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Wenn die Menschen Hunger haben

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In der heiligen Messe im Gästehaus Santa Marta bat der Papst die Priester und Ordensfrauen, mitten unter den Menschen mutig Zeugnis für Christus zu geben

28 März 2020

Zu den Folgen der Pandemie zählt auch das Schreckgespenst der Hungers: Für diejenigen, die in immer extremeren Situationen der Armut leben, und für die Priester und Ordensschwestern, die keine Angst haben dürfen, in diesen dramatischen Stunden mitten unter den Menschen zu sein, um ihnen Christus zu bringen, feierte Papst Franziskus am Samstagmorgen, 28. März, das heilige Messopfer in der Kapelle von Santa Marta.

»In diesen Tagen sind in einigen Teilen der Welt die Folgen der Pandemie, einige der Folgen, deutlich geworden, und eine von ihnen ist der Hunger«, so Franziskus zu Beginn der Messfeier, die via Livestream übertragen wurde. »Es wird erkennbar, dass Menschen beginnen, Hunger zu haben, weil sie nicht arbeiten können, da sie keine feste Anstellung hatten, und aus vielen Gründen«, bemerkte der Bischof von Rom. »Man sieht bereits das ›Danach‹, das, was später sein wird, aber es beginnt jetzt schon.« Insbesondere wollen wir beten »für die Familien, die aufgrund der Pandemie in Not geraten sind«, fügte der Papst hinzu und verlieh seiner Bitte mit den Versen aus Psalm 18 (5-7) Nachdruck, dem Eröffnungsvers: »Mich umfingen die Fesseln des Todes. Die Bande der Unterwelt umstrickten mich. In meiner Not rief ich zum Herrn. Aus seinem Heiligtum hörte er mein Rufen.«

»Dann gingen alle nach Hause«: Franziskus begann seine Meditation mit den letzten Worten des in der Liturgie verlesenen Abschnitts aus dem Johannesevangelium (7,40-53). »Nach der Diskussion und all dem, kehrte jeder zu seinen eigenen Überzeugungen zurück.« Aber das Evangelium sage, dass es »im Volk eine Spaltung gab: Das Volk, das Jesus folgt, hört ihm zu. Es bemerkt nicht einmal, wie viel Zeit vergeht, wenn es Jesus zuhört: Das Wort Jesu trifft sie ins Herz.« Auf der anderen Seite aber gebe es die »Gruppe der Schriftgelehrten, die Jesus von vornherein ablehnen, weil er sich nicht an das Gesetz hält, wie sie es für richtig halten«.

Es »gibt demnach zwei Personengruppen«: Da sei zum einen »das Volk, das Jesus liebt und ihm folgt. Und dann ist da die Gruppe der Intellektuellen des Gesetzes, der Ältesten Israels, der Anführer des Volkes.« Und »das ist ganz klar zu sehen: ›Als die Gerichtsdiener zu den Hohenpriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht? Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen. Da entgegneten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch in die Irre führen lassen? Ist etwa einer vom Hohen Rat oder von den Pharisäern zum Glauben an ihn gekommen? Dieses Volk jedoch, das vom Gesetz nichts versteht, verflucht ist es.‹«

»Diese Gruppe der Schriftgelehrten, die Elite, empfindet Verachtung für Jesus«, erläuterte Franziskus. Aber »sie empfinden auch Verachtung für die Menschen, ›dieses Volk‹, das dumm ist, das keine Ahnung hat«. Und so »glaubt Gottes treues, heiliges Volk an Jesus, es folgt ihm«. Während »diese elitäre Gruppe, die Schriftgelehrten, sich vom Volk trennen und Jesus nicht annehmen«. Das stelle man sich die Frage, »warum« das so sei, wenn man bedenke, dass »gerade sie bedeutend und intelligent waren, dass sie studiert hatten«. Tatsache sei, dass sie »einen großen Fehler hatten: Sie hatten die Erinnerung an ihre eigene Zugehörigkeit zum Volk verloren.«

»Das Volk Gottes folgt Jesus«, unterstrich Franziskus und fügte hinzu: Auch wenn »es nicht erklären kann warum«. Dennoch »folgt es ihm, trifft das Herz, und es wird nicht müde«. In diesem Zusammenhang verwies der Papst auf das Wunder »der Brotvermehrung: Sie waren den ganzen Tag mit Jesus zusammen, so dass die Apostel zu Jesus sagen: ›Schick sie weg, damit sie hingehen und sich etwas zu essen kaufen!‹« Sogar »die Apostel distanzierten sich von ihnen. Sie verachteten sie nicht, aber sie ließen das Volk Gottes außer Acht: ›Sie sollen etwas essen gehen.‹« »Die Antwort Jesu aber« laute: »Gebt ihr ihnen zu essen!« Auf diese Weise stelle Jesus seine Apostel »wieder mitten unter das Volk«.

Der Papst betonte mit einem Hinweis auf das erste Buch Samuel, dass »diese Spaltung zwischen der Elite der religiösen Führer und dem Volk ein sehr altes Drama ist. Denken wir - im Alten Testament - auch an die Haltung der Söhne Elis im Tempel: Sie gebrauchten das Volk Gottes für eigene Zwecke, und wenn sie kamen, um das Gesetz zu erfüllen, sagte jemand von ihnen, ein wenig atheistisch: ›Sie sind abergläubisch.‹« Das sei »die Verachtung Volkes, die Verachtung der Menschen, die nicht so gebildet sind wie wir, die studiert haben, die Bescheid wissen«. Das seien ihre Gedanken gewesen.

