· Vatikanstadt ·

In der heiligen Messe in Santa Marta betete der Papst für all jene, die den Menschen auf heroische Weise an vorderster Front beistehen

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· ​Für die Priester, Ärzte und Pfleger, die im Dienst an den Kranken ihr Leben hingegeben haben ·

24 März 2020

»Ich habe erfahren, dass in diesen Tagen mehrere Ärzte, Priester und vielleicht auch Pfleger verstorben sind: Sie haben sich angesteckt, sie sind krank geworden, weil sie den Kranken gedient haben. Wir wollen für sie und ihre Familien beten, und ich danke Gott für das heroische Beispiel, das sie uns bei der Pflege der Kranken geben.« In diesem inständigen Anliegen hat Papst Franziskus am Dienstagmorgen, 24. März, die heilige Messe in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta gefeiert.

 

Mit seinen Worten zu Beginn der Eucharistiefeier – die, wie dies seit dem 9. März jeden Tag der Fall ist, via Livestream übertragen wurde – hat der Bischof von Rom all jene, die derzeit im Kampf gegen die Pandemie an vorderster Front tätig sind, seine Nähe noch deutlicher spüren lassen. Bis zum heutigen Tag sind in Italien 24 Ärzte und circa 50 Priester in der Erfüllung ihrer Mission an der Seite der Kranken verstorben. Fast fünftausend Mitarbeiter im Gesundheitswesen haben sich angesteckt.

Franziskus verlieh dieser seiner Bitte noch größere Eindringlichkeit mit den Worten des Propheten Jesaja (55,1) aus dem Eröffnungsvers: »˃Ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser!˂, so spricht der Herr. ˃Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kommt und trinkt voll Freude! ˂«

Bei der Predigt ging der Papst in seiner Meditation von den liturgischen Texten des Tages aus: der Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel (47,1-9.12) und vor allem dem Evangelium nach Johannes (5,1-16), das von der Heilung eines Kranken am Teich von Betesda in Jerusalem berichtet. Und er versäumte es nicht, insbesondere vor der Sünde der »Acedia«, dem »Überdruss an geistlichen Dingen« oder der »geistigen Trägheit«, zu warnen.

»Die heutige Liturgie lässt uns über das Wasser nachdenken«, unterstrich der Papst: »Das Wasser als Symbol des Heils, denn es ist ein Heilmittel. Aber das Wasser ist auch ein Mittel der Zerstörung: denken wir an die Sintflut.« Doch »in den heutigen Texten ist das Wasser ein Mittel des Heils«.

Denn, so erklärte er, die Lesung spricht von »jenem Wasser, das Leben bringt, das das salzige Meerwasser gesund macht: ein neues Wasser, das gesund macht«. Und dann gebe es im Evangelium »jenen Teich voller Wasser, wo die Kranken hingingen, um gesund zu werden. Denn man sagte, dass das Wasser immer wieder aufwalle, als wäre es ein Fluss, weil ein Engel vom Himmel kommen würde und das Wasser in Bewegung setze: der erste oder die ersten, die in das Wasser stiegen, würden geheilt.«

Aus diesem Grund hätten sich »viele Kranke« dorthin begeben. Johannes schreibe, dass dort »viele Kranke lagen, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte«. Sie »waren alle dort und warteten auf Heilung, dass das Wasser aufwallen würde«, fügte Franziskus hinzu. Das Evangelium berichte, dass »dort auch ein Mann lag, der schon 38 Jahre krank war«. Er »war seit 38 Jahren dort und wartete auf Heilung: Das macht nachdenklich, nicht wahr? Das ist ein wenig lang, denn einer, der geheilt werden will, sorgt dafür, dass er zurechtkommt, und sieht zu, dass ihm jemand hilft. Er tut etwas, er ist flink und auch ein bisschen schlau.« Jener Mann dagegen sei seit 38 Jahren dort am Teich von Betesda gewesen, »so dass man nicht genau sagen kann, ob er krank oder tot war«.

