Für die Verstorbenen und ihre Angehörigen

Santa Marta

· Während der Sonntagsmesse gedenkt der Papst der Opfer der Pandemie undlädt dazu ein, Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums zu lesen ·

23 März 2020

»Dieser Tage hören wir die Nachricht von vielen Todesfällen: von Männern, Frauen, die einsam sterben, ohne sich von ihren Lieben verabschieden zu können. Wir denken an sie und beten für sie. Aber auch für die Familien, die ihre Lieben nicht beim Sterben begleiten können. Unser besonderes Gebet gilt den Verstorbenen und ihren Familienangehörigen«.

Für diese innigen Gebetsmeinungen, die er zu Beginn der Messfeier in freier Rede vortrug, feierte Papst Franziskus am Morgen des 22. März in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta die Messe des vierten Fastensonntags, des Laetare-Sonntags. Er ließ es nicht an einem geistlichen Rat mangeln, den er dann auch beim Angelus wieder aufgriff: das Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums zu lesen.

 

Die Eucharistiefeier unter dem Vorsitz des Bischofs von Rom wird seit Montag, 9. März, live in Streaming übertragen: mit dieser Entscheidung will der Papst ein konkretes Zeugnis für seine Nähe zum christlichen Volk geben, das in dieser Zeit der Pandemie physisch außerstande ist, die Messe zu besuchen: er feiert sie Tag für Tag für die Verstorbenen, die Kranken, die Mitarbeiter des Gesundheitswesens, die Verantwortungsträger, für all jene, die die grundlegenden Dienste garantieren, die alten Menschen, die Familien und insbesondere jene, die mit dem Problem von Behinderungen zu kämpfen haben. Und auch für die Pfarrer und Priester, damit sie in ihrer Mission mutig sind – an vorderster Front, für das Volk.

Der Papst wiederholte zunächst sein erstes Gebet für die Verstorbenen und ihre Familien mit den Versen aus dem Buch des Propheten Jesaja (66,10-11), die als Eröffnungsvers gelesen wurden: »Freue dich, Stadt Jerusalem! Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung«.

Für die Predigt orientierte sich der Papst an dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium (9,1-41), der von der Heilung des Blindgeborenen berichtet. Ein Abschnitt, so Franziskus, der »für sich selbst spricht: es ist eine Verkündigung Jesu Christi und auch eine Katechese«.

»Ich möchte nur eine Sache erwähnen«, führte er aus, um dann zu erklären: »Beim heiligen Augustinus steht ein Satz, der mich immer wieder betroffen macht: ›Ich fürchte Christus, wenn er vorübergeht‹ – timeo Dominum transeuntem (Sermo 88, 13). Also, so insistierte der Papst: »›Ich fürchte Christus, wenn er vorübergeht‹ – ›Aber warum fürchtest du den Herrn?‹ – ›Ich habe Angst, dass ich nicht merke, dass es der Christus ist, und dass ich ihn vorbeigehen lasse‹«.

Franziskus führte seine Betrachtung unter Verweis auf den Satz des Bischofs von Hippo fort: »Eines ist klar: in der Gegenwart Jesu blühen die wahren Gefühle des Herzens, die wahren Einstellungen auf: sie kommen heraus«. Und »es ist eine Gnade, und deshalb hatte Augustinus Angst, ihn vorübergehen zu lassen, ohne zu merken, dass er vorüberging«.

Wieder zurück beim Evangelium nach Johannes erklärte der Papst, dass in dieser spezifischen Situation der Vorbeigang Jesu »klar ist: er geht vorbei, er heilt einen Blinden und es entfesselt sich der Skandal«. Ein «Skandal«, fügte er hinzu, bei dem »das Beste und das Schlimmste der Menschen zum Vorschein kommt«. Angefangen bei dem »Blinden: die Weisheit des blinden Mannes, als er antwortet, erstaunt«. Jener Mann »war es [nämlich] gewohnt, sich mit den Händen zu bewegen, er hatte ein Gespür für die Gefahr, er hatte ein Gespür für die gefährlichen Dinge, die ihn ausrutschen lassen konnten«. Und eben deshalb »bewegt er sich wie ein Blinder, mit einer klaren, präzisen Argumentationsweise, und dann bedient er sich auch noch der Ironie und gönnt sich diesen Luxus«.

»Die Gesetzeslehrer ihrerseits, so erklärte der Papst, »kannten alle Gesetze: alle, alle. Aber sie blieben dort stehen. Sie verstanden nicht, wenn Gott vorüberging. Sie waren rigide, sie klammerten sich an ihre Gewohnheiten. Jesus selbst sagt es: an die Gewohnheiten geklammert«. Das sei so weit gegangen, so unterstrich der Papst, dass sie, »wenn sie, um diese Gewohnheiten zu bewahren, Unrecht tun mussten, damit kein Problem hatten, denn die Gewohnheiten sagten, dass dies keine Gerechtigkeit sei, und jene Rigidität führte dazu, dass sie Unrecht taten«. Und so »kommt Christus gegenüber dieses Gefühl der Verschlossenheit zur Anwendung«.

Dadurch, dass Franziskus besonders den Bericht aus dem Evangelium hervorhob, wollte er einen praktischen Rat erteilen: »Nur so viel: ich rate euch allen dazu, euch heute das Evangelium, Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums, vorzunehmen und es zu Hause in Ruhe zu lesen. Einmal, zweimal, um gut zu verstehen, was passiert, wenn Jesus vorübergeht«, um zu verstehen, wie »Gefühle zutage treten«. Und gerade dank der Lesung des Abschnitts aus dem Evangelium, erklärte der Papst, könne man »gut verstehen, was Augustinus uns sagt: ich fürchte den Herrn, wenn er vorübergeht, dass ich ihn nicht wahrnehme und nicht erkenne. Und nicht umkehre«.

Ein Rat, den der Papst erneut am Ende seiner Betrachtungen wiederholen wollte: »Vergesst nicht: lest heute ein, zwei, drei Mal, solange ihr wollt, Kapitel 9 des Johannesevangeliums«.

Auch bei der Messe am Sonntagmorgen lud Papst Franziskus »alle, die weit weg sind«, zur geistlichen Kommunion ein, indem er das Gebet des heiligen Alfons Maria de' Liguori betete. Die Feier endete dann mit der Anbetung und dem eucharistischen Segen. Schließlich vertraute Franziskus der Muttergottes seine Gebetsmeinungen an, wobei er vor dem Marienbild neben dem Altar der Kapelle Santa Marta verharrte, begleitet vom Gesang der Antiphon »Ave Regina caelorum«.

Später stand Kardinal-Erzpriester Angelo Comastri um 10.30 Uhr am Kathedra-Altar in der Vatikanischen Basilika der Feier der Eucharistie vor, bei der die Gebetsmeinungen des Papstes erneut wiederholt wurden.