· Vatikanstadt ·

Alle Regierenden sollen sich im Interesse des Volkes um Einigkeit bemühen

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In der Messfeier in Santa Marta ruft der Papst zu Verantwortung auf, damit die durch die Pandemie verursachte Krise gemeistert werden möge

02 Mai 2020

Zu Beginn der Frühmesse im Gästehaus Santa Marta am Samstag, 2. Mai, brachte Papst Franziskus sein Gebetsanliegen zum Ausdruck: »Heute wollen wir für die Regierenden beten, die die Verantwortung haben, in diesen Krisenzeiten Sorge für ihre Völker zu tragen: Staatsoberhäupter, Premierminister, Gesetzgeber, Bürgermeister, Ministerpräsidenten der Regionen… Auf dass der Herr ihnen helfen und ihnen Kraft schenken möge, denn ihre Arbeit ist nicht leicht. Und dass sie, wenn es Differenzen zwischen ihnen gibt, verstehen mögen, dass sie in Krisenzeiten sehr vereint sein müssen für das Wohl des Volkes, denn die Einheit steht über dem Konflikt.« Er fügte hinzu: »Heute, am 2. Mai, schließen 300 Gebetsgruppen sich unserem Gebet an, die sich die ›madrugadores› nennen, was auf Spanisch so viel heißt wie ›die Frühaufsteher›: Sie stehen am frühen Morgen auf, um zu beten, sie stehen sehr früh auf zum Gebet. Sie schließen sich uns heute in diesem Augenblick an.«

In der Predigt sprach der Heilige Vater mit Bezug auf den Abschnitt aus dem Johannesevangelium (6,60-69) über den richtigen Umgang mit Krisen im Leben. Man dürfe, so der Papst, in Zeiten der Krisen keine Veränderungen vornehmen, sondern müsse in der Treue wachsen, aus der dann die richtigen Entscheidungen heranreiften. Er sagte:

Die erste Lesung beginnt mit folgenden Worten: »Die Kirche in ganz Judäa, Galiläa und Samarien hatte nun Frieden; sie wurde gefestigt und lebte in der Furcht des Herrn. Und sie wuchs durch die Hilfe des Heiligen Geistes« (Apg 9,31). Eine Zeit des Friedens. Und die Kirche wächst. Die Kirche ist ruhig, mit Hilfe des Heiligen Geistes, sie ist getröstet. Die schönen Zeiten… Es folgt die Heilung des Äneas, dann erweckt Petrus Gazelle, Tabita, auf… Dinge, die man im Frieden tut.

Es gibt aber in der Urkirche auch Zeiten des Unfriedens: Zeiten der Verfolgung, schwierige Zeiten, Zeiten, die die Gläubigen in eine Krise bringen. Krisenzeiten. Und eine Krisenzeit ist jene, von der uns heute das Johannesevangelium berichtet (vgl. 6,60-69). Dieser Abschnitt des Evangeliums ist das Ende einer ganzen Abfolge, die mit der Brotvermehrung begann. Als man Jesus zum König machen wollte, geht Jesus beten, am folgenden Tag finden sie ihn nicht, sie gehen ihn suchen, und Jesus weist sie zurecht, weil sie ihn suchen, damit er ihnen etwas zu essen gebe, und nicht wegen der Worte des ewigen Lebens… Und dort endet die ganze Geschichte. Sie sagen: »Gib uns dieses Brot«, und Jesus erklärt, dass das Brot, das er geben wird, sein Leib und sein Blut sei.

In jener Zeit sagten viele Jünger Jesu, die ihm zuhörten: »Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?« (V. 60). Jesus hatte gesagt, dass wer seinen Leib nicht esse und sein Blut nicht trinke, nicht das ewige Leben haben würde. Jesus sagte auch: »Wenn ihr mein Fleisch esst und mein Blut trinkt, werdet ihr auferstehen am Jüngsten Tag« (vgl. V. 54). Das sind die Dinge, die Jesus sagte. »Diese Rede ist hart« (V. 60), [meinen die Jünger]. »Sie ist zu hart. Hier funktioniert etwas nicht. Dieser Mann hat die Grenzen überschritten.« Und das ist ein Augenblick der Krise. Es gab Augenblicke des Friedens und Augenblicke der Krise. Jesus wusste, dass die Jünger murrten. Hier muss man unterscheiden zwischen den Jüngern und den Aposteln: Die Jünger waren jene 72 oder mehr, die Apostel waren die Zwölf. »Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde« (V. 64). Und angesichts dieser Krise ruft er ihnen in Erinnerung: »Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist« (V. 65). Er spricht wieder davon, dass man »vom Vater geführt wird«: Der Vater führt uns zu Jesus. Und so löst sich die Krise.