Unter diesem Aspekt setzte Franziskus die Deutung des Evangeliums fort: »Als Jesus ihn dort liegen sieht und weil er die Wahrheit kennt, dass er nämlich seit langer Zeit dort war, fragt er ihn: ˃Willst du gesund werden?˂« Die Antwort des Mannes »ist interessant: Er sagt nicht ˃Ja˂, sondern beklagt sich. Über die Krankheit? Nein.« Denn Johannes schreibe: »Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe« - »während ich dabei bin, mich zu entscheiden loszugehen«, fügte der Papst hinzu -, »steigt schon ein anderer vor mir hinein.«

Kurzum, so fuhr der Papst fort, er »ist ein Mann, der immer zu spät kommt«. Doch da »sagt Jesus zu ihm: ˃Steh auf, nimm deine Bahre und geh!˂ Und in jenem Augenblick wurde der Mann gesund.«

Franziskus forderte dazu auf, an die Haltung des von Jesus geheilten Mannes zu denken: »War er krank? Ja, vielleicht hatte er einige Lähmungserscheinungen, aber offensichtlich konnte er ein wenig laufen.« Der Papst unterstrich: In Wirklichkeit »war er im Herzen krank, war er in der Seele krank, er war an Pessimismus erkrankt, er war an Traurigkeit erkrankt, er war an geistiger Trägheit, Acedia, erkrankt«.

Genau »das ist die Krankheit dieses Mannes: ˃Ja, ich will leben.˂ Aber ˃er blieb dort liegen˂.« Die Antwort auf die Frage Jesu hätte lauten müssen: »Ja, ich will geheilt werden!« Und sicherlich keine Klage, wie sie uns dagegen Johannes in seinem Evangelium berichtet, indem er dessen Worte widergibt, als wolle er sagen: »Die anderen sind es, die zuerst ankommen, immer die anderen.« Denn so werde »die Antwort auf das Angebot der Heilung durch Jesus zu einer Anklage der anderen: und so blieb es 38 Jahre lang, er beklagte sich über die anderen und tat nichts, um gesund zu werden«.

»Es war ein Sabbat, und wir haben gehört, was die Schriftgelehrten taten.« Der Papst fuhr fort, indem er darauf hinwies, dass dem soeben geheilten Mann vorgehalten worden sei, dass es ihm nicht erlaubt war, seine Bahre zu tragen. Doch »der Schlüssel ist die anschließende Begegnung mit Jesus: Er traf ihn im Tempel und Jesus sagte zu ihm: ˃Jetzt bist du gesund; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt.˂«

Tatsächlich, so Franziskus weiter, »war dieser Mann wirklich in der Sünde, aber nicht, weil er eine große Sünde begangen hätte, nein«. Er habe »die Sünde des Überlebens und gleichzeitigen Klagens über das Leben der anderen begangen: die Sünde der Traurigkeit, die die Saat des Teufels ist, der Unfähigkeit, eine Entscheidung in Bezug auf das eigene Leben zu treffen. Ja doch, das Leben der anderen betrachten, um sich zu beklagen.« Nicht einmal »um sie zu kritisieren«, sondern eben »um sich zu beklagen: ˃Sie gehen zuerst, ich bin das Opfer dieses Lebens.˂ Sich beschweren, diese Menschen leben in einer Atmosphäre des Sich-Beklagens.«

In diesem Zusammenhang schlug Franziskus unter Bezugnahme auf einen anderen Abschnitt aus dem Johannesevangelium (9,1-41) »einen Vergleich mit dem Blindgeborenen« vor, »von dem wir am vergangenen Sonntag gehört haben: Mit was für einer Freude, mit wie großer Entschlossenheit hat er die Heilung aufgenommen! Und wie entschlossen ist er hingegangen, um mit den Schriftgelehrten zu diskutieren!« Dagegen sei der Geheilte aus dem heutigen Evangelium nach Johannes lediglich hingegangen und habe sie »informiert: ˃Ja, er ist es!˂ Punkt und Schluss. Ohne Bezug zum eigenen Leben, ohne das Leben einzusetzen.«