»Das Volk Gottes dagegen besitzt eine große Gnade: den Spürsinn«, so Franziskus. Es sei »das Gespür dafür, wo der Heilige Geist ist«. Denn das Volk »ist sündig wie wir, es ist sündig, aber es hat diesen Spürsinn, die Wege des Heils zu kennen«.

»Das Problem der Eliten, der elitären Kleriker wie diese, ist, dass sie die Erinnerung an ihre eigene Zugehörigkeit zum Volk Gottes vergessen haben«, unterstrich der Papst erneut. »Sie sind auf falsche Weise anspruchsvoll geworden, sie sind in einen anderen gesellschaftlichen Rang aufgestiegen, sie fühlen sich als Anführer: Das ist Klerikalismus«, den es bereits zur Zeit Jesu gegeben habe. Eine klerikale Mentalität, die auch in der gegenwärtigen Situation der Pandemie die Mission mit dem Volk und für das Volk negativ zu beeinflussen drohe. Der Papst fuhr fort: »So habe ich in diesen Tagen gehört: Ja, aber wieso gehen diese Schwestern, diese Priester, die gesund sind, zu den Armen, um ihnen etwas zu essen zu bringen, und könnten sich so mit dem Coronavirus anstecken? Sagen Sie doch der Oberin, dass sie die Schwestern nicht rausgehen lassen soll! Sagen Sie dem Bischof, dass er die Priester nicht rausgehen lassen soll! Sie sind für die Sakramente da! Zu essen geben, dafür soll die Regierung sorgen!«

Franziskus fügte hinzu: Genau »davon spricht man in diesen Tagen: dasselbe Thema«. Wie um zu sagen, dass das Volk »aus Menschen zweiter Klasse besteht: Wir sind die herrschende Klasse, wir dürfen uns die Hände nicht mit den Armen schmutzig machen.«

»Oft denke ich: Das sind gute Leute – Priester, Schwestern -, die nicht den Mut haben, den Armen zu dienen«, fuhr der Papst fort und wies darauf hin, dass dort allerdings »etwas fehle«. Und es sei genau das, »was diesen Menschen fehlte, den Schriftgelehrten: Sie haben die Erinnerung verloren, sie haben das verloren, was Jesus im Herzen fühlte«, und zwar »dass er Teil seines Volkes war«. Sie haben »vergessen, was Gott zu David gesagt hat: ›Ich habe dich von der Herde weggeholt.‹ Sie haben die Erinnerung an ihre eigene Zughörigkeit zur Herde verloren.«

Zum Tagesevangelium zurückkehrend wiederholte der Papst: Also »sie gingen alle zu sich nach Hause«. Es gebe »eine Spaltung«. Und dann betrete Nikodemus die Bühne, »der ein besorgter, vielleicht nicht sehr mutiger und zu diplomatischer Mann war, der aber beunruhigt war: Er war zu Jesus gegangen, aber er war treu, so wie er konnte«. »Nikodemus, der etwas erkannt hatte, möchte vermitteln und entnimmt es dem Gesetz: ›Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?‹« Das Evangelium gibt auch wieder, was man ihm erwiderte, ohne aber auf die Frage nach dem Gesetz einzugehen: ›Bist du vielleicht auch aus Galiläa? Lies doch nach: Der Prophet kommt nicht aus Galiläa.‹ Praktisch hätten sie zu Nikodemus gesagt: »Du hast keine Ahnung.« Und »so haben sie die Geschichte beendet«.

Unter diesem Aspekt forderte Franziskus auf, »auch heute an die vielen qualifizierten Männer und Frauen im Dienst Gottes zu denken, die tüchtig sind und dem Volk dienen, an die vielen Priester, die sich nicht vom Volk trennen«. Er erzählte: »Vorgestern habe ich ein Foto von einem Priester erhalten, der Pfarrer in den Bergen ist, viele kleine Dörfer, dort, wo es schneit, und im Schnee trug er die Monstranz in die kleinen Dörfer, um den Segen zu geben. Der Schnee kümmerte ihn nicht. Es kümmerte ihn nicht, dass seine Hände, die das Metall der Monstranz berührten, vor Kälte brannten: Seine einzige Sorge war, Jesus zu den Menschen zu bringen.«

Abschließend lud der Papst zu einer Gewissenserforschung ein: »Denken wir, jeder von uns, darüber nach, auf welcher Seite wir stehen: ob wir in der Mitte stehen, ein wenig unentschieden, ob wir beim Empfinden des Volkes Gottes sind, dem treuen Gottesvolk, das nicht irren kann«, weil es »jene infallibilitas in credendo besitzt«. Aber »denken wir auch an die Elite, die sich vom Volk Gottes entfernt, an jenen Klerikalismus«. In diesem Zusammenhang werde uns »allen vielleicht der Rat gut tun, den Paulus seinem Schüler, dem jungen Bischof Timotheus, gibt: Denke an deine Mutter und an deine Großmutter.« Wenn »Paulus diesen Rat gibt, dann deshalb, weil er die Gefahr sehr gut kannte, in die uns dieses Elitegefühl in unserer Führung bringt«.

Wie in den vergangenen Tagen lud der Papst diejenigen, »die aufgrund der Distanz nicht kommunizieren können«, zur geistlichen Kommunion ein und verlas dazu ein Gebet von Kardinal Merry del Val. Es folgten eine Zeit der Anbetung in Stille und der Eucharistische Segen. Abschließend vertraute er vor der Marienstatue der Kapelle sein Gebet der Muttergottes an, während die Antiphon Ave Regina Caelorum gesungen wurde.

Die Gebetsanliegen des Papstes wurden dann am Mittag vom Erzpriester der Vatikanbasilika, Kardinal Angelo Comastri, beim Gebet des Angelus und des Rosenkranzes wieder aufgenommen.