlicht werden, seriöse Informationen liefern. Zur Unterstützung dieses Engagements habe ich eine UN-Kommunikationsinitiative namens Verified ins Leben gerufen, die darauf abzielt, den Menschen genaue, faktenbasierte Informationen zu geben und gleichzeitig Lösungen und Solidarität auf dem Weg von der Krise zum Aufschwung zu fördern.

Auch religiöse Führer haben eine Rolle zu spielen, indem sie ihre Netzwerke und Kommunikationskanäle nutzen, um Regierungen bei der Förderung der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu unterstützen - von körperlicher Distanzierung bis hin zu guter Hygiene - und um falsche Informationen und Gerüchte zu widerlegen.

Unter den Falschinformationen, die die Öffentlichkeit täglich erreichen, befinden sich viele Kritikpunkte an UN-Agenturen, wie z.B. der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Was ist Ihre Haltung in dieser Angelegenheit?

Wir trauern um die durch das Virus verlorenen Menschenleben und sind besorgt darüber, dass es noch viele weitere geben wird – vor allem an Orten, die weniger in der Lage sind, mit einer Pandemie fertig zu werden.

Ein Rückblick auf die Entwicklung der Pandemie und die internationale Reaktion wird von entscheidender Bedeutung sein. Aber im Moment befinden sich die Weltgesundheitsorganisation und das gesamte UN-System in einem Wettlauf gegen die Zeit, um Leben zu retten.

Besonders besorgt bin ich über den Mangel an angemessener Solidarität mit den Entwicklungsländern – sowohl bei der Versorgung dieser Länder mit dem, was sie brauchen, um auf die Covid-19-Pandemie zu reagieren, als auch bei der Bewältigung der dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auf die Ärmsten der Welt. Die Weltgesundheitsorganisation und das gesamte System der Vereinten Nationen sind vollständig mobilisiert, um Leben zu retten, Hungersnöte zu verhindern, Schmerzen zu lindern und die Genesung zu planen.

Wir haben einen globalen humanitären Hilfsplan in Höhe von 7,6 Milliarden US-Dollar für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen, darunter Flüchtlinge und Binnenvertriebene, aufgelegt. Bisher haben die Geber fast 1 Milliarde Dollar zusammengebracht, und ich setze meine Bemühungen fort, um sicherzustellen, dass dieser Plan vollständig finanziert wird. Unsere Teams in den verschiedenen Ländern arbeiten in Abstimmung mit den Regierungen daran, Finanzmittel zu mobilisieren, Gesundheitsministerien zu unterstützen und wirtschaftliche und soziale Maßnahmen zu fördern, von der Ernährungssicherheit und Bildung von zu Hause aus bis hin zu Geldtransfers. Unsere Friedensoperationen führen weiterhin ihre wichtigen Schutzmandate aus und unterstützen Friedens- und politische Prozesse.

Die UNO-Vertriebsnetze wurden den Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt. Millionen von Testkits, Atemschutzgeräten und chirurgischen Masken sind inzwischen in über hundert Ländern eingetroffen. Wir haben Solidaritätsflüge organisiert, um mehr Lieferungen und Helfer in Dutzende Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika zu bringen.

Und von Anfang an habe ich das der Familie der Vereinten Nationen zur Verfügung stehende Fachwissen mobilisiert, um eine Reihe von Berichten und politischen Briefings zu erstellen, die Analysen und Ratschläge für eine wirksame und koordinierte Reaktion der internationalen Gemeinschaft bieten. (https://www.un.org/en/coronavirus/un-secretary-general)

Wir leben in einer Zeit, in der sich die Angriffe auf den Multilateralismus vervielfachen. Sehen Sie nicht auch die Notwendigkeit, das Vertrauen in internationale Institutionen zu stärken? Und wie kann dies geschehen?

Die Zusammenarbeit und der Beitrag aller Staaten – auch der mächtigsten – ist nicht nur für die Bekämpfung von Covid-19, sondern auch für die Bewältigung der derzeitigen Herausforderungen für Frieden und Sicherheit von wesentlicher Bedeutung. Sie sind auch unerlässlich, um die Voraussetzungen für eine wirksame Erholung in der entwickelten und der sich entwickelnden Welt zu schaffen. Das Virus hat unsere globale Anfälligkeit demonstriert. Und diese Fragilität ist nicht auf unsere Gesundheitssysteme beschränkt. Sie betrifft alle Bereiche unserer Welt und unserer Institutionen. Die Anfälligkeit koordinierter globaler Bemühungen wird durch unser Versagen bei der Reaktion auf die Klimakrise, durch das wachsende Risiko der nuklearen Verbreitung und durch unsere Unfähigkeit, zusammenzuarbeiten, um das Netz besser zu regulieren, deutlich.

Die Pandemie muss ein Weckruf sein. Die tödlichen globalen Bedrohungen erfordern neue Einheit und Solidarität.

