Weise Frauen

Die lange Wartezeit der Hildegard, einer hochbegabten »Feder«

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29 Mai 2021

Sie wurde erst nach tausend  Jahren heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erklärt


Die kleine, zierliche, überaus fragile Hildegard, die dem Tod am Tag ihrer Geburt ganz knapp von der Schippe sprang: was mag es sein, das sie sieht, was ihr erscheint während ihrer Tage als einsames, wortscheues kleines Mädchen, wenn ihr Blick wie verzaubert scheint  und Bildern folgt, die andere nicht zu interpretieren wissen?

Hildegard von Bingen, Samariterin des Blickes, Theologin der Vision, spricht uns moderne, in die Welt der Bilder versunkene Menschen an. »Was ich nicht sehe, kenne ich nicht«, so wiederholt sie.

Das Volk erkannte in ihr bereits zu Lebzeiten eine Frau Gottes und verehrte sie unmittelbar nach ihrem Tod, aber erst 2012 wurde sie formell heiliggesprochen und zur Kirchenlehrerin erklärt. Eine lange Wartezeit bis zur Zuerkennung einer intellektuellen Dimension, die in der Kirche den Frauen so schwer zugestanden wird, die eher als Mystikerinnen denn als Theologinnen akzeptiert werden. Und im Übrigen war nichts in Hildegards Leben einfach. Weder ihre schwere Geburt als zehntes Kind ihrer Eltern. Noch ihre ersten Lebensjahre als schwieriges, ganz eigenes, geradezu unheimliches kleines Mädchen. Noch das Kloster, in das sie blutjung eintrat. Selbst im 12. Jahrhundert war es höchst ungewöhnlich, den Eintritt einer 8-Jährigen ins Kloster zu bewilligen. Es mag uns schrecklich vorkommen, und das ist es auch. Aber zu jener Zeit wurden Kinder auf eine ganz andere Art geliebt und gehen gelassen als wir das heute kennen. Es ist nicht leicht, sich das vorzustellen, aber wir können es versuchen.

Hildegard kommt 1098  in Bermersheim in der Diözese Mainz 1098 in einer Familie des niederen Adels zur Welt. Gottfried von Disibodenbergs  und Theoderich von Echternachs Vita sanctae Hildegardis zufolge ist sie oft krank, geradezu am Rand des Todes, hat Visionen, spricht kaum. Als sie ins Benediktinerkloster Disibodenberg eintritt, wird sie der Fürsorge der jungen Adligen Jutta von Sponheim anvertraut, die dort in einem Inklusorium, einer von ihren Eltern errichteten Zelle, als Anakoretin, als Einsiedlerin,  lebt, und die einwilligt, ihre geistliche Erziehung zu übernehmen. In einem Brief an Bernhard von Clairvaux schreibt Hildegard, dass sie die innere Bedeutung der Psalmen und der anderen Texte der Bibel kenne, die ihr in den Visionen gezeigt würden, aber dass sie sie »nur auf einfache Art« zu lesen verstehe und dass sie die einzelnen Worte nicht kenne. Ein Eingeständnis ihrer Ignoranz, die in der Vita bestätigt wird, wo man liest, dass Jutta ihr lediglich beibrachte, die Psalmen Davids zu singen und sich dabei auf dem 10-saitigen Psalter zu begleiten, und dass sie davon abgesehen »nichts weiter von anderen Menschen über das Schreiben oder die Musik lernte, obwohl nicht wenige Schriften von ihr und einige Bücher erhalten sind, die alles andere als dünn sind.« Das ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit. Was sowohl Hildegard als auch ihre Hagiografen betonen wollen, ist, dass Gott in ihr spricht. Denn ihre Persönlichkeit ist absolut außergewöhnlich, und das konnte zu jener Zeit hochgefährlich sein, insofern die Visionen damals ebenso wie heute verdächtig waren, da ungewiss war, ob sie von Gott oder vom Teufel gesandt waren. Nicht einmal das Kind Hildegard konnte das wissen, und tatsächlich lernt sie, sie lange Zeit geheimzuhalten. Ihre Umgebung erkennt die Außergewöhnlichkeit wie auch die Gefahr, die sie läuft, und dass sie ins Kloster geschickt wird, ist eine extreme Form des Schutzes vor dem Getuschel der Welt. Für sie aber wird es auch noch zu etwas anderem. Chiara Frugoni zufolge ist das Kloster für die mittelalterliche Frau ein Ort der Unabhängigkeit, ein Ort, wo sie das »Zimmer ganz für sich« haben kann, das es ihr gestattet, es den Männern im Gebet, in der Meditation und in der Kultur gleichzutun bzw. sie darin noch zu übertreffen.

