Die Ideen

Das Dürsten nach Gott

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28 November 2020

Die Volksfrömmigkeit ist eine Sprache, die aus äußeren Zeichen, aus gemeinsamen Bräuchen besteht, durch die das Volk seiner Frömmigkeit Ausdruck verleiht. Wallfahrten zu den heiligen Stätten, Besuche von Wallfahrtskirchen, der örtliche Kult der Jungfrau und der Heiligen, der Brauch, Heiligenstatuen zu küssen und berühren, die Reliquien zu verehren, Heiligenlitaneien zu beten und Heiligenbildchen aufzubewahren sind teil der Volksfrömmigkeit, vor allem der katholischen. Angesichts der wachsenden Teilnahme an diesen Bräuchen in weiten Teilen der Welt – ein Phänomen, das dazu neigt, in Zeiten der Krise und der Pandemie zu erwachen –, lädt »Frauen – Kirche – Welt« dazu ein, über die Frömmigkeit als Ausdruck eines Volkes auf dem Wege nachzusinnen, das nach Gott dürstet, ebenso wie über die Rolle, die die Frauen dabei gespielt haben, das auf kollektiver Ebene zu ermutigen und davon auch als persönliches Engagement für das Gemeinwohl Zeugnis abzulegen. Kurzum, die Volksfrömmigkeit ist alles andere als die arme oder vom Pech verfolgte Verwandte der »wahren« Religion. Sie kann nicht der Mentalität der Gebildeten oder dem offiziellen liturgischen Kult gegenübergestellt werden. Und sie ist auch nicht bar jeden Gehalts. Vielmehr hört sie, insofern sie das Ergebnis einer inkulturierten Spiritualität ist, nicht auf, die Glaubensinhalte auf symbolischem Weg zu vermitteln. Gewiss, einige Auswüchse haben die Volksfrömmigkeit oft der Logik des Aberglaubens unterworfen, und wir wissen nur allzu gut, dass die Frömmigkeit im Allgemeinen – sei sie nun individueller oder kollektiver Art – Gefahr läuft, sich mitunter in Abgötterei, Sucht oder Mythisierung zu verwandeln. Trotzdem: wenn sie von der Heiligen Schrift erleuchtet und vom liturgischen Leben beseelt wird, dann geht von der Volksfrömmigkeit eine für die Kirche und folglich auch für die Welt sehr wichtige Evangelisierungskraft aus, wie die nachkonziliären Päpste von Montini bis Bergoglio erinnert haben. Das zu leugnen wäre, als leugne man das Wirken des Heiligen Geistes, der gerade über die individuelle oder kollektive Frömmigkeit auf Wegen der Wiederentdeckung der Ursprünge und der Radikalität der christlichen Botschaft führt und das Zeugnis für sie begünstigt. Eben diese Frömmigkeit wird beim Rosenkranzgebet, sofern es nicht zu einem eintönigen oder fast schon abergläubischen Singsang oder einer geradezu abergläubischen Praxis reduziert wird, zum kontemplativen Gebet, das dabei hilft, unsere persönliche Geschichte wie auch die Universalgeschichte unter dem Vorzeichen des Glaubens zu lesen und das uns also tiefer zu den Werten des Evangeliums bekehrt. Auch die Herz-Jesu-Frömmigkeit lädt, wenn sie von einem emotional geladenen Kult der Innerlichkeit befreit ist, dazu ein, das zu verehren, was im Leben des Christen wesentlich ist, nämlich die Liebe, und sie in die Praxis umzusetzen.

Francesca Bugliani Knox