Das Privatarchiv von Papst Johannes Paul I.

Luciani im Spiegel seiner Aufzeichnungen

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27 Mai 2021

Seine Umzüge von einem Bischofssitz zum anderen waren immer von einem stattlichen persönlichen Reisegepäck begleitet, und nach seiner Wahl auf den Stuhl Petri am 26. August 1978 traf dieses Gepäck auch im päpstlichen Appartement ein: Seine Aufzeichnungen, die Papiere des Privatarchivs von Albino Luciani, Papst Johannes Paul I. Es sind die Papiere eines ganzen Lebens: von 1929 bis zum 28. September seines Pontifikats. Papiere, von deren Existenz man erst zu Beginn des neuen Jahrtausends erfuhr und mit deren erster Sichtung ich 2007 von der Inquisitio diocesana suppletiva beauftragt wurde, die der Bischof von Belluno-Feltre im Rahmen des Kanonisierungsprozesses des aus Venetien stammenden Papstes angeordnet hatte.

Bei einer ersten Sichtung konnte die Art der Schriften identifiziert und die Genese, die Entwicklung und der komplizierte Weg rekonstruiert werden, den dieses Privatarchiv zurückgelegt hatte, das nach dem Tod Johannes Pauls I. am 28. September 1978 vom Apostolischen Palast des Heiligen Stuhles an den Patriarchalsitz von Venedig zurückgesandt worden war.

Es handelt sich dabei um eine ausgesprochen reichhaltige Sammlung heterogenen Dokumentenmaterials aus einem Zeitraum von fünfzig Jahren, um eine Gesamtheit von Papieren, die handschriftliche Papiere, Hefte, Notizen, Terminkalender, Gedrucktes und Korrespondenz umfasst. Die Menge dieser Akten, die vor allem als persönliche Kartei charakterisiert ist, besteht größtenteils aus Ansprachen, Vorlesungen, Vorträgen, Predigten, Artikeln, Veröffentlichungen.

Albino Lucianis Papiere sagen sowohl in ihrer Gesamtheit als auch in ihren Teilen mit Sicherheit viel über das Profil des Mannes aus, der sie verfasst und aufbewahrt hat. Das Privatarchiv weist keine jener in anderen persönlichen Sammlungen so gut erkennbaren Charakteristika auf, die eine bewusst vorgenommene Darstellung der eigenen Erinnerung und der eigenen Identität erkennen lassen. Man stößt in diesem Fall nicht auf die Absicht des Autors, seine Akten dazu zu verwenden, seines Lebens oder eines Projekts zu gedenken: Lucianis Archiv präsentiert sich als das Archiv eines Menschen, das jenen Archiven zuzuordnen ist, die als »Papier- beziehungsweise  Dokumentenspiegel« oder »evidence of identity«, als Identitätsnachweis, bezeichnet werden.

Selbst wenn ausnahmsweise detaillierte Beschreibungen in Tagebuchform vorliegen – so etwa einige Aufzeichnungen bezüglich seiner Teilnahme am Zweiten Vatikanischen Konzil oder über seine Privataudienz bei Johannes XXIII. aus Anlass seiner Bischofsweihe –, scheint Luciani die Form einer persönlichen Tagebuchschreiberei fremd zu sein. Zu den Schriften des Archivs gesellte sich auch eine wohl ausgestattete Bibliothek hinzu. Beide zusammen funktionierten als Werkstatt, das heißt sie stellten das dar, was man als Lucianis Arbeitswerkstatt bezeichnen könnte. Eine unerlässliche Art von work in progress, eine offene Baustelle, aus der er unablässig schöpfen und hinzufügen konnte, und ein Ort, an dem verschiedene Lesarten zusammenflossen, die durch seine Fähigkeit zur Synthese und als Gesprächspartner zum Ganzen gefügt wurden.

Auf der Grundlage der durchgeführten Untersuchung, die dann in die Positio mit eingegangen ist [die Dokumentensammlung für das kirchliche Verfahren zur Feststellung des heroischen Tugendgrads], konnte der ursprüngliche Kern des Privatarchivs aus der Gesamtheit der Papiere ermittelt werden, welche die autographen Schriften von 1929 bis 1959 umfassen, vor allem die Fachhefte, Sammlungen von Manuskripten, die Studiengebiete und Vorlesungen betrafen, die der künftige Johannes Paul I. als Student am Priesterseminar »Gregoriano« in Belluno (mit)geschrieben hatte (1928-1935) und solche, die er später als Dozent in verschiedenen Fächern an eben diesem Institut verfasst hatte (1937-1959). Und dann auch in seiner Eigenschaft als Student an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, im Rahmen seines Lizentiats-Studiums in Theologie.

