Hinweis

Diese Website verwendet Cookies
Ein Cookie ist eine kleine Textdatei, die dazu beiträgt, Ihren Besuch auf unserer Website zu verbessern. Mit dem Navigieren auf den Seiten dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu unseren Cookie-Richtlinien finden Sie in den Nutzungsbedingungen.

Wo quer durch die Geschichte die Schritte Christi widerhallen

· ​Im Gespräch mit José Tolentino de Mendonça, Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche ·

Miniatur aus dem »Römischen Vergil« (5. Jahrhundert, Vaticano lat. 2867, fol. 14r, Detail)

Bischof José Tolentino spricht über das Vatikanische Geheimarchiv und die Vatikanische Apostolische Bibliothek, über die Bedeutung, die diese im Pontifikat von Papst Franziskus haben können wie auch über die Konvergenzen, die er in diesem Amt zu fördern gedenkt, das mit einem Lernprozess beginne, bei dem man dann einen roten Faden finde, der dem außerordentlichen Reichtum dieser Institutionen gerecht werde.

Sie werden ab September alle Initiativen leiten und koordinieren, die mit der Vatikanbibliothek zusammenhängen, der ältesten Bibliothek der Welt. Ich würde diese Unterhaltung gerne mit einem Satz eines Dozenten der Katholischen Universität Portugals, Mendo Castro Henriques, beginnen: »Die älteste Bibliothek der Welt wird einem Mann anvertraut, der über die seltene Gabe verfügt, an die Zukunft zu denken.« Ist es das, worum es geht?

Eine Bibliothek, die ein großer Hort der Erinnerung der Kirche, der Päpste, des Christentums und der Menschheit ist – in der Vatikanbibliothek werden Dokumente aufbewahrt, die Zeugnis für die Kulturen des Westens wie des Ostens ablegen, Schätze der Identität der Völker, die über die Jahrhunderte erhalten wurden –, ist ein Erbe, das das Gedächtnis der Menschen darstellt, zugleich aber auch eine Zukunftskraft oder, wie wir sagen, die Kraft der Wurzeln. Die Wurzeln sind keineswegs die Vergangenheit des Baumes, sie sind die Garantie seiner Lebensfähigkeit. Daher sind das Archiv und die Bibliothek eine Garantie für die Lebensfähigkeit und die Zukunft der Kirche an sich.

Besteht die Herausforderung darin, etwas Lebenskraft einzuhauchen, von dem man oft meint, man habe, um es zu verschließen, siebenmal den Schlüssel im Schloss gedreht?

Nein, so ist es überhaupt nicht! Im vergangenen Jahr wurden Dutzende von Malen Werke des Archivs und der Bibliothek in alle Welt verliehen. Es herrscht eine Politik des Ausleihens und der Präsenz, die der gesamten Welt die Tore dieser Institutionen öffnet. Dort sind über 2.000 Forscher akkreditiert, die ihre Forschungen auf allerhöchstem Niveau durchführen. Von »geheim« kann nicht die Rede sein! »Geheim« heißt soviel wie »privat«, es handelt sich um ein Archiv, das der Kirche gehört, aber ich meine, dass es an der Zeit ist, diesem romanhaften Aspekt eines Archivs, das unzugängliche Geheimnisse hüte, endlich den Garaus zu machen. Es hütet jene Geheimnisse, die ganz allgemein jedes beliebige Archiv hütet.

Ist das, was im September anfängt, ein Dienst , den Sie der Kirche auf kulturellem Gebiet leisten?

Eine Bibliothek ist ein Ort der Kultur, des Denkens, der Dialoge, der Begegnungen, sie ist eine Grenze der Wissenschaft, wo die Erinnerung gehütet wird, wo aber auch der Wunsch nach einer Zukunft pulsiert. Eine Bibliothek ist eine Chance, Dinge zu tun, neue Verbindungen herzustellen und den Texten neues Leben einzuhauchen. Die Texte haben nicht nur ein einziges Leben. Sie haben den Augenblick, in dem sie geschrieben wurden, aber sie tragen viele noch verborgene weitere Möglichkeiten in sich.

Sie leben jedes Mal, wenn sie gelesen werden, ein neues Leben.

Jedes Mal, wenn sie gelesen, vorgezeigt, in einen neuen Kontext gestellt werden, sind dies neue Möglichkeiten, die sich auftun.

