· Vatikanstadt ·

Wachsamkeit in den Versuchungen

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Für ein rechtes Gewissen, das sich vor Gott nicht zu schämen braucht

04 April 2020

Zu Beginn der Frühmesse am Samstag, den 4. April, brachte Papst Franziskus sein Gebetsanliegen zum Ausdruck: »In diesen Zeiten der Verwirrung, der Schwierigkeiten, des Schmerzes, haben die Menschen oft die Möglichkeit, das eine oder das andere zu tun. Sehr viel Gutes, aber es fehlt auch nicht daran, dass jemandem die Idee kommt, etwas zu tun ,was nicht so gut ist, das heißt von dieser Zeit zu profitieren, für sich selbst zu profitieren, den eigenen Profit. Wir wollen heute beten, dass der Herr uns allen ein rechtes Gewissen schenken möge, ein transparentes Gewissen, das sich Gott zeigen kann, ohne sich zu schämen.«

In seiner Predigt bezog sich der Papst auf den Abschnitt aus dem Johannesevangelium (11,45-57), wobei er die Vorgehensweise der Schriftgelehrten und Pharisäer in den Mittelpunkt stellte, um daraus eine Lehre für das geistliche Leben zu ziehen. Er sagte:

Seit einiger Zeit schon waren die Schriftgelehrten und auch die Hohenpriester beunruhigt, weil im Land seltsame Dinge geschahen. Zuerst dieser Johannes, den sie letztendlich in Ruhe ließen, weil er ein Prophet war. Er taufte dort und die Menschen gingen zu ihm, aber das hatte keine weiteren Konsequenzen. Dann kam dieser Jesus, auf den Johannes hingewiesen hatte. Er begann, Zeichen und Wunder zu tun, aber vor allem sprach er zu den Menschen und die Menschen verstanden ihn, die Menschen folgten ihm. Und nicht immer hielt er die Gebote, das war sehr beunruhigend: »Das ist ein Revolutionär, ein friedlicher Revolutionär… Er zieht die Leute an, die Leute folgen ihm…« (vgl. Joh 11,47-48).

Und diese Vorstellungen führten sie dazu, zueinander zu sagen: »Schau einmal, das gefällt mir nicht… und jenes…« Und so gab es bei ihnen dieses Gesprächsthema, das auch ein Anlass zur Sorge war. Dann sind einige hingegangen, um ihn auf die Probe zu stellen, und der Herr hatte immer eine klare Antwort, die ihnen, den Schriftgelehrten, nicht in den Sinn gekommen war. Denken wir an jene Frau, die siebenmal verheiratet und siebenmal Witwe war: »Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein?« (vgl. Lk 20,33). Er antwortete mit klaren Worten und sie gingen wegen der Weisheit Jesu ein wenig beschämt weg. In anderen Fällen gingen sie auch gedemütigt weg, zum Beispiel als sie jene Frau, die Ehebrecherin, steinigen wollten und Jesus ihnen am Schluss sagte: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie« (vgl. Joh 8,7). Das Evangelium sagt uns, dass sie nacheinander weggegangen sind, zuerst die Ältesten, und sie waren in jenem Moment gedemütigt.

Deshalb sagten sie zueinander: »Wir müssen etwas unternehmen, das ist nicht in Ordnung…« Dann haben sie die Soldaten geschickt, um ihn festnehmen zu lassen, aber die Soldaten sind zurückgekommen und haben gesagt: »Wir konnten ihn nicht festnehmen, denn noch nie hat ein Mensch so gesprochen.« - »Habt auch ihr euch in die Irre führen lassen?« (vgl. Joh 7,45-49): Sie waren wütend, weil es nicht einmal den Soldaten gelang, ihn festzunehmen.

Und dann nach der Auferweckung von Lazarus – das, was wir heute gehört haben – gingen viele Juden dorthin, um die Schwestern von Lazarus zu besuchen. Aber einige sind hingegangen, um genau zu sehen, wie die Dinge lagen, und dann davon zu berichten. Einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und berichteten ihnen, was Jesus getan hatte (vgl. Joh 11,45). Andere glaubten an ihn. Und jene, die hingegangen sind, die ewigen Klatschmäuler, die davon leben, Geschwätz weiterzutragen… sie sind hingegangen, um ihnen zu sagen (zu berichten). Da hat jene Gruppe, die sich aus den Schriftgelehrten gebildet hatte, ein offizielles Treffen abgehalten: »Das ist sehr gefährlich. Wir müssen eine Entscheidung treffen. Was sollen wir tun? Dieser Mann tut viele Zeichen – sie erkennen die Wunder an. Wenn wir ihn so weitermachen lassen, werden alle an ihn glauben. Es besteht die Gefahr, dass das Volk ihm nachläuft und uns verlässt.« Denn das Volk hing nicht an ihnen. »Dann werden die Römer kommen und werden unseren Tempel und unser Volk vernichten« (vgl. Joh 11,48).