Diese Haltung, so der Papst weiter, »lässt mich an viele von uns denken, an viele Christen, die in diesem Zustand der Acedia leben: Sie sind nicht in der Lage, etwas zu tun, aber beschweren sich über alles«. Diese geistige Trägheit »ist ein Gift, sie ist ein Nebel, der die Seele einhüllt und sie nicht leben lässt. Sie ist auch eine Droge, denn wenn du sie öfter probierst, magst du sie.« Das gehe so weit, dass »du schließlich ein ˃Trauriger-Abhängiger˂ wirst, ein ˃Acedia-Abhängiger˂: Sie ist wie die Luft.«

Es folgte die Aufforderung des Papstes: »Es wird uns gut tun, dieses 5. Kapitel des Johannesevangeliums nochmals zu lesen, um zu sehen, wie diese Krankheit beschaffen ist, der wir zum Opfer fallen können.« Und er wies erneut auf die Haltung des Mannes hin: »Das Wasser ist dazu da, um uns zu retten. - ˃Aber ich kann mich nicht retten.˂ - ˃Warum?˂ - ˃Weil die anderen daran schuld sind.˂ Und ich bleibe 38 Jahre lang dort.« Und als er von Jesus geheilt werde, »ist bei ihm nichts von der Reaktion der anderen Geheilten zu erkennen, die ihre Bahre nehmen, tanzen, singen und danken und die es der ganzen Welt erzählen. Nein, er macht weiter so.« Die anderen sagten ihm, dass er am Sabbat seine Bahre nicht tragen dürfe, und er antworte: »˃Aber der Mann, der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir, dass das geht˂, und er geht weiter.«

Und das sei noch nicht alles, fuhr Franziskus fort: »Statt zu Jesus zu gehen, ihm zu danken und alles, informiert er« seine Gesprächspartner: »Der war es!« Kurz gesagt, »ein eintöniges, ödes Leben, verödet durch diesen schlechten Geist der geistigen Trägheit, der Traurigkeit, der Melancholie«.

»Denken wir an das Wasser, an jenes Wasser, das Symbol unserer Stärke, unseres Lebens ist, an das Wasser, das Jesus benutzt hat, damit wir neu geboren werden: die Taufe.« Und »denken wir auch über uns selbst nach, ob jemand von uns in Gefahr ist, in diese Acedia abzugleiten, diese neutrale Sünde. Die Sünde des Neutralen: weder weiß noch schwarz. Man weiß nicht, was es ist.« »Das ist eine Sünde, die der Teufel benutzen kann, um unser geistliches Leben und auch unser Leben als Personen auszulöschen.«

Der Papst schloss die Predigt mit der Bitte, »dass der Herr uns helfe zu verstehen, wie schlimm und böse diese Sünde ist«.

In der heiligen Messe lud der Papst diejenigen, die nicht kommunizieren können, zur geistlichen Kommunion ein und sprach dazu das Gebet des heiligen Alfons Maria von Liguori, wie bereits in den letzten Tagen. Franziskus schloss die Eucharistiefeier mit der Anbetung und dem eucharistischen Segen ab. Danach vertraute er sein Gebet der Muttergottes an und hielt vor der Marienstatue der Kapelle des Gästehauses Santa Marta inne, begleitet vom Gesang der Antiphon Ave Regina Caelorum.

Die Gebetsanliegen des Bischofs von Rom wurden dann am Mittag beim Gebet des Angelus und des Rosenkranzes wieder aufgenommen, die unter Leitung des Erzpriesters, Kardinal Angelo Comastri, in der Vatikanbasilika stattfanden.