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Ungewöhnlicher Orden zur Verteidigung des Glaubens

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Die Mercedarier in der Ewigen Stadt

30 April 2020

Er gehört, wie seine Entstehungsgeschichte beweist, zu den ungewöhnlichsten religiösen Orden der Kirche: der »Ordo Beatae Mariae de Mercede redemptionis captivorum« (Orden der Seligen Jungfrau Maria der Barmherzigkeit vom Loskauf der Gefangenen), kurz »Mercedarierorden« genannt. In Rom betreut er erfolgreich mehrere Pfarreien und Gesundheitseinrichtungen.

So manche Besucher der Ewigen Stadt, auch aus dem deutschsprachigen Raum, nehmen sich Zeit, um außer den berühmten Sehenswürdigkeiten des Vatikans und des historischen Zentrums auch angrenzende Wohnviertel zu besichtigen. In der Absicht, auch das nach der italienischen Einigung 1870 entstandene neue Rom kennenzulernen und so – wenigstens annähernd – ein Gesamtbild der Tibermetropole in Erinnerung zu behalten.

Zu empfehlen ist diesen Touristen beispielsweise ein Spaziergang vom Gotteshaus San Roberto Bellarmino im Nobelviertel Parioli, der einstigen Titelkirche des argentinischen Kardinals und jetzigen Papstes Bergoglio, über die Viale Liegi gen Westen. Bis hin zu dem im frühen 20. Jahrhundert entstandenen, nach seinem Architekten Gino Coppedè benannten Gebäudekomplex »Coppedè«, den Fachleute »wegen seiner Mischung aus dem Jugendstil und Art Déco als äußerst originell« rühmen.

Vor dem Coppedè, an der Piazza Buenos Aires, befindet sich die 1919 erbaute – durch ihren hohen Campanile auffallende – argentinische Nationalkirche Santa Maria Vergine Addolorata. Bis 1989 wurde sie von Priestern des Mercedarierordens (Kürzel: OdeM) betreut. Und schräg gegenüber, an der Viale Regina Margherita, liegt das mächtige Gotteshaus Santa Maria della Mercede e Sant’Adriano, zu dem eine vielfältig aktive Pfarrei gehört. Auch diese Pfarrgemeinde ist den Mercedariern anvertraut.

Durch diese beiden Gotteshäuser fällt ein Schlaglicht auf die Mercedarier. Sie zählen, wegen ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung, wohl zu den bemerkenswertesten religiösen Gemeinschaften der Kirche – und sie haben eine hochinteressante Geschichte.

Entstanden ist der Orden als Laienbruderschaft im frühen 13. Jahrhundert im nordspanischen Königreich Aragón – mit dem ausdrücklichen Zweck, die in maurische Gefangenschaft geratenen und versklavten Christen freizukaufen. Die Bruderschaft wurde 1235 durch eine Bulle von Papst Gregor IX. (1227-1241) als katholischer Orden anerkannt. So die historische Quellenlage. Demgegenüber besagt die Tradition der Gemeinschaft konkret: Der Orden entstand infolge einer Marienerscheinung, bei der »Maria de Mercede« (Maria der Barmherzigkeit) den gottesfürchtigen, später heiliggesprochenen Mann Petrus Nolascus mit der Gründung eines Ordens zum Freikauf von Christen beauftragte. Damit würde auch der Namen des Ordens verständlich.

Wie auch immer, Anfang des 14. Jahrhunderts wurde die Laienbruderschaft zu einem Priesterorden mit einem Generalmagister umgestaltet, dem sich allerdings – gleichsam als »zweite Klasse« – auch Laien anschließen durften. Die Mercedarier sammelten Spenden und organisierten in unregelmäßigen Abständen sogenannte »Freikauffahrten«. Die von den Muslimen Losgekauften waren verpflichtet, sich für eine gewisse Zeit an der Spendensammlung zu beteiligen.

Neue Untersuchungen besagen, dass zwischen 1235 und 1480 etwa 2500 gefangene Christen losgekauft wurden. Verschiedene Historiker gehen davon aus, dass es Praxis im Orden war, sich notfalls selbst – anstelle gefangener Christen – in Geiselhaft zu begeben. Eine Konstitution von 1588 verlangte in der Tat von den Mercedariern neben den üblichen Gelübden (Armut, Keuschheit, Gehorsam) ein viertes Sondergelübde (votum redemptionis), das folgende Verpflichtung beinhaltet: »…und in der Macht der Sarazenen verbleibe ich, wenn es zur Befreiung der gläubigen Christen nötig ist«.

Etwa zur gleichen Zeit expandierte der Orden im Gefolge der spanischen Eroberer in Mittel- und Südamerika. Durch die dortigen Leistungen, Einnahmen und Kontakte wuchs das Ansehen des »Ordo Beatae Mariae de Mercede« auch im spanischen Mutterland, was sich etwa durch die Beauftragung mit hohen kirchlichen Ämtern zeigte. Hinzu kam, dass die Mercedarier in der Papstdiözese Rom sowie in verschiedenen europäischen Ländern Fuß fassten.