Zu dieser Dokumentation kommt dann noch jene spezifischere hinzu, die die Veröffentlichung der Dissertation über Antonio Rosmini und die im Dezember 1949 erfolgte Veröffentlichung der Catechesi in briciole (wörtlich: »Brosamen der Katechese«) betrifft, zu der sich ein Teil der das Promotionsstudium und die von ihm ausgeübte Aufgabe als Pro-Generalvikar der Diözese Belluno-Feltre (1948-1953) betreffenden Dokumentation und Korrespondenz hinzugesellte.

Dieser ursprüngliche Kern reicherte sich in den Jahren des bischöflichen Dienstes in Vittorio Veneto (1958-1969) nach und nach um weitere Notizbücher, Hefte, Aufzeichnungen, Schemata, Vorträge, Korrespondenz und Artikel an, wobei eine beträchtliche Materialmenge hinzukam, die sich auf die Bischofskonferenz des »Triveneto« (Venetien), auf die Italienische Bischofskonferenz und auf das Zweite Vatikanische Konzil bezog, an dem Luciani im Lauf aller vier Sitzungsperioden teilnahm.

Nach seiner Wahl zum Patriarchen von Venedig nahm er das ganze Material seines Privatarchivs dorthin mit und erweiterte es noch um seine umfangreiche Korrespondenz jener Jahre, die die Beziehungen der vertraulichen Zusammenarbeit mit dem Heiligen Stuhl und mit den Leitern des italienischen Episkopats ebenso beleuchtet wie seine Gedanken inmitten der Kontingenzen, die ihn betreffen und interessieren.

Es ist, zusammen mit den Büchern seiner Bibliothek, dieses persönliche Reisegepäck, das er nach der Wahl auf den Stuhl Petri in den Apostolischen Palast bringen ließ. Den Weg zu rekonstruieren, den es zurückgelegt hatte, war Gegenstand der ersten Untersuchung. Der Umzug des Archivs und seiner Bibliothek von Venedig in den Vatikan wurde von der Umzugsfirma durchgeführt, die der Jesuitenpater Roberto Busa (sein Kommilitone im Priesterseminar von Belluno) empfohlen hatte, der sich in der Vergangenheit bereits um den Umzug der persönlichen Besitztümer Pauls VI. gekümmert hatte. Don Carlo Bolzan, ein Priester, der Lucianis Vertrauen genoss, wurde damit beauftragt, sich darum zu kümmern, dass das ganze Material in der gewünschten Anordnung ankäme, und am 13. September [1978] traf es im Vatikan ein.

Die Transportbehälter wurden in den Räumen unterhalb der päpstlichen Wohnung untergebracht. In der kurzen Zeit seines Pontifikats wurde nur ein quantitativ unbedeutender Teil davon aus den Umzugskisten geholt, darunter sein persönlicher Terminplaner für 1978, in blauem Kunstleder gebunden, den er auch als Papst weiterbenutzte, um seine Konzeptentwürfe für die Angelusgebete und die Generalaudienzen zu notieren. Was hingegen die Bücher seiner Bibliothek anbelangt, so begann er mit den Bänden der Gesamtausgabe des heiligen Franz von Sales, die er in der Bibliothek seines Arbeitszimmers eingeordnet haben wollte.

Nach seinem Tod und der folgenden Wahl Johannes Pauls II. (16. Oktober 1978) wurden alle Papiere und Bücher des Luciani-Papstes, Terminkalender und Notizbuch des Pontifikats weggeschlossen und in den nachfolgenden Tagen an die Adresse des Patriarchenpalasts der »Serenissima« geschickt, wo sie bis 2001 blieben, als sie dem Historischen Archiv des Patriarchats von Venedig übergeben wurden.

Unter der Schirmherrschaft der Vatikan-Stiftung Johannes Paul I. überquerte Lucianis Archiv am 1. Dezember 2020, nach 42 Jahren, zum vierten Mal die Wasser der Lagune. Nun ist es heimgekehrt. Wo es als Gegenstand der Forschung zu neuem Leben erweckt wird.

Stefania Falasca