Eine weise Frau zu sein heißt, in einem Grenzbereich zu leben. Es ist schwer, keine Grenzen zu überschreiten, aber es ist gefährlich, es zu tun. Ein zermürbendes Aufnehmen und Eingrenzen. Auch im Kloster, denn auch im Kloster muss sie sich schützen, vor allem vor dem Verdacht der Häresie, und auch Hildegard wird von Abt Kuno Schweigen auferlegt, und sie akzeptiert: »Bis zu meinem 15. Lebensjahr sah ich viele Dinge, und einige erzählte ich einfach, aber diejenigen, die sie hörten, wunderten sich so sehr, dass sie sich fragten, von wo und von wem sie kämen… Daher wunderte ich mich selbst und verheimlichte die Vision, soweit dies möglich war.« Sie kann über das, was sie sieht, nicht sprechen, aber sie sieht, und sieht ganz klar und scharf, ihr Geist ist alles andere als verwirrt: »Ich höre diese Dinge… mit offenen Augen, weshalb bei den Visionen meine Ekstase nicht nachlässt: ich erlebe sie in wachem Zustand, bei Tag und bei Nacht…« Gott präsentiert sich als Licht. In Hildegards Texten kehren die Worte Licht, leuchtend, Sonne, Erleuchtung, Schimmer als Interpretationsschlüssel der Schöpfung immer wieder. Die Visionen sind präzise, gebildet, gehen vom Text der Bibel aus, sind aber hochoriginell. Was sie weiß und tut kann nur von Gott kommen.

Und sie weiß sehr viel. Hildegard gibt mehrfach eine wunderschöne Selbstdefinition: »eine dem Wind des Gottvertrauens anvertraute Feder«. Eine Feder, weil sie oft dem Wind des Verdachts oder der Vergötterung ausgesetzt ist. Ein Atemzug genügt, und sie wird für eine Heilige oder für eine Hexenmeisterin gehalten. Sie hat fühlt sich ihrer adeligen Schülerin Richardis von Stade eng verbunden, die sie bevorzugt, erzieht und liebt. Sie, die von Gott geliebt wird, fürchtet sich nicht, zu lieben. Es ist der Glaube an Gott, der sie bewegt, und auch wenn sie mit den Zweifeln der Propheten des Alten Testaments vertraut ist, hat sie letztlich doch das klare Bewusstsein ihres Wertes als Instrument in Gottes Händen. Das, was sie als Lebendiges Licht bezeichnet, zeigt ihr ganz klar, was sie tun soll. Schreiben: und Hildegard schreibt. Im Alter von 42 Jahren beginnt sie, ihre Visionen zu diktieren. Und dabei hilft ihr der Mönch Volmar, der ihr zugeteilt wird, um sicherzustellen, dass diese Offenbarungen das Kloster nicht verlassen. Und er ist es auch, der ihre Visionen in wunderschönen, allegorischen und höchst komplexen Miniaturen malt, über den Kosmos, über den Menschen, über die Stadt, über den Geist, der alle Geschöpfe belebt. [Es entstehen] drei theologische und prophetische Werke: Scivias (»Wisse die Wege«), der Liber vitae meritorum (»Der Mensch in der Verantwortung«) und der Liber divinorum operum (»Welt und Mensch« bzw. »Buch der göttlichen Werke«). Unterdessen hat Hildegard das Kloster Rupertsberg gegründet, an einem Ort, der ihr bei Bingen am Rhein von Gott gezeigt worden war. Es ist ein Kampf, von Abt Kuno die Genehmigung dafür zu erhalten, der sich an die Berufungen und folglich auch an die reichen Mitgiften gewöhnt hatte, die dank Hildegards Präsenz ins Kloster kamen. Dann sagt ihr das Lebendige Licht, dass sie die Heilkunst ausüben solle, und sie behandelt und heilt. Es war normal, dass es in den Benediktinerklöstern Krankensäle gab, aber das Lebendige Licht diktiert ihr auch die Grundlagen der Heilkunst, und Hildegard schreibt den Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum (»Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe«). Eine theologisch-naturalistische Wissenssammlung über die Pflanzen, die Krankheiten, das innere Gleichgewicht des Körpers. Körper und Geist. Der Geist, der im und mit dem Körper wirkt. Die Einheit von Natur und Geist, von Tieren, Pflanzen und Menschen. Es kommt die subtile Welt der Geister des universalen Schamanismus in den Sinn, die Vorstellung, dass zwischen dem Leben des Menschen und der Natur absolute Kontinuität herrscht. Oder eine Vorwegnahme der modernen Einheitssicht der Welt. So ist es, aber bei Hildegard ist Gott der Urheber dieser Harmonie.