Das war zum Teil wahr, aber es war nicht die ganze Wahrheit. Es war eine Rechtfertigung, denn sie hatten ein Gleichgewicht mit der Besatzungsmacht gefunden. Sie hassten den römischen Besatzer zwar, aber politisch hatten sie ein Gleichgewicht gefunden. So sprachen sie miteinander. Einer von ihnen, Kajaphas – er war der Radikalste, er war der Hohepriester -, sagte: »Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht« (Joh 11,50). Er war der Hohepriester und er machte den Vorschlag: »Räumen wir ihn aus dem Weg!« Und Johannes fügt hinzu: »Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde… Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten« (vgl. Joh 11,51-53).

Das war ein Prozess, ein Prozess, der mit geringfügiger Beunruhigung in der Zeit Johannes, des Täufers begann und dann in diese Sitzung der Schriftgelehrten und Priester mündete. Ein Prozess, der zunahm, ein Prozess, der sich der Entscheidung sicher war, die sie treffen mussten, aber keiner hatte es so klar gesagt: »Dieser da muss aus dem Weg geräumt werden.«

Diese Vorgehensweise der Schriftgelehrten ist ein Bild für die Art und Weise, wie die Versuchung in uns agiert. Denn dahinter stand offensichtlich der Teufel, der Jesus vernichten wollte, und die Versuchung in uns geht im Allgemeinen so vor: Es beginnt klein, mit einem Wunsch, einer Vorstellung, es wächst, steckt andere an und am Ende rechtfertigt man sich. Das sind die drei Schritte der Versuchung des Teufels in uns, und das sind auch die drei Schritte, die die Versuchung des Teufels in der Person des Schriftgelehrten gegangen ist. Es begann mit wenig, aber es wuchs immer mehr und hat dann die anderen angesteckt, hat Gestalt angenommen und sich am Ende gerechtfertigt: »Es ist notwendig, dass einer für das Volk stirbt« (vgl. Joh 11,50), die vollkommene Rechtfertigung. Und alle sind beruhigt nach Hause gegangen. Sie sagten: »Das ist die Entscheidung, die wir fällen mussten.«

Wir alle sind ruhig, wenn wir von der Versuchung besiegt werden, weil wir eine Rechtfertigung für diese Sünde gefunden haben, für diese sündige Haltung, für dieses Leben, das den Geboten Gottes nicht entspricht. Wir sollten uns angewöhnen, diesen Prozess der Versuchung in uns zu sehen. Jenen Prozess, der bewirkt, dass wir unser Herz vom Guten zum Schlechten verändern, dass wir auf den abschüssigen Weg geraten. Etwas, das ganz langsam wächst und wächst, dann andere ansteckt und sich schließlich rechtfertigt. Schwerlich kommen uns die Versuchungen auf einen Schlag, der Teufel ist schlau. Und er weiß diesen Weg zu gehen, denselben, den er gegangen ist, um zur Verurteilung Jesu zu gelangen.

Wenn wir gesündigt haben, gefallen sind, ja, dann müssen wir hingehen und den Herrn um Vergebung bitten. Das ist der erste Schritt, den wir gehen müssen. Aber dann müssen wir uns fragen: »Wie ist es dazu gekommen, dass ich dort gefallen bin? Wie hat dieser Prozess in meiner Seele begonnen? Wie ist er gewachsen? Wen habe ich angesteckt? Und wie habe ich mich am Schluss gerechtfertigt, um zu fallen?«

Das Leben Jesu ist immer ein Beispiel für uns und die Dinge, die Jesus geschehen sind, werden auch uns geschehen, die Versuchungen, die Rechtfertigungen, die guten Menschen in unserer Umgebung, und vielleicht spüren wir es nicht, und die Schlechten: im Augenblick der Versuchung bemühen wir uns, ihnen näherzukommen, um die Versuchung wachsen zu lassen. Aber das dürfen wir niemals vergessen: Hinter einer Sünde, hinter einem Fall, steht immer eine Versuchung, die klein angefangen hat, die gewachsen ist, die angesteckt hat, und zuletzt finde ich eine Rechtfertigung, um zu fallen. Der Heilige Geist möge uns erleuchten bei dieser inneren Erkenntnis.

Der Papst lud alle, die die sakramentale Kommunion nicht empfangen können, mit dem folgenden Gebet zur geistlichen Kommunion ein: »Mein Jesus, ich glaube, dass du im allerheiligsten Sakrament des Altares zugegen bist. Ich liebe dich über alles und meine Seele sehnt sich nach dir. Da ich dich aber jetzt im Sakrament des Altares nicht empfangen kann, so komme wenigstens geistigerweise zu mir. Ich umfange Dich, als wärest Du schon bei mir und vereinige mich mit Dir! Ich bete Dich in tiefster Ehrfurcht an. Lass nicht zu, dass ich mich je von Dir trenne.«

Nach einer Zeit der Anbetung und dem eucharistischen Segen wurde in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta, die dem Heiligen Geist geweiht ist, die marianische Antiphon Ave Regina Caelorum angestimmt.