Eben deshalb hat Mendo Castro Enriques gesagt, dass Sie ein Mann sind, der die Fähigkeit besitzt, die Zukunft zu projizieren, und das ist die Art und Weise, wie Sie die Bibliothek sehen.

Das ist eine Sorge, die mich immer verfolgen wird. Ich denke, dass es die Aufgabe des Bibliothekars ist, über die Unversehrtheit dieses Schatzes zu wachen, und alles dafür zu tun, dass er im bestmöglichen Zustand an die kommenden Generationen weitergegeben wird, zugleich aber auch in einen Dialog mit der Gegenwart einzutreten und diesen Texten eine neue Chance zu geben und neue Begegnungen zuzulassen, die eine Pflanzschule für Dialoge und für die Errichtung des Friedens sein mögen; im Grunde ist das ja das eigentliche Ziel der Kultur.

Ich glaube nicht, dass Sie bereits ausgearbeitete Projekte haben, die Sie verwirklichen wollen, aber Sie haben wohl Wunschprojekte?

Ich habe bereits klar abgesteckte Vorhaben. Das Vorhaben besteht darin, zu lernen. Wenn man an einen Ort kommt, einen Ort, den man noch nicht kennt, dann besteht das, was man tun muss, darin, von denen zu lernen, die bereits dort sind, ihnen zuzuhören, das, was dort gemacht wird, kennenzulernen, wahrzunehmen, zu würdigen. Und genau mit dieser Einstellung werde ich dorthin gehen und diese Aufgabe antreten. Dann werde ich nach und nach zusammen mit den Personen, die bereits dort sind, versuchen, einen roten Faden zu finden, der diesem ungeheuren Reichtum, den eine Bibliothek darstellt, gerecht wird. Sie ist die Konsolidierung des Wissens, des Traumes, der Hoffnungen ganzer Epochen bzw. Generationen. In diesen Werken ist alles niedergeschrieben. Bei seinem Besuch in der Vatikanbibliothek hat Paul VI. einen wunderschönen Satz gesagt: »Die Bibliothek ist jener Ort, an dem wir die Schritte Christi in der Geschichte der Menschheit widerhallen hören.« Diese Treue zur Geschichte der Menschheit, die Gott liebt und deren Zeugen das Archiv und die Bibliothek sind.

Ein Beitrag auch zu dem Vorhaben der Erneuerung, das Papst Franziskus seinen Mitarbeitern zu vermitteln sucht?

Die Reform besteht in einer Versenkung in die Wurzeln, in eine Tiefe des Blicks, die es ermöglicht, die Geschichte zu analysieren, ohne in dem gefangen zu bleiben, was näher oder vorhersehbarer ist. Die großen Propheten lassen sich nicht nur von der Lektüre der Zeichen der Zeit inspirieren, sondern sie suchen ihre Inspiration auch bei den großen Denkern, bei jenem Kapital der Unruhe und des Durstes, das auch schon vor uns im Herzen der Menschen gewohnt hat. Deshalb fängt eine Reform niemals bei Null an, sondern sie ordnet sich stets mit einer dahintersteckenden Kraft, mit Nachdruck in eine Tradition, in eine Kontinuität ein. Im Christentum ist es schon immer so gewesen: Jedes Mal, wenn die Kirche eine Reform in Angriff genommen hat, hat sie stets ihre Ursprünge und das Wesen ihrer Erfahrung wiederentdeckt.

In einer unmittelbar nach Ihrer Ernennung verfassten Botschaft haben Sie geschrieben, dass es möglich sei, mithilfe der Kultur, der Bibliotheken, jene Begegnungskultur zu fördern, zu der der Papst mit so viel Nachdruck aufruft. Wie stellen Sie sich das vor?

In einer Bibliothek gibt es sehr unterschiedliche Bücher. Es gibt dort die unterschiedlichsten Standpunkte. Eine Bibliothek ist ein Laboratorium der Vielfalt.

Auch die Vatikanbibliothek?

Alle Bibliotheken! Und die Vatikanbibliothek ist eine Bibliothek. Sie beherbergt die Zeugnisse der Märtyrer, die großen Werke der Päpste, ein jeder von ihnen mit seinem Charisma, weil der Heilige Geist Vielfalt ist. Er ist einer, und zugleich ist er vielfältig. Der Sinn der Gemeinschaft eliminiert nicht die Schönheit der Verschiedenheit, die sich im Sinne des Evangeliums gegenseitig ergänzt. Eine Bibliothek ist der Ort, wo man dieses Klima der Gemeinschaft in der Verschiedenheit atmet.