Unterdessen schreibt sie die Himmelsmusik nieder, die die Visionen begleitet. Es ist eine neuartige Musik, und sie leitet ihre Mitschwestern an, bei den Messfeiern auch die Gläubigen daran teilhaben zu lassen. Auch die Mitschwestern sind Visionen. Die Gewänder aus Licht, mit Schleiern und Kronen schockieren, aber sie hört nicht auf. Sie ist die erste Komponistin, deren Werke wir besitzen und die stolz die Rolle des Gesangs im Glaubensleben verteidigt.

Was ihr widerfährt, geht weit über das menschliche Maß hinaus. Sie liebt Gott durch die Leiber, die sie heilt. Zuvor liebte sie ihn durch die Worte. Dann durch die Musik, und schließlich durch die Pflanzen und Blumen, die gesamte Natur.

Und dann, als sie für jene Zeit bereits in fortgeschrittenem Alter, bereits alt ist, befiehlt ihr das Lebendige Licht zu predigen, eine für eine Frau absolut außergewöhnliche Tätigkeit. Und sie bricht auf: Köln, Trier, Lüttich, Würzburg. Wir müssen uns diese Reisen im Hochmittelalter einmal vorstellen: eine schon immer zerbrechlich zarte Frau, die Kälte, der Schlamm, wenn der Boden auftaut, der Rheinstrom, den es zu überqueren gilt. Die Krankheit macht sie zu einer Samariterin, die selbst der Pflege bedarf, aber wer sie pflegt ist das Lebendige Licht, das durch sie die Körper, die Häresien, die Versuchungen, Macht zu erringen, heilt.

Auf wie viele Arten ist Hildegard doch Samariterin gewesen! Sie hat niemals ihre Straßenseite gewechselt, obwohl sie eine Frau war, allein war, keine große Persönlichkeit hinter sich hatte, die sie beschützt hätte, »paupercula feminea forma«, die von Männern kommandiert wurde, von mächtigen Priestern und Leviten, die die Kontrolle über ihre Gabe hatten. Da kommt die Ostersequenz in den Sinn, »Mors et vita duello conflixere mirando« (»Tod und Leben rangen in wundersamem Zweikampf«), in ihr, in ihrem Leib.

Die ganze Welt fragt sich, wie das möglich sei, aber das sind unwichtige Fragen, wenn wir vom Glauben und von der Liebe für alle Geschöpfe beseelt sind.

Zwei leuchtende Regenbögen kreuzen sich im Himmel, einer von Nord nach Süd und einer von Ost nach West, genau über der Zelle des Klosters Rupertsberg, als Hildegard am Abend des 17. Septembers 1179 stirbt. An dem Punkt, an dem die beiden Regenbögen sich begegnen, erscheint ein strahlend helles Licht, in dem ein von farbigen Kreisen umgebenes Kreuz erscheint. Die Bewegung des Lichts weitet sich auf das gesamte Firmament aus und senkt sich auf die Erde herab, bis es den das Kloster umgebenden Berg erleuchtet, um ihre ganze geliebte Heimat zu umarmen, voll der Energie, die sie als Viriditas, Grünkraft, die Grundkraft, die der gesamten Natur innewohne, zu bezeichnen pflegte, in der sich die ganze Schöpfung erhält. Eine Schöpfung, der Gott alltäglich »den Morgentau seiner Milde« sendet.

[Die Zitate sind dem Liber Divinorum Operum (»Buch der göttlichen Werke« bzw.  »Mensch und Welt«) entnommen.]

Von Mariapia Veladiano
Schriftstellerin mit einem Studienabschluss in Philosophie und Theologie