Und »daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher« (V. 66). Sie distanzierten sich. »Dieser Mann ist ein wenig gefährlich, ein wenig… Aber diese Lehren… Ja, er ist ein guter Mann, er predigt und heilt, aber wenn er zu diesen seltsamen Dingen kommt… Bitte, lasst uns gehen« (vgl. V. 66). Und dasselbe haben die Emmausjünger getan, am Morgen der Auferstehung: »Naja, eine seltsame Sache: Die Frauen sagen, dass das Grab…« – »Das stinkt aber« – sagten sie – »gehen wir schnell weg, sonst kommen die Soldaten und kreuzigen uns« (vgl. Lk 24,22-24). Dasselbe taten die Soldaten, die das Grab bewachten: Sie hatten die Wahrheit gesehen, aber dann zogen sie es vor, ihr Geheimnis zu verkaufen: »Bleiben wir in Sicherheit: Halten wir uns aus diesen Geschichten heraus; sie sind gefährlich« (vgl. Mt 28,11-15).

Ein Augenblick der Krise ist ein Augenblick der Entscheidung; es ist ein Augenblick, der uns die Entscheidungen vor Augen führt, die wir treffen müssen. Wir alle haben im Leben Augenblicke der Krise gehabt und werden sie auch weiterhin haben: familiäre Krisen, Ehekrisen, soziale Krisen, Krisen am Arbeitsplatz, viele Krisen… Auch die gegenwärtige Pandemie ist ein Augenblick der sozialen Krise.

Wie soll man im Augenblick der Krise reagieren? »Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher« (V. 66). Jesus beschließt, die Apostel zu befragen: »Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?« (V. 67). Entscheidet euch. Und Petrus legt das zweite Bekenntnis ab: »Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes« (V. 68-69). Petrus bekennt im Namen der Zwölf, dass Jesus der Heilige Gottes, der Sohn Gottes ist. Das erste Bekenntnis – »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« – und gleich darauf, als Jesus das Leiden zu erklären beginnt, das kommen würde, lässt er ihn innehalten: »Nein, nein, Herr, das nicht!«, und Jesus weist ihn zurecht (vgl. Mt 16.16-23). Petrus ist jedoch etwas reifer geworden und weist ihn hier nicht zurecht. Er versteht nicht, was Jesus sagt, dieses »das Fleisch essen, das Blut trinken« (vgl. 6,54-56), er versteht es nicht, aber er vertraut dem Meister. Er vertraut ihm. Und er legt das zweite Bekenntnis ab: »Zu wem sollen wir denn gehen? Bitte, du hast Worte des ewigen Lebens« (vgl. V. 68).

Das hilft uns allen, Krisenzeiten zu durchleben. In meiner Heimat gibt es ein Sprichwort, das lautet: »Wenn du zu Pferd unterwegs bist und einen Fluss durchqueren musst, dann wechsle bitte nicht das Pferd mitten im Fluss.« In Krisenzeiten muss man sehr standhaft sein in der Glaubensüberzeugung. Jene, die weggegangen sind, »haben das Pferd gewechselt«, haben einen anderen Lehrmeister gesucht, der nicht so »hart« sein würde, wie sie zu ihm sagten. Im Augenblick der Krise herrscht Beharrlichkeit, Stille; dort bleiben, wo wir sind, standhaft. Das ist nicht der richtige Augenblick, um etwas zu verändern. Es ist der Augenblick der Treue, der Treue zu Gott, der Treue zu den Entscheidungen, die wir vorher getroffen haben. Es ist auch der Augenblick der Umkehr, denn diese Treue wird uns eine Veränderung eingeben, die zum Guten führt und nicht dazu, uns vom Guten zu entfernen.

Augenblicke des Friedens und Augenblicke der Krise. Wir Christen müssen lernen, mit beiden umzugehen. Mit beiden. Irgendein geistlicher Vater sagt, dass der Augenblick der Krise gleichsam bedeutet, durch das Feuer zu gehen, um stark zu werden. Möge der Herr uns den Heiligen Geist senden, um in den Augenblicken der Krise den Versuchungen widerstehen zu können, um den ersten Worten treu sein zu können, in der Hoffnung, später Augenblicke des Friedens zu erleben. Denken wir an unsere Krisen: die familiären Krisen, die Nachbarschaftskrisen, die Krisen am Arbeitsplatz, die sozialen Krisen der Welt, des Landes… Viele Krisen, viele Krisen.

Möge der Herr uns die Kraft schenken – in Zeiten der Krise –, den Glauben nicht zu verkaufen.

Der Papst lud alle, die die sakramentale Kommunion nicht empfangen können, mit dem folgenden Gebet zur geistlichen Kommunion ein: »Mein Jesus, ich glaube, dass du im allerheiligsten Sakrament des Altares zugegen bist. Ich liebe dich über alles und meine Seele sehnt sich nach dir. Da ich dich aber jetzt im Sakrament des Altares nicht empfangen kann, so komme wenigstens geistigerweise zu mir. Ich umfange Dich, als wärest Du schon bei mir und vereinige mich mit Dir! Ich bete Dich in tiefster Ehrfurcht an. Lass nicht zu, dass ich mich je von Dir trenne.« Nach einer Zeit der Anbetung und dem eucharistischen Segen wurde in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta, die dem Heiligen Geist geweiht ist, die marianische Antiphon Regina Caeli angestimmt.