Die weiteren Etappen? Seit 1690 hat der Orden auch einen weiblichen Zweig. Außerdem gab und gibt es die Gruppe der Mercedarier-Ritter. Im frühen 19. Jahrhundert geriet die religiöse Gemeinschaft vorübergehend in eine bedrohliche Krise, weil sie infolge der Französischen Revolution ihre Klöster in Frankreich verlor. 1835 wurden sogar die Niederlassungen in Spanien und Italien aufgehoben. Seit der Wiederzulassung widmen sich die Ordensmitglieder vor allem pastoralen, missionarischen und sozialen Aufgaben.

Und die Mercedarier heute? Laut einer Statis­tik des Jahres 2009 verfügte der männliche Ordenszweig zu diesem Zeitpunkt über 157 Häuser und 724 Mitglieder. Es gab Niederlassungen in 22 Ländern. Zehn Mercedarier hatten Bischofsämter inne. Was die weiblichen Ordensmitglieder anlangt, so liegen nur Zahlen für 1997 vor: Damals lebten 173 Mercedarierinnen in elf Klöstern, die »entweder das kontemplative oder das aktive Leben betonen«. Freilich: Seit 1997 beziehungsweise 2009 ist die Zahl der Ordensmitglieder – wie bei vielen religiösen Kongregationen – sehr zurückgegangen.

Der Mercedarierorden, heißt es in einer offiziösen Schrift der Gemeinschaft, betreut Schulen und karitative Projekte, die sich »gegen neue Formen der sozialen, politischen und psychologischen Sklaverei wenden«. Das Päpstliche Jahrbuch formuliert die Hauptziele des Ordens etwas anders: »Verteidigung des Glaubens, Apostolat unter Häftlingen, Erziehung und Pfarrdienst«. Kurzum, ein breitgefächertes Aufgabenfeld.

Die Generalkurie, also die Zentrale, der Mercedarier befindet sich – wie bei den meisten Orden – in Rom, konkret in der Via Monte Carmelo im Westen der Stadt. »Generalmagister«, also die Nummer Eins, ist der Spanier Juan Carlos Saavedra Lucho. Die Mercedarier haben in der Tiberstadt ein eigenes Seminar mit derzeit 14 angehenden Priestern, außerdem betreuen sie zwei Pfarreien und verschiedene Gesundheitseinrichtungen. Ein Beispiel für die letztgenannte Aktivität? Unweit des Coppedè befindet sich die »Casa di Cura« (Pflegeheim) »Nostra Signora della Mercede«. Wobei die wörtliche Übersetzung des italienischen Begriffs einen völlig falschen Eindruck vermittelt – denn es handelt sich um eine teure Privatklinik. (In Italien heißen fast alle derartigen Kliniken überaus bescheiden »Case di Cura«.)

Um die pastorale Arbeit der Mercedarier in der Ewigen Stadt zu würdigen, hier ein Streiflicht auf die schon eingangs kurz erwähnte Kirche »Santa Maria della Mercede e Sant’Adriano« samt der dazugehörigen Pfarrei. Papst Pius XI. war es, der 1932 diese Pfarrei im Stadtteil Salario-Trieste gründete und sie den Priestern des Ordens anvertraute. Freilich, erst 1958, also im Pontifikat von Pius XII., erhielt die Pfarrei ihre jetzige Kirche an der Viale Regina Margherita.

Warum der Zusatz »Sant’Adriano« im Namen? Weil man 1958/59 die Altäre, die Engelsfiguren und die barocken Weihwasserbecken aus dem zerstörten gleichnamigen Sakralbau am Forum Romanum hierher brachte. Auch das Gemälde »Il Sacro Cuore« (Heiligstes Herz Jesu) des bedeutenden Barockmalers Carlo Maratta (1625-1713) in der neuen Kirche stammt aus »Sant’Adriano«.

Das Gotteshaus in der Viale Regina Margherita entstand nach Plänen des Architekten Marco Piloni in Form einer Basilika. In der Apsis fällt ein Fresko auf, das die Verherrlichung der Gottesmutter mit den Heiligen aus dem Mercedarierorden darstellt. Eindrucksvoll sind ferner auch die Buntglasfenster.

Zu den Sonntagsmessen kommen hier im Durchschnitt 150 Gläubige. Außer den Gottesdiensten gibt es Katechismus für derzeit 20 Jungen und Mädchen, Eucharistische Anbetung, Kurse für Brautleute und intensive Caritas mit Mahlzeiten für die Armen und Obdachlosen der Umgebung. Pfarrer Nicola Boccuzzo gegenüber unserer Zeitung: »Unsere Gemeinschaft ist gottlob sehr lebendig. Die Seelsorge im weitesten Sinn für unsere Gläubigen verlangt vollen Einsatz – aber sie ist auch eine große Genugtuung für uns Mercedarier.«

Bernhard Hülsebusch (†)