Meinen Sie, dass Sie in der Vatikanbibliothek die Vielfalt der Erfahrungen finden werden, die das Christentum im Laufe der Geschichte gemacht hat?

Die Bibliothek zeugt für das, was das Christentum als grundlegende Erfahrung ist, und was es historisch gewesen ist. Das ist klarerweise etwas von äußerster Schönheit, da die Kirche in ihrer Eigenschaft als spirituelle, übernatürliche Wirklichkeit vom Heiligen Geist geführt wird, und der Heilige Geist hat Phantasie, er lässt uns nicht auf eine einzige Form festlegen, sondern er ist polyphon, er manifestiert sich durch verschiedene Stimmen und Prophetismen. Eine Bibliothek des Christentums muss der dem DNA der christlichen Erfahrung innewohnenden Vielfalt gerecht werden.

Ich möchte gerne die Dialogbereitschaft ansprechen, durch die sich Ihre Biographie auszeichnet. Ist es gerade das, was es gestattet, in verschiedenen kulturellen Sphären, zu unterschiedlichen Persönlichkeiten Brücken zu schlagen?

Ich meine, dass ein Christ eine Leidenschaft für die Personen, für die Menschen hegen sollte. Keine zwei Personen sind völlig gleich. Wir dürfen keine Angst vor der Verschiedenheit haben, sondern sollten uns durch den anderen Standpunkt fasziniert fühlen, von dem, der die Welt mit einem anderen Gemütszustand, einem anderen Blick, einem anderen Bewusstsein wahrnimmt, denn wir gewinnen immer bei einer Begegnung, beim gegenseitigen Kennenlernen. Man muss die Logik der Sakristei überwinden und sich im Innersten für das Schönste öffnen: für die Chance, gemeinsam durch die Geschichte zu gehen und einen Sinn nicht etwa in dem zu finden, was uns voneinander entfernt oder trennt, sondern in dem, was uns eint und das immer stärker ist. Jeder Mensch ist nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen. Er ist ein heiliges Werk, und Gott lässt in jedem menschlichen Wesen seine Stimme auf ursprüngliche und einmalige Weise widerhallen.

Sind Sie, auch ohne das Wort auszusprechen, der Ansicht, dass es bei vielen dieser Begegnungen noch immer die eine oder andere proselytenmacherische Einstellung bei Vertretern der katholischen Kirche gibt?

Ich denke, dass es das auf beiden Seiten gibt. Gerade so, wie mitunter gezögert und davor zurückgeschreckt wird, den Dialog seitens der Kirche zu fördern, so gibt es auch seitens der außerhalb der Kirche stehenden Menschen Vorurteile und Widerstand gegenüber dem, was ein Dialog mit der Kirche sein kann. Man muss die Ängste und Befürchtungen abbauen und die Erfahrung machen. Es spielt keine Rolle, welche Dimensionen diese Erfahrung annimmt: Sie kann geringfügig sein, bei der Begegnung zwischen einzelnen Menschen, einer Familie, bei einer Begegnung zwischen Arbeitgebern und Arbeitskollegen; sie kann eine große Dimension annehmen zwischen Institutionen. Wichtig ist, dass diese Begegnungskultur geschaffen wird, wie Papst Franziskus unablässig wiederholt.

Und ist das die zwanzigjährige Erfahrung, die Sie in Lissabon nach Ihrer Promotion gemacht haben?

Ich arbeite seit zwanzig Jahren an der Universität, in der Kulturseelsorge und in der portugiesischen Kulturwelt.

Mit einer höchst positiven Einschätzung?

Äußerst positiv für mich! Das ist, wer ich bin. Ich kann mir mein Leben nicht vorstellen ohne diese zwanzig Jahre. Ich pflege zu wiederholen – der Satz stammt nicht von mir, ich habe ihn übernommen –, dass ich ein Werk der anderen bin. Im Rückblick auf diese zwanzig Jahre und auf die Menschen, die ich kennengelernt habe, [habe ich gelernt,] dass das, was unser Leben wirklich verändert, die Begegnungen sind, die wir haben. Das Mehr an Leben, das wir den anderen schenken, die Wette, die wir in Bezug auf Vertrauen und Freundschaft eingehen, ist immer fruchtbar. Zumindest in mir hinterlässt es einen unauslöschlichen Wohlgeruch.