Sie haben die europäische Initiative zur Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs öffentlich begrüßt. Doch schon die Entdeckung des Impfstoffs könnte für einige die Versuchung mit sich bringen, eine dominierende Position innerhalb der internationalen Gemeinschaft einzunehmen. Wie kann diese Gefahr abgewendet werden? Und wie können wir sicherstellen, dass Behandlungen, die sich als wirksam erwiesen haben, getestet werden, solange noch kein Impfstoff zur Verfügung steht?

In einer vernetzten Welt ist niemand sicher, solange nicht alle sicher sind. Das war zusammenfassend der Kern meiner Botschaft bei der Lancierung des »ACT Accelerator«. Dabei geht es um eine beschleunigte globale Zusammenarbeit bei der Entwicklung, Produktion und dem gleichberechtigten Zugang zu neuen Diagnostika, Therapien und Impfstoffen für Covid-19.

Das sollte als öffentliches Gut betrachtet werden. Nicht ein Impfstoff oder Heilmittel für ein Land oder eine Region oder die Hälfte der Welt – sondern ein Impfstoff und Heilmittel, die zugänglich, sicher, wirksam, leicht zu verabreichen und universell für alle und überall verfügbar sind. Dieser Impfstoff muss der Impfstoff der Menschen sein.

Wie können wir dafür sorgen, dass es keine A- und B-Länder im Kampf gegen das Virus gibt? Es besteht doch die Gefahr, dass die Pandemie die Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt vergrößert. Wie lässt sich dies verhindern?

Die Pandemie bringt überall Ungleichheiten ans Licht. Wirtschaftliche Ungleichheiten, Ungleichheit beim Zugang zu Gesundheitsdiensten und vieles mehr. Die Zahl der Armen könnte um 500 Millionen zunehmen – der erste Anstieg seit dreißig Jahren. Das können wir nicht zulassen, und deshalb fordere ich weiterhin ein globales Hilfspaket in Höhe von mindestens 10% der Weltwirtschaft. Die weiter entwickelten Länder können dies mit ihren eigenen Ressourcen tun, und einige haben bereits mit der Umsetzung solcher Maßnahmen begonnen. Aber die Entwicklungsländer brauchen substanzielle und dringende Unterstützung. Der Internationale Währungsfonds hat bereits eine Notfinanzierung für eine erste Gruppe von Entwicklungsländern genehmigt. Die Weltbank hat angedeutet, dass sie mit neuen und bereits vorhandenen Mitteln in den nächsten 15 Monaten 160 Milliarden Dollar an Finanzmitteln bereitstellen kann. Die G20 haben die Aussetzung der Schuldenzahlungen für die ärmsten Länder unterstützt. Ich schätze diese Maßnahmen sehr, weil sie Menschen und Arbeitsplätze schützen und Vorteile für die Entwicklung bringen können. Doch selbst dies wird nicht ausreichen, und es wird wichtig sein, zusätzliche Maßnahmen, einschließlich eines Schuldenerlasses, in Betracht zu ziehen, um längere Finanz- und Wirtschaftskrisen zu vermeiden.

Einige sagen, dass die Welt nach der Pandemie nie wieder dieselbe sein wird. Wie könnte die Zukunft der Vereinten Nationen in der Welt von morgen aussehen?

Die Erholung von der Pandemie bietet Chancen, die Welt auf einen sichereren, gesünderen, nachhaltigen und integrativen Weg zu führen. Die Ungleichheiten und Lücken im sozialen Netz, die auf so schmerzhafte Weise entstanden sind, müssen beseitigt werden. Wir sollten auch die Möglichkeit nutzen, Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter in den Vordergrund zu stellen, um die Widerstandsfähigkeit gegen künftige Schocks zu stärken. Der Aufschwung muss auch mit Klimaschutzmaßnahmen Hand in Hand gehen. Ich habe die Regierungen aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Mittel zur Wiederbelebung der Wirtschaft für Investitionen in die Zukunft und nicht in die Vergangenheit verwendet werden.

Das Geld der Steuerzahler sollte dazu verwendet werden, die Dekarbonisierung aller Bereiche unserer Wirtschaft zu beschleunigen und der Schaffung grüner Arbeitsplätze Vorrang einzuräumen. Jetzt ist es an der Zeit, eine Steuer auf Kohle zu erheben und die Verschmutzer für ihre Verschmutzung zahlen zu lassen. Finanzinstitutionen und Investoren müssen den Klimarisiken in vollem Umfang Rechnung tragen. Unsere Richtschnur sind nach wie vor die Ziele der nachhaltigen Entwicklung und des Pariser Abkommens über den Klimawandel.

Dies ist der Moment, um entschlossen zu sein. Entschlossen, Covid-19 zu besiegen und durch den Aufbau einer besseren Welt für alle aus der Krise herauszukommen.

Von Andrea Monda