Klugheit und Gehorsam, um eine Wiederkehr der Pandemie zu verhin

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Bei der Messe in Santa Marta warnte der Papst auch davor, andere Menschen durch Klatsch zu lynchen

28 April 2020

Zu Beginn der Frühmesse im Gästehaus Santa Marta am Dienstag, dem 28. April, formulierte Papst Franziskus sein Gebetsanliegen: »In dieser Zeit, in der es erste Bestimmungen gibt, um aus der Quarantäne herauszukommen, wollen wir den Herrn bitten, dass er seinem Volk, uns allen, die Gnade der Umsicht und des Gehorsams gegenüber den Bestimmungen schenken möge, damit die Pandemie nicht zurückkehrt.«

In seiner Predigt mahnte Papst Franziskus mit Bezug auf den Bericht von der Steinigung des Erzmärtyrers Stephanus (Apg 7,51-8,1a) vor dem Übel der Lynchjustiz, die oft mit Klatsch beginne. Er sagte:

In der Ersten Lesung dieser Tage haben wir vom Martyrium des Stephanus gehört: eine einfache Sache, wie es geschehen ist. Die Gesetzeslehrer duldeten die Klarheit [seiner] Lehre nicht, und gleich nach ihrer Verkündigung haben sie einige Männer angestiftet zu sagen, sie hätten gehört, dass Stephanus gegen Gott, gegen das Gesetz gelästert habe (vgl. Apg 6,11-14). Und danach stürmten sie auf ihn los und steinigten ihn: so, ganz einfach (vgl. Apg 7,57-58). Dieses Handlungsschema tritt nicht zum ersten Mal auf: Auch mit Jesus haben sie dasselbe getan (vgl. Mt 26,60-62). Das anwesende Volk, das unsicher war, haben sie zu überzeugen versucht, dass er ein Gotteslästerer sei, und es hat geschrien: »Kreuzige ihn!« (Mk 15,13). Das ist eine Bestialität. Eine Bestialität: von falschen Zeugnissen auszugehen, um »Gerechtigkeit herzustellen«. Das ist das Schema. Auch in der Bibel gibt es solche Fälle: Susanna wurde dasselbe angetan (vgl. Dan 13,1-64), Nabot wurde dasselbe angetan (vgl. 1 Kön 21,1-16), und dann hat Haman versucht, dem Volk Gottes dasselbe anzutun (vgl. Est 3,1-14). Falsche Nachrichten, Verleumdungen, die die Gemüter des Volkes erhitzen und Gerechtigkeit fordern. Das ist Lynchjustiz, wahre Lynchjustiz.

Und so führen sie ihn vor den Richter, damit der Richter dem Ganzen eine legale Form verleihe: Aber er ist bereits verurteilt worden. Der Richter muss sehr, sehr mutig sein, um sich gegen ein »so populäres« Urteil zu wenden, das mit Absicht gefällt wurde, das vorbereitet war. Es ist wie bei Pilatus: Pilatus sah ganz deutlich, dass Jesus unschuldig war, aber er sah das Volk, er wusch sich die Hände (vgl. Mt 27,24-26). Es ist eine Art, Rechtsprechung auszuüben. Auch heute sehen wir das: Auch heute kommt es vor, in einigen Ländern, wenn man einen Staatsstreich machen oder einen Politiker »beseitigen will«, damit er nicht für die Wahl kandidieren kann: falsche Nachrichten, Verleumdungen, dann vertraut man es einem jener Richter an, denen es gefällt, Rechtsprechung zu betreiben mit jenem »situationsgebundenen« Positivismus, der in Mode ist; und dann die Verurteilung. Es ist gesellschaftliche Lynchjustiz. Und so geschah es mit Stephanus; so wurde das Urteil über Stephanus gesprochen: Jemanden wird vor den Richter geführt, der vom Volk, das getäuscht wurde, bereits verurteilt worden ist.

Das geschieht auch mit den heutigen Märtyrern: Die Richter haben keine Möglichkeit, Gerechtigkeit herzustellen, weil sie bereits verurteilt worden sind. Denken wir an Asia Bibi zum Beispiel. Wir haben gesehen: zehn Jahre im Gefängnis, weil sie aufgrund einer Verleumdung verurteilt wurde und von einem Volk, das ihren Tod will. Angesichts dieser Flut an falschen Nachrichten, die meinungsbildend sind, kann man oft nichts tun: Man kann nichts tun.

Ich denke oft an die Shoah. Die Shoah ist ein solcher Fall. Es wurde die Stimmung gegen ein Volk geschaffen, und dann war es normal zu sagen: »Ja, ja, sie müssen getötet werden, sie müssen getötet werden.« Eine Vorgehensweise, um Menschen zu »beseitigen«, die lästig sind, die stören.

Wir alle wissen, dass dies nicht gut ist. Was wir nicht wissen, ist jedoch, dass es eine kleine tägliche Lynchjustiz gibt, die versucht, Menschen zu verurteilen, Menschen in einen schlechten Ruf zu bringen, sie auszusondern, sie zu verurteilen: die kleine tägliche Lynchjustiz des Klatsches, der eine Meinung schafft. Oft hört man, wie über jemanden schlecht geredet wird, und sagt: »Aber nein, das ist ein gerechter Mensch!« – »Nein, nein, man sagt, dass…« – Und mit diesem »man sagt, dass« schafft man eine Meinung, um diesen Menschen fertigzumachen. Die Wahrheit ist eine andere: Die Wahrheit ist das Zeugnis des Wahren, der Dinge, die jemand glaubt; die Wahrheit ist klar, sie ist transparent. Die Wahrheit duldet keinen Druck. Schauen wir auf Stephanus, den Märtyrer: den ersten Märtyrer nach Jesus. Den ersten Märtyrer. Denken wir an die Apostel: Alle haben Zeugnis abgelegt. Und denken wir an die vielen Märtyrer, auch an jenen, dessen Gedenktag wir heute feiern, den heiligen Pierre Chanel: Der Klatsch hat [die Meinung] geschaffen, dass er gegen den König war… Man bringt ihn in Verruf, und er wird ermordet. Und denken wir an uns, an unsere Zunge: Oft beginnen wir mit unseren Kommentaren einen solchen Lynchmord. Und in unseren christlichen Einrichtungen haben wir viele tägliche Lynchmorde gesehen, die aus dem Klatsch entstanden sind.

Der Herr möge uns helfen, in unseren Urteilen gerecht zu sein, diese massive Verurteilung, die der Klatsch hervorruft, nicht zu beginnen oder weiterzuführen.

Der Papst lud alle, die die sakramentale Kommunion nicht empfangen können, mit dem folgenden von Kardinal Merry del Val verfassten Gebet zur geistlichen Kommunion ein: »Zu deinen Füßen, o mein Jesus, werfe ich mich nieder und bringe Dir die Reue meines zerknirschten Herzens dar, das sich mit seinem Nichts in Deiner heiligen Gegenwart verdemütigt. Ich bete Dich an im Sakrament Deiner Liebe, der unfassbaren Eucharistie. Ich sehne mich danach, Dich in der armen Wohnstatt meines Herzens zu empfangen. Während ich das Glück der sakramentalen Kommunion erwarte, möchte ich Dich im Geist besitzen. Komm zu mir, o mein Jesus, da ich zu Dir komme! Die Liebe umfange mein ganzes Sein im Leben und im Tod. Ich glaube an Dich, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich. Amen.«

Nach einer Zeit der Anbetung und dem eucharistischen Segen wurde in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta die österliche marianische Antiphon Regina Caeli angestimmt.