Sollte das Leben als Priester, der Weg eines Priesters auf irgendeine Art und Weise aufgerüttelt werden, über die absorbierende Erfahrung der Pfarrgemeinde hinausgehen? Müssen weitere Schritte getan werden?

Ich kann nur über mich selber sprechen, denn wir sind alle verschieden, unsere Ausgangspunkte sind verschieden und ich bin nicht mit allen Wirklichkeiten vertraut. Für meine eigene Spiritualität war sehr wichtig, was ich von anderen Menschen empfangen habe, von den Gläubigen und sogar von den Nicht-Gläubigen, die mir viel über Gott beibringen. Es gibt Agnostiker, die mich viel über Gott lehren, weil sie mir Fragen stellen und ich diese für mich als Möglichkeit eines Weges und sogar des Gebets für mich nutze. Eine Spiritualität, die darin intransigent ist, dass sie sich engstirnig auf einen bestimmten Kreis beschränkt, steht am Ende ärmer da, weil Christus uns stark dazu herausfordert, eine Kirche zu sein, die hinausgeht. Er sendet die Jünger mehrfach aus, und in seiner Aufforderung, den anderen Menschen zu begegnen, können wir auf ganz unerwartete Seiten des Evangeliums stoßen. Und diese unerwarteten Seiten erwarten uns. Wir können sie einzig und allein in der Überraschung der Begegnungen entdecken.

Mit derselben Orthodoxie, die anderen innewohnt?

Mit ein und derselben Orthodoxie! Denn wir dürfen keine Phantasiegespinste haben. Das Christentum ist eine wesentliche Erfahrung. Es ist eine Wahrheit. Aber ist keine Wahrheit, die mich in Opposition zu den Anderen bringt. Es ist eine Wahrheit, die mich radikal den Anderen gegenüber öffnet. Die Wahrheit des Christentums ist die Gastfreundschaft. Es ist keine Grenze, die von der Polizei bewacht wird. Deshalb braucht man auch keine Angst vor der Begegnung zu haben, weil die Liebe die großartige Orthodoxie ist. Die Nächstenliebe und die Gastfreundschaft sind die großartige christliche Orthodoxie. Der Papst fordert uns inbrünstig dazu auf, dies zu praktizieren, der facto eine Moral zu haben, die die Menschen, den Dienst an den Menschen, am Leben, am verletzlichen Leben, am nackten Leben in Rechnung stellt. Und die eine Ethik sein soll, die von der Erfahrung mit Jesus, mit dem Evangelium, durchzogen ist. Sie kann niemals nur eine vom Schreibtisch aus propagierte Moral sein. Sie muss vielmehr ein Weg sein, der zu Fuß gegangen werden muss. Sie muss jenem Weg entsprechen, den der Vater des Verlorenen Sohnes, der barmherzige Vater, einschlägt, der die Initiative ergreift, diesen Sohn zu umarmen und ihn wieder beim Fest der Gemeinschaft einzuführen. Das ist die große christliche Moral.

Von Paulo Rocha

Im Hieronymitenkloster

Am Nachmittag des 28. Juli empfing José Tolentino de Mendonça – der am 1. September seine neue Aufgab als Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche antreten wird – in dem prachtvollen, aus dem 15. Jahrhundert stammenden Hieronymitenkloster die Bischofsweihe als Titularbischof von Suava. Die eucharistische Konzelebration fand unter dem Vorsitz des Patriarchen Kardinal Manuel Clemente statt. Mitkonsekratoren waren Kardinal António Augusto dos Santos Marto, Bischof von Leiria-Fátima, und der emeritierte Bischof von Funchal, Teodoro de Faría. Der 28. Juli ist ein Datum, das in de Mendonças Biographie immer wieder auftaucht: tatsächlich empfing er an eben diesem Tag des Jahres 1990 die Priesterweihe für die Diözese Funchal (Madeira).

Wir veröffentlichen hier in fast vollem Umfang das Interview, das er der Agentur Ecclesia gewährt hat und das auch von Antena 1 ausgestrahlt wurde.

Druckausgabe

 

LIVE

St. Peter’s Square

13. November 2018

VERWANDTE NACHRICHTEN